Blutige Attacke mit Eisenstangen: Mordermittler ziehen in Hemau alle Register

Von André Baumgarten · 28. Juni 2024 um 19:00

Um aufzuklären, was an einer Tankstelle in Hemau (Lkr. Regensburg) geschah, gingen Ermittler ins „Holodeck“ beim Landeskriminalamt. Zu der brutalen Attacke vom 6. November 2023 gibt es neue Hintergründe und Entwicklungen – es droht eine Anklage wegen Mordversuchs.

Endete ein Streit unter Arbeitskollegen in Hemau Anfang November in versuchtem Mord? Der Anlass des blutigen Angriffs mit Brecheisen und Eisenstange klingt nichtig: Ein Mann soll in der Arbeit gepetzt haben. Als seine Kollegen ihm eine Lektion erteilen wollen, gerät ein Duo ins Visier einer bulgarischen Familie samt weiterer Bekannter, weil sie ihm halfen. Um aufzuklären, was genau an der Tankstelle in der Nürnberger Straße geschah, setzen die Ermittler auf Hightech bei ihrer Verbrecherjagd – im „Holodeck“ des Landeskriminalamts in München.

Der Vorfall vom 6. November hat in und um Hemau für viel Aufregung gesorgt: Es ist gegen 22.15 Uhr, als an jenem Montagabend drei Autos auf das Gelände der Tankstelle rasen. Die zwei Männer, die wenig später mit schweren Kopfverletzungen auf der Straße liegen, haben gar keine Chance zu flüchten – Überwachungsaufnahmen dokumentieren aus allen erdenklichen Winkeln die Eskalation der Gewalt. In nur 40 Sekunden malträtieren die Angreifer die 37 und 42 Jahre alten Männer heftig. So sehr, dass einer womöglich bleibende Schäden davonträgt. Das zeigen neue MZ-Recherchen.

Wurden Geschädigte zu Opfern ihrer Zivilcourage?

Offenbar waren die beiden Verletzten zunächst gar nicht das Ziel – sie hatten wohl eine halbe Stunde zuvor eingegriffen, als mehrere Männer mit einem anderen in Streit gerieten. Weil der Kollegen gemeldet haben soll, dass sie sich nicht an ein geltendes Tempolimit eines Firmengeländes hielten. Zur Abreibung für diesen kam es nicht, vielmehr sollte dann wohl ein Exempel an den Helfern statuiert werden. So sollen es Ermittler der Kripo in Regensburg durch Zeugenaussagen und Chats rekonstruiert haben. Die beiden Opfer könnten an jenem Tag also ihre Zivilcourage mit schweren Verletzungen bezahlt haben.

Bereits am Tag nach dem Vorfall an der Tankstelle klickten für einen 18-Jährigen die Handschellen. Nur 15 Tage später rückten dann Spezialkräfte zu einer Groß-Razzia in Hemau an und nehmen zwei weitere Männer (18 und 24 Jahre alt) fest. Dann kehrt vorerst Ruhe ein – zumindest gefühlt. Denn die Ermittler hatten da längst sechs weitere Verdächtige im Visier, wie MZ-Recherchen zeigten.

Zwei der Tatverdächtigen werden kurz vor Weihnachten 2023 in Nordrhein-Westfalen verhaftet, zeitgleich wurden Zielfahnder in Bulgarien fündig. Die örtlichen Polizeikräfte vollzogen da weitere vier Haftbefehle. Die Männer, die beteiligt gewesen sein sollen, hatten sich wohl direkt nach der Attacke dahin abgesetzt. Die Staatsanwaltschaft ließ sie schließlich ausliefern – Stand heute gibt es elf Tatverdächtige, gegen die wegen eines versuchten Tötungsdeliktes ermittelt wird, wie Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher bestätigte.

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Gegen die Männer fahren Regensburger Ermittler offenbar ganz große Geschütze auf. Was an jenem Abend auf dem Gelände der Hemauer Tankstelle passierte, wurde mit aufwendiger Spezialtechnik genau nachgestellt – samt Videos, Fotos und aller gesicherter Spuren. Die Kripo setzte in dem Fall das sogenannte Holodeck des Landeskriminalamts ein. Das zeigten MZ-Recherchen, die die Staatsanwaltschaft nun auch bestätigte. Da aber nicht alles auf Kamera aufgezeichnet wurde, „konnte nur ein Teil des Geschehens rekonstruiert werden“, erklärte Rauscher.

Wie dieses einzigartige Hightech-Labor für die Verbrecherjagd funktioniert, erklärte der Leiter der Abteilung Forensische Medientechnik am LKA: Per Laserscanner werden Tatorte in 3D gescannt, zusätzlich bis zu 3000 Fotos erstellt. „So ist es möglich, wirklich alles lückenlos zu erfassen“, sagte Ralf Breker. Dank Technik, die auch in Videospielen angewendet wird, entstehe daraus dann ein mit VR-Brille begehbares Modell. Dafür existiere in der Landeshauptstadt auf 70 Quadratmetern ein eigener Raum. Im Anwenderbereich, so Breker, könnten sich Ermittler frei bewegen, „als wäre man in Echtzeit selbst am Tatort.“

Nachstellung im 3D-Labor: Wer konnte was sehen?

Im erst vor gut einem Jahr vorgestellten und in Betrieb genommenen Holodeck sind Nachstellungen möglich, „in denen jede Position von Täter, Opfer oder Zeugen eingenommen werden kann“. So ließe sich aufklären, was der- oder diejenige sehen konnte oder musste oder eben nicht. Und: Auch virtuelle Hände kommen zum Einsatz, um digitalisierte Asservate aufnehmen und beispielsweise drehen zu können. Selbst fahrende Autos könnten in diese virtuell kreierten Szenen eingebaut werden. „Verschiedenste Varianten lassen sich so durchspielen“, betonte der Medientechnik-Ingenieur. „Wir haben hier fast keine Grenzen.“ Ob er Besuch aus Regensburg hatte und die Hemauer Tatrekonstruktion erfolgreich war, wollte Breker nicht kommentieren.

Spätestens wenn am Landgericht der Prozess startet, wird es Klarheit geben – nicht ausgeschlossen, dass sich auch das Regensburger Schwurgericht mit VR-Brillen vor den Augen dann eigenes Bild macht. Lange dauern dürfte das wohl nicht mehr: „Die Ermittlungen in diesem Fall sind mittlerweile nahezu abgeschlossen“, so Oberstaatsanwalt Rauscher. „Die beiden für den Fall zuständigen Staatsanwälte arbeiten mit Hochdruck an der Anklage.“ Zehn Männer sitzen in diesem Fall schon in U-Haft.

Ermittler von Kripo und Staatsanwaltschaft in Regensburg haben den Fall im „Holodeck“ beim LKA in München (Beispielbild) nachgestellt – in einem 3D-Modell, in dem sie sich mit selbst virtuell am Tatort bewegen konnten. Foto: BLKA
Bei dem Vorfall am 6. November 2023 an der Tankstelle in Hemau wurden zwei Männer teils schwer verletzt – einem drohen gar bleibende Schäden. Foto: Baumgarten