Elf Männer für Mordversuch vor Gericht: Mammut-Prozess in Regensburg wirft Schatten voraus

Anwälte sitzen im „Schulreihenprinzip“, es gibt keine Parkplätze und das Gericht wird zum Hochsicherheitstrakt: Das Verfahren um einen versuchten Mord in Hemau sorgt in Regensburg für strenge Regelungen und erste Kritik unter Verteidigern.
Das Justizgebäude in der Regensburger Augustenstraße wird in wenigen Tagen zu einem Hochsicherheitstrakt: Für den am 3. Februar startenden Prozess um eine als versuchter Mord angeklagte Gewalttat in Hemau im Landkreis Regensburg gelten verschärfte Sicherheitsbedingungen. Das bestätigt Landgerichtssprecherin Ruth Koller.
Um die zehn inhaftieren Angeklagten in Gefangenencontainern abschirmen zu können, wird der Parkplatz gesperrt. Das könnte zu erheblichen Problemen führen, wo Parkflächen von jeher rar sind. Und es ist nicht der einzige Kritikpunkt. Getagt werden soll mit bis 100 Menschen nur im zweitgrößten Sitzungssaal. Eine Zumutung, heißt es vor allem dazu hinter vorgehaltener Hand.
Dass eigens für den auf bisher 34 Verhandlungstage terminierten Prozess „besondere Sicherheitsvorkehrungen im Gebäude und auf dem Gelände der Justiz gelten“, bestätigte Koller auf Anfrage der Mediengruppe Bayern. Zu weiteren Details verwies sie an die Polizei. Zu dem, was geplant ist, gibt es da „aus einsatztaktischen Gründen“ keine Auskunft. Die Sicherheitsvorkehrungen seien, so Polizeisprecherin Corinna Wild, sowohl zum „Schutz als auch zum störungsfreien Ablauf der Verhandlung“ und „auch in Hinsicht auf eine Verhinderung eines Fluchtgeschehens der Angeklagten“ erhöht worden.
Container vom G7-Gipfel für die Angeklagten
Was die Behörden etwa seit der zweiten Jahreshälfte 2024 planen, ist unübersehbar: Zweistöckig blockieren seit Tagen zehn Container einen Teil des Parkplatzes, zwei weitere wurden in der ehemaligen Grünfläche daneben platziert. Wer womöglich an neue Baumaßnahmen dachte, dürfte beim Blick ins Innere anders denken: Es handelt sich nicht um Bau-, sondern sogenannte Gewahrsamscontainer. Diese waren zuletzt beim G7-Gipfel im Einsatz. Darauf deuten alte Aufkleber sowie Schilder mit Warnungen zur Videoüberwachung hin. Laut Wild stammen sie aus dem Bestand der Bayerischen Polizei.
Sind das also Hochkriminelle, denen da ab 3. Februar in Regensburg der Prozess gemacht wird? Oder Mitglieder des organisierten Verbrechens oder berüchtigter Großfamilien? Die elf Männer auf der Anklagebank, allesamt im Alter von 19 und 39 Jahren, sind teils untereinander verwandt, wie Recherchen der Mediengruppe Bayern ergaben. Eindeutige Bezüge zur Mafia oder Clans aber sucht man vergebens. Was ihnen vorgeworfen wird – die Anklage lautet auf gemeinschaftlich versuchten Mord aus niedrigen Beweggründen – könnte aber gut und gern in diesen Kreisen spielen. Es geht um eine brutale Gewalttat vom Herbst 2023.
Am 6. November 2023, einem Mittwoch, wurden in Hemau zwei Männer im Alter von 37 und 42 Jahren zum Teil lebensgefährlich verletzt. Sie sollen laut der vorliegenden Videoüberwachung gegen 22.15 Uhr von drei Autos regelrecht „eingekesselt“ worden sein. Danach werden sie von einer Gruppe Männer attackiert, teils mit Metallstangen. Nach einer ersten Verhaftung gab es Wochen später eine Großrazzia mit Spezialkräften in Hemau. Ein Teil der Angeklagten war erst im Ausland gefasst worden. Ihnen allen wird versuchter Mord vorgeworfen. Sie sollen sich verabredet haben, um den Männern eine Abreibung zu verpassen. Soweit die Anklage.
Beispielloser Prozess mit 34 Verhandlungstagen
Einen vergleichbaren Prozess hat es in Regensburg in den letzten zwei Jahrzehnten nicht gegeben. Für die juristische Aufarbeitung gelten bis Juni dieses Jahres nicht nur erhöhte Sicherheitsregeln – das Regensburger Landgericht hat sogar einen der Sitzungssäle umbauen lassen. Denn: Es müssen bis zu 60 Verfahrensbeteiligte zeitgleich in einem Raum Platz finden. Elf Angeklagte mit jeweils zwei Verteidigern, Gutachter, Dolmetscher und 40 Polizeibeamte, die die Angeklagten bewachen. Letztere sitzen nach aktueller Sitzordnung teilweise direkt vor dem Richterpult, im Blickfeld aller im Raum.
