Harte Zeiten für die Altstadthändler: Mit wem stirbt Regensburgs Tradition?

„Gfallt Eana des?“ Andreas Meier will es hören, das Nein. „Hinterm Horten. Alles leer!“ Der Wurstkuchl-Wirt fragt noch mal: „Gfallt Eana des?“ Noch bevor ich antworten kann, bricht es aus ihm raus. „Die Regensburger Altstadt ist gestorben!“ Warum genau darin eine Chance liegt – ein Essay.
Wir telefonieren, weil die Bäckerei Schwarzer einen Insolvenzantrag gestellt hat und weil es bei Meier, dem Wirt der ältesten Bratwurststube der Welt, seit jeher zu den „Sechs auf Kraut“ ein Schwarzer Kipferl gibt. Aber Meier geht es schnell um mehr. Um gestern, um heute, um morgen. Um Tradition.
Meine Antwort lautete übrigens, wie gewünscht: „Nein.“ Wem gefallen schon Geschäfte in Schieflage und Leerstände? Etwas überrumpelt habe ich mich aber doch gefühlt – und mich gefragt, ob es wirklich so schlecht um die Tradition bestellt ist. Gerade hier in Regensburg, wo man sich gerne seiner Geschichte und deren Bauten rühmt. So gerne, dass ich es beizeiten nicht mehr hören und sehen kann.
Regensburger Originale: Kein Würstl vom Done, keine Dampfnudel vom Uli
Aber was soll ausgerechnet ich dazu sagen? Ich habe weder eine Dampfnudel vom Uli (schloss 2022) noch ein Würstl vom Done (2016) gegessen. Beim Arnulfsbäcker (2014) war ich meines Wissens nie, in der Metzgerei Kain (2022) ganz sicher nicht. Ob ich Medikamente in der zweitältesten Apotheke Deutschlands (Engel, 2025) oder im DEZ hole, ist mir im Zweifel egal. Der „Lange Heinrich“ (2009) fiel, kurz bevor ich hergezogen bin, genau wie die Ostermeier-Ruine (2011).
Vielleicht ist es das, was derlei Einschnitte für mich nicht vollends greifbar macht - dass ich kein gebürtiger Regensburger bin. Aber das ist er auch nicht: Gerd Otto, von 1985 bis 2005 Chefredakteur der MZ, noch heute mit seinen 85 Jahren jeden Tag bei uns im Newsroom und ein wandelndes Regensburg-Lexikon. 2010 hat er das Buch „Uns gab’s schon damals“ geschrieben. Es geht um „krisenfeste Regensburger Firmen und Institutionen“, die mindestens seit den 1920er Jahren existieren. Und siehe da: Viele gibt’s heute noch. Juwelier Pleyer, Foto Zacharias, Bücher Pustet, Mode Schäffer, Sport Schrott, Parfümerie Miller, Farben Eckert oder Bürsten Ernst sind nur ein paar Beispiele.
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Letztgenannter Laden, eröffnet im Jahr 1894, erscheint mir besonders nischig. Drin riecht es nach Seife, nicht Bürste. Das kleine Geschäft in der Glockengasse quillt über vor Fußmatten, Reinigern und Geschirrtüchern, aber auch Haarspangen oder Deko-Artikel sind liebevoll drapiert – und natürlich gibt es Bürsten und Besen aller Art.

Begrüßt wird man im Bürsten Ernst von einem jungen Lächeln. Es gehört der 25-jährigen Sophie Jäger, die das Geschäft in fünfter Generation zusammen mit Oma Waltraud Ernst führt. Etwas habe sie das Sortiment schon verändert, sagt Jäger. „Sie kann sich frei entfalten“, wirft die Oma ein, die sich fürs Bürstenbinden verantwortlich zeichnet.
Wie sich die Rahmenbedingungen in der Altstadt für Betriebe dieser Art verändert haben? Darauf hat Ernst keine Antwort. Aber der Keil fällt ihr gleich ein, dessen 218 Jahre dauernde Stahlwaren-Geschichte – es war das älteste Geschäft der Stadt – 2024 heimlich, still und leise zu Ende gegangen ist. „Schade.“ Und die ganzen Leerstände? „Ich komme fast gar nicht mehr in die Stadt. Unsere Lebensmittel kaufen wir außerhalb.“
Nichts offenbart die Probleme des Altstadthandels mehr als der leerstehende Kaufhof-Koloss. Dass es dafür eine Lösung braucht, ist allen klar. Der Wahlkampf beweist das. Gerd Otto sorgt sich eher um das Palais Löschenkohl am Neupfarrplatz, den er die „Wall Street Regensburgs“ bezeichnet. „Das Haus bröselt vor sich hin. Da wird sich die öffentliche Hand nicht beteiligen.“
Der Umgang mit Traditionen scheint mir ohnehin beliebig. Wie gern erinnert sich der Regensburger, je nach Alter, an den Schocken, den Merkur, den Horten? Wie leicht kommen selbst die ärgsten Facebook-Schreihälse bei Bildern der alten Tram ins Schwärmen? Als der Kaufhof aber jahrelang dahindarbte, herrschte doch Konsens: das Kaufhaus nicht mehr zeitgemäß, der Bunker unansehnlich. Und die Neuauflage der Straßenbahn, die haben die Bürger höchstselbst verhindert.

