„Es wirkte wie ein geplanter Überfall“ – Zeugen sagen zu Vorfall an Tankstelle in Hemau aus

Von André Baumgarten · 17. Februar 2025 um 19:00

Sie wurden Augen- und Ohrenzeugen, konnte oder wollten sich im Prozess um versuchten Mord an der Tankstelle in Hemau aber teilweise nur vage erinnern. Offenbar aus Angst? Die Richterin half auf die Sprünge.

Um aufzuklären, was am 6. November 2023 an einer Tankstelle in Hemau geschehen ist, wird ein Sitzungssaal in Regensburg zum Hochsicherheitstrakt. Im Inneren hatten gestern unmittelbare Zeugen der als Mordversuch angeklagten Tat das Wort – zu schildern, was genau sie sahen, macht ihnen teilweise wohl bis heute Angst. So konkret einige der Angaben bei der Kripo noch waren, so schwer taten sich zwei Zeugen damit, das vor Gericht so auch zu wiederholen. Identifizieren konnte keiner einen der elf Angeklagten. Die schweigen weiter.

Den Männern, die mit ihren Anwälten im eigens für diesen Mammut-Prozess umgebauten Saal im Schulreihen-Prinzip sitzen, wird vorgeworfen, sich an jenem Abend verabredet zu haben, zwei andere zu töten. Auslöser soll laut Staatsanwaltschaft ein Streit unter Arbeitskollegen gewesen sein: Es ging demnach um zu schnelles Fahren auf einem Firmengelände. Die geschädigten Brüder allerdings sollen damit gar nichts zu tun gehabt haben. Sie hatten den Mann, der Kollegen angeschwärzt haben soll, wohl lediglich beschützen wollen.

Zeugen hörten viel Geschrei und Gepolter

Nach 22 Uhr kam es deshalb zum vorab vereinbarten Treffen an der Tankstelle, bei dem laut der Anklage die mutmaßlichen Täter aber nicht mehr reden wollten. Augen- oder vielmehr Ohrenzeugen schilderten es so: Alle Zeugen, die nun vor der Jugendkammer aussagten, waren wegen des Geschreis und Gepolters aufmerksam geworden. „Es wirkte wie ein geplanter Überfall“, erklärte einer von ihnen. Als gefährlich und bedrohlich habe er das empfunden und sich deshalb zunächst zurückgezogen. Dass mehrere Männer in Autos ankamen, sah er aber schon. Als diese wenig später wohl mit Vollgas wieder davonrasten, merkte er sich von einem das Kennzeichen.

Ein weiterer Zeuge, der auf dem Heimweg zufällig vorbeikam, lieferte den Ermittlern ein zweites Fahrzeugkennzeichen. Wegen des „Menschengewusels“, das er im Augenwinkel bemerkt hatte, war er umgedreht und zurückgefahren. Weil „etwas geblitzt hat“, was einer der Männer beim Aussteigen aus den Autos in den Händen hielt, „so wie ein Alu-Baseballschläger“, erklärte er. Die flüchtenden Fahrzeuge bemerkte auch er, wer genau aber im Inneren saß, konnte er nicht sagen.

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Einig waren sich die Zeugen aber darin, dass etwas Schlimmeres passiert sein musste. Die beiden Geschädigten hätten schwerst verletzt auf der Straße gekniet und gelegen, einer von ihnen nicht ansprechbar. „Alles war blutüberströmt“, erinnerte sich einer im Zeugenstand, „die Mütze war knallrot vom Blut“. Er sicherte die Straße mit seinem Auto ab, ebenso wie ein zweiter Fahrer, der mit Warnblinker anhielt, um zu helfen. Dessen Eindruck war, „dass der tot ist oder stirbt oder ganz schwer verletzt ist“. Warum, hörte ein anderer: Er hatte Schläge wahrgenommen, wie wenn mit einem Gegenstand auf Blech geschlagen wird.

Klirren, wie wenn Eisenstangen auf Asphalt schlagen

„Metallisches Klirren“, wenn Eisenstangen auf den Asphalt schlagen, nahm auch ein anderer Zeuge wahr. Sich an alle Details zu erinnern, über die er bei der Polizei gesprochen hatten, fiel ihm aber anfänglich richtig schwer – weil das „doch schon so lange her ist“. Letztlich bestätigte der junge Mann aber Rufe, die ihn an „Jubel“ oder „Anfeuern bei einem Fußballspiel“ erinnert hätten. Auf vehemente Nachfrage von Vorsitzender Richterin Knott kamen die Erinnerungen dann auch wieder. Sogar „Hört auf“-Stimmen wollte er gehört haben, wie er betonte. Wer das sagte oder woher das kam, wusste er nicht. „Ich denke, ja, aus dem Tumult.“

Nachdem verdeckte Ermittler im Gerichtssaal an Tag 2 für Wirbel gesorgt hatten, hat die Regensburger Polizei ihre übrigens Strategie geändert. Verteidiger hatten das moniert, gar von Bespitzelung gesprochen. Jetzt saßen zwei Beamte in Uniform im Prozess um Mordversuch an Tankstelle in Hemau. Mitten unter den Zuhörern, die zu weiten Teile Angehörige der elf Angeklagten sein dürften. Zu Prozessbeginn zogen am Montag wieder drei ihr Aussageverweigerungsrecht, um bleiben zu dürfen.

Weitere 31 Prozesstage bis Ende Juni stehen an

Nach gerade drei Tagen Hauptverhandlung gegen die elf Männer auf der Anklagebank steht eines fest – mit ihrer Einschätzung, dass in dem Fall Sitzungstage bis Ende Juni nötig sein könnten, scheint die Jugendkammer nicht falsch zu liegen. Fortgesetzt wird der Prozess am 24. Februar.

Sitzordnung wie in der Schule: Rund 100 Prozessbeteiligte, Polizisten, Justizbeamte und Zuhörer sitzen im Gerichtssaal. Foto: Baumgarten