Mordversuch an Tankstelle? Fall in Hemau sorgt für Mammut-Prozess

Von André Baumgarten · 17. Oktober 2024 um 05:00

Elf Männer sind wegen Mordversuchs angeklagt – die Attacke vom November 2023 an einer Hemauer Tankstelle (Landkreis Regensburg) soll wohl erst 2025 vor Gericht. Einen vergleichbar großen Prozess hat es in Regensburg in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben.

Versuchten Mord wirft die Staatsanwaltschaft in Regensburg elf Männern im Alter von 19 bis 39 Jahren vor. Mit brutalster Gewalt sollen sie Anfang November an einer Tankstelle in Hemau zugeschlagen und ihre Opfer schlimm zugerichtet haben. In dem Fall ist nun Anklage erhoben. Am Landgericht laufen bereits Vorbereitungen für den Mammut-Prozess. Elf Angeklagte, jeder bewacht von zwei Polizisten, mehr als 20 Anwälte, dazu Dolmetscher und Gutachter – das ist eine Herausforderung für die Regensburger Justiz.

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Rückblick: Drei Autos fahren spätabends an jenem Montag mit hoher Geschwindigkeit auf das Tankstellengelände. Sie „stellen“ dort zwei Männer und gehen dann unmittelbar auf sie los, bewaffnet mit Brecheisen und Eisenstange. Zig Überwachungskameras sollen das Ganze detailliert aufgezeichnet habe. Elf gegen zwei – die Attacke dauert demnach nur gut 40 Sekunden, bis die 37 und 42 Jahre alten Männer schwer verletzt am Boden liegen. Bei einem sollen sogar bleibende Schäden bis heute nicht ausgeschlossen sein. Danach flüchten die Angreifer wieder.

Festnahmen bei Groß-Razzia

Der brutale Angriff an einer vielbefahrenen Straße mitten in Hemau war über Tage das Gesprächsthema in der Stadt: Am Tag darauf, dem 7. November, wurde ein 18-Jähriger gefasst. Nur gut zwei Wochen später rückten dann Spezialkräfte der Polizei an – bei einer Groß-Razzia klickten für zwei weitere Männer (18 und 24 Jahre) die Handschellen. Zeitgleich wurden Wohnungen an zig Adressen akribisch durchsucht. Danach wurde es kurzzeitig ruhiger. Tatsächlich aber hatten die Ermittler da längst sieben weitere Verdächtige im Visier. Die wurden kurz vor Weihnachten in NRW sowie Bulgarien festgenommen und ausgeliefert.

Saal soll für den Prozess umgerüstet werden

Auslöser soll nach Recherchen der Mediengruppe Bayern ein Streit unter Arbeitskollegen gewesen sein – mittelbar zumindest. Denn damit sollen die Geschädigten gar nichts zu tun gehabt haben. Vielmehr sollen sie einer bulgarischen Familie und deren Bekannten bei einer geplanten Abreibung für einen Dritten in die Quere gekommen sein. Diesen Mann, der offenbar an der Arbeitsstelle einige Regelverstöße an den Chef gemeldet hatte, hatten die Angreifer kurz zuvor gestellt; die späteren Opfer waren hier aber dazwischen gegangen, hieß es. So soll es von der Kripo rekonstruiert worden sein.

„Wir haben mit den Planungen begonnen. Der Grundsatz einer beschleunigten Bearbeitung von Haftsachen gilt auch für uns als Justizverwaltung.“

Landgerichtspräsident Alfred Huber

Die Staatsanwaltschaft ordnete das, was am 6. November an der Tankstelle geschah, als Mordversuch ein. Die Anklage liegt bereits bei der Jugendkammer des Landgerichts, wie eine Sprecherin bestätigte. Die Planungen für den möglichen Prozess laufen – ehe die Richter die Anklage zugelassen haben, gibt sich Regensburgs Landgerichtspräsident Alfred Huber dazu bedeckt: „Unsere Aufgabe ist es, die Räumlichkeiten bereitzustellen“, erklärte er im Gespräch. Dass genau das eine Herausforderung ist, räumte er ein. „Ein Verfahren in dieser Dimension hat es in Regensburg in den letzten 20 Jahren nicht gegeben.“ Bis zu 60 Personen gilt es unter einen Hut, respektive in einen der verfügbaren Sitzungssäle zu kriegen.

