Regensburger Traditions-Betrieb gibt auf

Von Christian Eckl · 17. März 2022 um 11:07

Ein halbes Jahr lang hat Armin Kain nun selbst in einem Discounter gearbeitet. Der 51-Jährige weiß, wie die Mehrheit der Regensburger tickt, glaubt er: „Die Menschen wollen keine Spezialitäten. Sie wollen günstiges Fleisch“, sagt der Metzgermeister. „Alles andere sind Märchen.“ Kain betreibt in dritter Generation eine Metzgerei, die viele Regensburger, die in der Altstadt aufgewachsen sind, noch von Kindesbeinen an kennen. Doch damit ist jetzt Schluss: Ende März schließt Kain die Metzgerei am Fischmarkt. Und das hat neben dem Verhalten der Konsumenten weitere Gründe.

Einer davon liegt darin begründet, dass sich Geschäfte immer weniger lohnen in der Altstadt. Dabei gehören die Kains zu jenen Unternehmern, die früher die Regel und nicht die Ausnahme waren. „Mir gehört das Haus, aber es ist nicht vermietet.“ Die meisten Altstadt-Geschäfte vor dem großen Boom in Regensburg gehörten den Betreibern selbst. Oben wohnten die Besitzer des Hauses, unten machten sie Geschäfte. So war das seit Jahrzehnten, ja wahrscheinlich seit Jahrhunderten. „Unser Haus wurde 1978 renoviert“, sagt Kain. „Jetzt wäre es wieder fällig. Aber die Erträge aus dem Geschäft rechtfertigen es nicht, da so viel Geld reinzustecken.“ Kain verkauft.

Und da ist er nicht der einzige: Denkmalschutz zum einen, Brandschutz-Auflagen auf der anderen Seite führen häufig dazu, dass die vermeintlich glücklichen Besitzer einer Altstadt-Immobilie lieber das Geld nehmen, als weiteres Geld in die Substanz zu stecken. Es ist nicht das einzige Haus, das bald zum Verkauf stehen wird: Auch in der Keplerstraße, nur einen Steinwurf entfernt, steht derzeit eine Immobilie zum Verkauf. Die Preise sind lukrativ: Knapp 700 000 Euro soll das Haus in der Keplerstraße kosten, 366 Quadratmeter Wohnfläche sind auf 13 Zimmer aufgeteilt. Auch in dem Gebäude unweit der Metzgerei Kain war im Erdgeschoss einst ein Ladengeschäft.

Strafzettel ärgerten den Metzger

Nicht gut zu sprechen ist Kain auf einen Nachbarn: nämlich die Stadt Regensburg. Auflagen und vor allem Strafzettel haben Kain das Wohnen und Arbeiten in der Altstadt vergällt. „Seit vielen Jahren parken wir im Innenhof am Roten Herzfleck“, erzählt der Metzgermeister. „Jetzt bekomme ich dauernd Strafzettel.“ Darauf habe er keine Lust mehr.

Auch Armin Kains Bruder Gerhard ist traurig, weil die Metzgerei zusperrt. „Das hier ist nicht nur eine Metzgerei“, sagt Gerhard Kain, „das hier ist auch ein Treffpunkt für Menschen, die manchmal weinen, manchmal lachen“. Eine Kundin kommt und bestellt etwas für mittags, schildert dabei, dass sie gesundheitliche Probleme hat. Verkäuferin Elke Kornmehl hört ihr aufmerksam zu, nimmt sich Zeit. „Die Gespräche gehören dazu“, sagt sie anschließend. Dann schneiden beide einen großen Berg Käsescheiben in der Maschine. „Das Frühstück ist für Frauen und Kinder in der Humboldtstraße, das einmal in der Woche stattfindet“, erzählt Gerhard Kain. Die Arbeiterwohlfahrt organisiere das, ältere Damen bereiten ehrenamtlich ein Frühstück zu, die Zutaten werden von Kain geliefert. „Wer das wohl übernehmen wird, wenn wir nicht mehr sind?“

Gerhard Kain sagt, die Wursttheke dürfe man gerne fotografieren, die Fleischtheke aber nicht, die sei zu leer gerade. „Das muss ja schön aussehen“, findet er. „Das Kaufverhalten hat sich eben auch verändert: Früher war es normal, dass es montags keine Rouladen gab. Heute wollen die Kunden eben alles zu jeder Zeit.“

Das bestätigt auch sein Bruder Armin: „Wenn Lebensmittel im Discounter weggeworfen werden, dann juckt das keinen. Wenn aber mal etwas nicht in der Theke liegt, dann werden alle nervös.“ Einst gab es 60 kleine Metzger in der Altstadt. An allen Ecken quasi. Und in dem Haus am Fischmarkt waren schon Metzger 15 Generationen vor den heutigen Kains. Geschlachtet wird in Regensburg schon lange nicht mehr. Doch Kain hat sein Fleisch von einem kleinen Bauern im Landkreis Schwandorf bezogen. „Die Kleinen, die haben keine Chance mehr“, sagt Kain. Nur noch die Großen würden langfristig überleben.

Seinem Sohn hat er nicht mehr geraten, Metzger zu werden. „Das konnte ich nicht, das hätte doch keine Zukunft“, findet er. Er selbst hat mit der Schließung gewartet, bis alle Mitarbeiter, zuletzt 13, eine neue Anstellung gefunden haben. Armin Kain arbeitet jetzt als Koch in der Alten Linde, das mache ihm Spaß. „Der Party-Service, den wir hier angeboten haben, hat auch super funktioniert“, sagt Kain. „Aber wir hätten jetzt investieren müssen.“

Vor seiner Metzgerei mit der langen Tradition steht Metzgermeister Armin Kain und schaut auf den Fischmarkt. „Das war mal ein schöner Platz“, sagt er verärgert. „Aber heute ist er das nicht mehr.“ Er schließt die Tür. Ein paar Tage noch, dann schließt er sie das letzte Mal.