Gerd Otto hätte für die Stadtbahn gestimmt, wenn er gedurft hätte. Mittlerweile lebt er in Wenzenbach. Aufgewachsen ist er in der Von-der-Tann-Straße und in Steinweg. „In der Altstadt war immer Bewegung drin“, sagt er und erinnert sich an den Wollwarengroßhändler Rothdauscher oder den Konfektionär Fischl. „Heute sind die Filialisten dominant. Wären die nicht da, würde nicht viel übrig bleiben.“ Otto sieht die Altstadt durchaus in Gefahr. „Wenn die Leute schlechte Einkaufsmöglichkeiten haben, wird die Innenstadt zur Touristenmeile.“
Genau dieses Gefühl habe ich längst, zumindest am Wochenende, wenn die Altstadt aus allen Nähten platzt. „Aber an normalen Tagen eben nicht. Wovon sollen die Händler dann leben?“, fragt Otto.
Die Handwerksbetriebe fungieren als Stabilitätsanker (...). Sie sind als Anziehungspunkt zudem oftmals der Grund für Menschen überhaupt erst Regensburg und die Regensburger Altstadt zu besuchen.Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz
„Betriebsaufgaben, Insolvenzen und Verkäufe von Traditionsunternehmen – so weh sie oft tun – belegen den Spruch: ,Handel ist Wandel‘“, sagt Dr. Martin Kammerer, Geschäftsführer des IHK-Gremiums Regensburg. Der Unternehmensbestand in der Altstadt unterliege immer „einer gewissen Fluktuation“, derzeit beobachte er aber eine „größere Dynamik“. Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, bezeichnet die derzeitigen Rahmenbedingungen, gerade für kleine Betriebe, als „alles andere als einfach“. Bürokratie, steigende Kosten und ein sich änderndes Einkaufsverhalten zählt er auf, aber auch Fachkräftemangel und fehlende Nachfolger.
Das Oma-Enkel-Duo vom Bürsten Ernst hat kein Nachfolger-Problem. „Irgendwie war mir schon immer klar, dass ich das Geschäft übernehmen will“, sagt Jäger. Druck, eine Tradition aufrechterhalten zu müssen, verspüre sie „eigentlich nicht“. Das liegt auch daran, dass die Oma mit an Bord ist. „Wir sind ein eingespieltes Team.“ Über fehlende Kunden können sich die beiden nicht beschweren. Tatsächlich wird unser Gespräch ziemlich oft von der Türglocke unterbrochen. „Wir haben Kunden, die kommen von auswärts, von überall her – und ihr erster Weg ist zum Bürsten Ernst“, sagt die Oma stolz. „Wir sind eine Tradition.“

Aber was genau ist Tradition? Per Definition „etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. Ä. in der Geschichte, von Generation zu Generation [innerhalb einer bestimmten Gruppe] entwickelt und weitergegeben wurde [und weiterhin Bestand hat].“ Auf den Inhalt der Klammern kann man also verzichten. Das wundert mich doch ein bisschen. Wenn, wie Klammer zwei besagt, der Fortbestand fakultativ wäre, könnten wir schulterzuckend zuschauen, wenn ein Traditionsgeschäft aufgibt.
Klammer eins sehe ich – wie gesagt, kein gebürtiger Regensburger – dagegen als obligat an, als Grund für sich ändernde Voraussetzungen. Ich bin nicht der einzige, der hierhergezogen ist. Allein zwischen 2019 und 2025 ist die Stadt um mehr als 10.000 Menschen reicher geworden – und internationaler. Otto sagt: „Regensburg hat schon immer von äußeren Einflüssen und Zugezogenen profitiert.“ Im Mittelalter von den Runtingern und Löschenkohls, später vom Immerwährenden Reichstag, dann von BMW und Siemens, aber auch den Rehoriks und Deutzers beispielsweise, die aus Karlsbad kamen. Von Studenten, die es in Ottos Jugend noch nicht gab. „Dieser Klebeeffekt ist ganz wichtig“, sagt der Wirtschaftsjournalist.
1984 eröffnete der erste Dönerladen in Regensburg
Wenn ein Geschäft, egal ob alt eingesessen oder nicht, in der Altstadt aufgibt, wird in Sozialen Medien gerne die Döner-Keule geschwungen. „Platz für noch so eine Bude“, heißt es dann zynisch. Knapp 20 davon gibt es innerhalb des Alleengürtels. 1984(!) eröffnete mit Anadolu der erste Dönerladen und ist damit längst selbst Tradition. Der Gründer ist bereits verstorben. Seit 18 Jahren betreibt Eduart Kanapari den Imbiss in der Drei-Kronen-Gasse. „Früher gab es viel weniger Konkurrenz, aber der Umsatz ist trotzdem gestiegen“, sagt der 48-Jährige. Auch er musste mit der Zeit gehen: mehr Soßen, mehr Falafel.

Vorlieben haben sich verändert, die Stadtgesellschaft ist eine andere geworden. Ich bin das beste Beispiel dafür. Für eine Bürste würde ich nicht zum Ernst gehen, für meinen Kaffee nicht zum Schwarzer. Mit Traditionen kann ich schon immer wenig anfangen. Und doch identifiziere ich mich mit Regensburg. Ziemlich stark sogar.
Das liegt nicht an einem Kipferl, nicht an irgendwelchen Bürsten und schon gar nicht an einem Döner. Das liegt an Begegnungen mit Rudolf Weber, mit Sophie Jäger und Waltraud Ernst, mit Eduart Kanapari – und natürlich der täglichen mit Gerd Otto. Der sieht übrigens eine „hoffnungsvolle Gegenbewegung“ zur aussterbenden Altstadt. Und er sagt: „Es war schon immer eine Stärke Regensburgs, in schwierigen Zeiten gegenzusteuern.“