Fall Hemau: Wüste Todesdrohungen gegen Chefermittler im Gerichtssaal

Von André Baumgarten · 8. Mai 2025 um 19:00

Skurril lief Tag 14 im Prozess um die Bluttat an einer Tankstelle in Hemau: Erst nahm ein Mann im Bärenkostüm im Zeugenstand Platz, eher einer der elf Angeklagten die Fassung verlor und nahezu alle im Sitzungssaal des Regensburger Landgerichts wüst beschimpfte.

Es war ein skuriler, wie holpriger Tag im Prozess um die als versuchter Mord angeklagte Attacke an einer Tankstelle in Hemau: Erst sagte ein Zeuge in einer Art Bärenkostüm aus, dann wurde die Aussage des leitenden Ermittlers abgebrochen, ehe sie richtig anfing. Drei Monate nach Start des Mammut-Verfahrens fiel auf, dass der Verteidigung wohl Teile der Akten nie zugestellt wurden. Zu guter Letzt rastete einer der elf Angeklagten völlig aus.

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Auf der Suche nach der Wahrheit ist das Landgericht in Regensburg auch an Tag 14 nicht wesentlich weitergekommen. Die Große Jugendkammer soll darüber entscheiden, ob die angeklagten Männer des versuchten Mordes schuldig sind und welche Strafen dafür angemessen sind. Bis dahin ist es aber wohl noch ein lange Weg. 20 Prozesstage sind derzeit noch geplant, um aufzuklären, was am 6. November 2023 an einer Hemauer Tankstelle passiert ist. Zwei Brüder wurden damals teils lebensgefährlich verletzt, weil sie einem Bekannten helfen wollen, der Stress auf der Arbeit hatte. Statt zu reden, wofür man sich an jenem Abend wohl vorab verabredete hatte, ließen die Täter dann aber Eisenstangen und Baseballschläger sprechen.

Zeuge spekuliert über Schöffin unter Drogen

Ein 43-Jähriger war auf Seiten der Geschädigten einst mit von der Partie und sprach vor Gericht von einer „verrückten Herde“ von fünf Personen, die die Brüder unmittelbar attackierte. Auch als sie schon am Boden waren, sei weiter auf sie eingeschlagen worden. „Krieg war da“, umschrieb er es. Zwischen seinen äußerst klaren und strukturierten Angaben zur Tat redete der Mann im flauschig-braunen Outfit samt Kapuze auf dem Kopf, das wie ein Bärenkostüm aussah, dann aber scheinbar auch mit sich selbst. Unter anderem von den großen Augen einer Schöffin am Landgericht, die unter Drogen sein könnte.

Damals habe er alles aus sicherer Entfernung gesehen, erklärte der Zeuge weiter zu Sache. Als einer aus der Gruppe „mit einem Eisenstock in der Hand“ auf ihn zugekommen sei, flüchtete er mit dem Bekannten der Brüder. Einen der elf Angeklagten, die er eingangs seiner Aussage ausgiebig musterte, konnte der 43-Jährige jedoch nicht identifizieren. Auch bei den Autos, die am 6. November auf das Tankstellen-Gelände rasten, tat er sich mit einer Zuordnung schwer. Erinnern konnte er sich nur an einen grauen Skoda und ein Kleinauto mit einem andersfarbigen Kotflügel. Zu Details des dritten Fahrzeugs konnte er nur spekulieren.

Zehn der elf Angeklagten werden von je zwei Polizeibeamten aus der U-Haft vorgeführt. Im eigens für diesen Prozess umgebauten Sitzungssaal sind regelmäßig um die 100 Personen zeitgleich. - Foto: Baumgarten

Der Vierte im Bunde der Geschädigten, dem dessen Arbeitskollegen nach einem Streit an jenem Abend wohl eine Abreibung verpassen wollten, will nicht mehr aussagen und lebt mittlerweile in den USA. Dagegen, dass seine Aussage bei der Polizei verlesen wird, erhoben die Strafverteidiger Dr. Wolfgang Staudinger und Tim Fischer Widerspruch. Das Gericht habe aus ihrer Sicht nicht alles unternommen, um seiner doch habhaft zu werden. Ihn mit Widersprüchen zu konfrontieren, sei ein Recht der Verteidigung – das ginge auch per Video in der Botschaft, durch eine Befragung mit Hilfe des FBI oder auch durch einen Prozesstermin in den Staaten.

Im Zuge der Diskussion darüber kam dann zutage, dass ein Sonderband der Akte mit Videovernehmungen – unter anderem auch dieses Zeugen – bis auf einen offenbar keinem der Verteidiger vorliegt. Was zu einer längeren Unterbrechung mit intensiven Beratungen auf allen Seiten führte, zumal der Prozess seit mittlerweile über drei Monaten läuft. Was genau schief gelaufen ist, soll nun die Staatsanwaltschaft klären. Die erste Aussage des Sachbearbeiter im Fall Hemau, der bereits im Zeugenstand Platz genommen hatte, wurde jäh beendet. Zuvor müsse das Fehlen von Aktenteilen geklärt werden, so Vorsitzende Richterin Knott.

Als die fehlenden Akten zum Thema wurden, zogen sich alle Strafverteidiger in den Vorraum eines anderen Sitzungssaal zurück, um sich zu besprechen. - Foto: Baumgarten

Schon die Anwesenheit des Chefermittler schien einem der Angeklagten aber auszureichen, dass er explodierte. Mit wüstesten Beschimpfungen und Drohungen gegen nahezu jeden im Sitzungssaal machte er sich Luft. Selbst den Polizisten gelang es nicht, ihn wieder zu beruhigen. „Dem schneid ich den Kopf ab“, stieß er am Ende schließlich in Richtung des Kripobeamten aus, ehe er die psychiatrische Sachverständige verbal derb attackierte. Offenbar leidet der Mann unter psychischen Problemen und musste zuletzt nach mehreren Vorfällen gar in eine andere JVA überstellt werden.

Halbzeit im Mammut-Prozess ist kommenden Mittwoch

Wie Jugendkammer und auch Polizei mit diesem Vorfall umgehen, wird sich zeigen – spätestens am 12. Mai, wenn der Prozess an vier Tagen in Folge fortgesetzt wird. Nächste Woche sollen DNA- und IT-Gutachter, die Spurensicherung und der Ermittlungsrichter angehört werden. Rechnerisch wäre am kommenden Mittwoch (14. Mai) die Hälfte der derzeit geplanten 34 Verhandlungstage voll. Mit einem Urteil wird aber nicht vor Ende Juni gerechnet.