Nach 766 Jahren: Regensburger Engel-Apotheke schließt im September 2025

Wieder eine Hiobsbotschaft vom Regensburger Neupfarrplatz, wieder eine Schließung. Dieses Mal geht es um ganz viel Tradition, doch auch die hat wirtschaftliche Zwänge.
Sie ist die älteste Apotheke Regensburgs und die zweitälteste in ganz Deutschland: Die Geschichte der Engel-Apotheke an der Ecke Neupfarrplatz/Tändlergasse lässt sich bis 1259 zurückverfolgen. Zu dieser langen Tradition von 765 Jahren wird nach Lage der Dinge nur noch ein weiteres hinzukommen.
Mit Auslaufen des Mietvertrags im September 2025 gibt Inhaberin Antje Büllmann den Betrieb auf. Falls sich nicht doch noch ein Nachfolger findet, war es das mit der Engel-Apotheke.
Entwicklung ist auch in der Altstadt längst spürbar
Damit liegt sie voll in einem für die Branche unheilvollen Trend. Längst ist von einem „Apothekensterben“ die Rede, laut Statistiken hat seit 2018 jede zehnte in Deutschland geschlossen.
Allein 2023 sank die Zahl der Betriebe um knapp 500, im ersten Halbjahr 2024 gesellten sich weitere 283 dazu. Diese Entwicklung zieht sich flächendeckend durch alle Bundesländer und Regionen und ist selbst in einem Mikrokosmos wie der Regensburger Altstadt längst spürbar.
Nur einige Beispiele: Wo sich jetzt das städtische Kulturzentrum M26 in der Maxstraße befindet, war zuvor die Medicon-Apotheke, in der altehrwürdigen Mohren-Apotheke am Kornmarkt repariert Viktor von Hugo Fahrräder und die Apotheke in der Rote-Hahnen-Gasse heißt zwar noch so, ist aber schon seit Ewigkeiten eine Kneipe.
Schon 2015 war’s knapp
Sogar am Neupfarrplatz und in seiner unmittelbaren Umgebung lässt sich der Trend ablesen. Da gab es vor wenigen Jahren noch die Ludwigs-Apotheke (jetzt Marc O’Polo) und die St. Emmeram-Hofapotheke (jetzt Bavarian Caps). Dieses Ehemaligen-Duo wird nun bald durch die Engel-Apotheke zum Trio.
„Der Vermieter wäre sogar mit der Miete runtergegangen. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, nicht mehr zu verlängern“, sagt Antje Bullmann. „Die Branche ist insgesamt sehr angespannt und daher waren auch für mich die letzten Jahre sehr herausfordernd. Es ist Zeit, beruflich etwas Neues anzufangen. Dem Gesundheitsbereich werde ich dabei sicher treu bleiben.“
Büllmann: „Es wäre schon irgendwie weitergegangen, aber dieses ,Irgendwie’ ist mir auf Dauer zu wenig“
Das immer noch gängige Klischee, wonach „Apotheke“ als Synonym für „Gelddruckmaschine“ gilt, ringt ihr nur ein gequältes Lächeln ab. Als Gegenbeweis reicht ihr der Hinweis, dass das Apothekenhonorar zuletzt im Jahr 2013 um drei Prozent erhöht hat – in welchem Ausmaß seither Inflation und Kosten davon galoppierten, ist allgemein bekannt.
„Es wäre schon irgendwie weitergegangen, aber dieses ,Irgendwie’ ist mir auf Dauer zu wenig“, erklärt Büllmann. In nächster Zeit hätte sie einerseits in die Modernisierung des Betriebs investieren müsse, der vor allem wegen seiner besonderen Expertise in Sachen Naturheilkunde einen exzellenten Ruf genießt. Andererseits liege ihr seit jeher eine adäquate Bezahlung der Mitarbeiter am Herzen.
Für sie selbst aber gehe die Rechnung im Hamsterrad der Selbstständigkeit kaum mehr auf. „Wenn ich am Ende nur noch genauso viel verdiene wie als Angestellte, deckt das mein unternehmerisches Risiko nicht mehr ab.“ Bei aller Freude am Beruf und am Kontakt mit den Kunden führte dies zu dem Entschluss, nach zehn Jahren als Chefin der Engel-Apotheke einen Schlussstrich zu ziehen.
Zumal auch die sonstigen Rahmenbedingungen seit Langem schwieriger geworden sind. „Wenn ich 2015 nicht übernommen hätte, wäre es schon damals vorbei gewesen“, sagt die Apothekerin und erläutert, dass sich in den vergangenen Jahren etliche Ärzte in der Altstadt entweder zur Ruhe gesetzt haben oder in die großen Ärztehäuser am Rand gezogen sind. Mit den Worten „Nur wegen einer Packung Aspirin fährt keiner in die Innenstadt“ spricht sie zudem die Problematik an, dass die Kundenfrequenz immer noch weit unter dem Vor-Corona-Niveau liege.
Zu mieten für 4800 Euro
Wenigstens bei einem Punkt hat Antje Bullmann eine restlos optimistische Botschaft parat, und die betrifft ihr insgesamt zehnköpfiges Personal: „Die werden alle mit Kusshand woanders genommen, erste Anfragen hat es schon gegeben.“
Ähnlich gut ist es nach Überzeugung von Immobilienmakler Günter Pielmeier mit der Nachfrage nach dem Ladengeschäft der Engel-Apotheke bestellt. „Die Lage ist 1a, da kriegt man schon wieder was Attraktives rein.“ Im Internet wird das Objekt bereits beworben, die Warmmiete für die rund 130 Quadratmeter Verkaufsfläche beträgt monatlich 4800 Euro.
Ob es vielleicht doch eine Apotheke bleiben könnte? Da ist Pielmeier skeptisch. „Schön wäre es schon“, meint der Makler. Er habe auch schon Apotheker angesprochen, doch das Interesse an der Altstadt sei gering. „Die wollen lieber in Einkaufszentren und Ärztehäuser.“ Auch Apotheker können also von der Tradition nicht abbeißen – und deshalb geht sie an der Ecke Neupfarrplatz/ Tändlergasse wohl zu Ende.