Aber wie soll das denn gehen?

Laut Huber prüfe man aktuell, ob Sitzungssaal 101 für den Prozess „technisch umgerüstet und angepasst“ werden kann. Jugendkammer und Anklagevertreter würden wie immer sitzen, die mehr als 20 Verteidiger hingegen in Reihen parallel zum Richterpult – wie in der Schule quasi. „Das ist schon sportlich“, meinte Strafverteidiger Prof. Dr. Jan Bockemühl, der mit seinem Kollegen Christoph Schima aus Passau den mutmaßlichen Haupttäter vertritt. Auch ein Anwalt in der letzten Reihe muss im Prozess die Möglichkeit haben, sich selbst einen Eindruck von Zeugen zu verschaffen, also die Mimik und Gestik zu sehen.

„Das Problem sehen wir natürlich“, betonte Landgerichtspräsident Huber. Eine Lösung könnte sein, dass die Zeugen per Video auf einen großen Bildschirm direkt hinter dem Richterpult projiziert werden. Man sei optimistisch, dass „das mit dieser Lösung machbar wäre“. Letztlich treffe auch diese Entscheidung die zuständige Jugendkammer, so Huber deutlich. Wann über die Zulassung der Anklage entschieden wird, sei offen: „Das kann ich nicht sagen – wir müssen aber bis dahin vorbereitet sein.“ Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es, dass die ersten Terminabsprachen bereits laufen.

Warum wechselt man nicht in Turnhalle?

Doch könnte der Prozess nicht auch in einer Turnhalle oder im Marinaforum durchgezogen werden? Klar, doch dann müsste das Sicherheitskonzept übertragen, speziell gesicherte EDV-Zugänge geschaffen und alle nötige Technik da umgesetzt werden – was mit immensen Kosten verbunden wäre. „Daran dürfte es nicht scheitern“, sagte Huber klar. Weiteres Problem sei, dass niemand sagen kann, wie lang es nötig sein wird. So wäre nur schwer Ersatz zu finden. Deshalb würde der Landgerichtspräsident einen Prozess außerhalb des Justizgebäudes in der Augustenstraße gern vermeiden.

Die Frage, wie viel Prozesstage bis zum Urteil vergehen, ist in dem Verfahren kein Nebenaspekt. Die beiden Strafverteidiger Johannes Büttner und Michael Haizmann vertreten einen der Männer. „Unser Mandant beteuert nach wie vor, dass er unschuldig ist“, erklärten beide. Andere Kollegen, darunter Tim Fischer, Prabhlin Sidhu oder David Hölldobler wollten sich zu dem Details vorerst nicht äußern. Vorsorglich hat das Gericht allen elf Angeklagten aber Sicherungsverteidiger beigeordnet – um eine adäquate Verteidigung sicherzustellen. Immerhin gilt es, mehr als 5000 Seiten Akten detailliert aufzuarbeiten.

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Nach Recherchen der Mediengruppe Bayern läuft die derzeitige Planung auf einen Prozessbeginn frühestens im Februar 2025 hinaus. Ob die Jugendkammer dann auch Hightech zu Hilfe nimmt, ist offen – möglich wäre es jedenfalls. Denn die Mordermittler der Regensburger Kripo haben in diesem Fall alle Register gezogen. Der Tatort wurde dank Videodaten und 3D-Erfassung vom Landeskriminalamt sogar im sogenannten „Holodeck“ nachgebaut. Richter als auch Anwälte könnten sich mit einer VR-Brille oder Tablets im Modell frei bewegen, als wären sie in Echtzeit selbst am Tatort.

Die Tankstelle soll Schauplatz eines versuchten Mordes gewesen sein. Foto: Baumgarten, Archiv
Der Großeinsatz an einer der Hauptstraßen in Hemau sorgte für viel Aufsehen. Foto: Baumgarten, Archiv