Die Verteidiger dürfen mit ihren Mandanten, wie zu der Zeit, als das Gebäude in der Augustenstraße eine Schule war, in fünf Reihen mit je sechs Stühlen nebeneinander sitzen. Auf jedem Tisch wurden Mikrofone aufgebaut, dazu weitere Lautsprecher, damit alles gut zu verstehen ist. Damit die Anwälte sich auch von Mimik und Gestik der Zeugen ein Bild machen können, werden diese mit neuer Videotechnik auf einen großen Bildschirm hinter den Richtern übertragen. Auch das Gericht kommt in Überzahl: Die Große Jugendkammer, die das Verfahren führt, hat einen vierten Berufsrichter sowie zwei Extra-Schöffen dabei.
„Mehr als 60 Leute in den Raum zu zwängen, empfinde ich als Zumutung.“
Strafverteidiger Prof. Dr. Jan Bockemühl
Für die Öffentlichkeit sowie Medien gibt es in Saal 101 exakt 25 und fünf Sitzplätze. Ein Aspekt, der einigen Anwälten aufstößt: Prof. Dr. Jan Bockemühl, er vertritt mit Christoph Schima aus Passau den mutmaßlichen Haupttäter, sieht die wenigen Zuhörerplätze kritisch. „Die Öffentlichkeit hat eine Kontrollfunktion“, betonte er. Wie das so gewährleistet sein soll, sei ihm unverständlich. „Mehr als 60 Leute in den Raum zu zwängen, empfinde ich als Zumutung“, erklärte er auf Anfrage. Dass an allen 34 Sitzungstagen der Parkplatz wegfalle, sei ihm völlig neu.
Kritisch sah die Regensburger Verteidigerin Prabhlin Sidhu den Aufbau: „Das wird sich zeigen müssen, ob das so funktioniert.“ Auch Strafverteidiger Michael Haizmann und Johannes Büttner haderten mit dem „Schulreihenprinzip für die Anwälte“. Dass in Anbetracht der massiven Vorwürfe, die im Raum stünden, auch höhere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen würden, sei noch nachvollziehbar. Ohne Pausen werde es aber wohl kaum gehen. „Nach einer Stunde wird man die Luft sicher schneiden können.“
Gut die Hälfte der Anwälte in dem Fall kommt von auswärts, teils aus dem Norden der Republik. Wo sie parken, werden sie sich vorher überlegen müssen, nachdem alle Parkflächen gesperrt werden. Terminiert hat die Jugendkammer mehrfach in Drei- und Vier-Tages-Blöcken bis zum 30. Juni. Und: Der „Alltagsbetrieb“ im Amts- und Landgericht laufe neben dem Mammut-Prozess zudem ganz normal weiter, so Anwältin Sidhu. Sie denkt darüber nach, per Bus zu kommen.
„Wir haben einen der Sitzungsvertreter zwei Wochen freigestellt, damit er sich einarbeiten kann.“
Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher
Auch die Staatsanwaltschaft in Regensburg stellt für den Prozess zwei feste Sitzungsvertreter ab, wie Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher der Mediengruppe Bayern bestätigte. Es könne aber natürlich auch einzelne Tage geben, wo nur einer kann. Dass die beide Sachbearbeiter des Falls nach Anklageerhebung nicht mehr in Regensburg tätig sind, sei laut Rauscher kein Problem. Das sei schon bei Anklageerhebung klar gewesen. „Wir haben einen der Sitzungsvertreter zwei Wochen freigestellt, damit er sich einarbeiten kann.“
Jugendkammer ordnet ein striktes Kontaktverbot an
Wie rigoros die Sicherheitsvorgaben sind, wurde den Verteidigern erst vergangene Woche mitgeteilt. So gilt ein striktes Kontaktverbot im Saal – sowohl für die Angeklagten untereinander, als auch für Angehörige. Den Grund dafür will niemand kommentieren. Fakt ist: Einer der Männer hatte im Zuge erster Ermittlungen der Kripo ausgesagt. Auch dadurch waren die Ermittler, die in diesem Fall nahezu alle Register zogen, bis hin zur Hightech-Tatortrekonstruktion, wohl auf elf Beteiligte gekommen. Ob der Mann auch im Prozess reden will, ist allerdings völlig offen.


