Droge, Macht und Terror – ist der Vormarsch von Captagon noch aufzuhalten?

Kleine gelb-weiße Tabletten, auch als Kokain des kleinen Mannes bekannt, finanzieren Terror und Unrechtsregime. Deutschland, Bayern und auch Regensburg sind mittendrin im schmutzigen Geschäft mit Milliardengewinnen. Eine exklusive Recherche gewährt tiefe Einblicke.
Mehr als drei Tonnen Captagon wollten drei Männer in Regensburg produzieren, 300 Kilogramm der Tabletten stellen Fahnder des Bundeskriminalamts im Sommer 2023 sicher. 13 Wochen später folgt in Aachen ein neuer Schlag – hier gelingt die bisher größte Beschlagnahmung vom „Kokain des kleinen Mannes“, wie die Droge genannt wird. Recherchen der Mediengruppe Bayern mit einem ARD-Netzwerk und der F.A.Z. zeigen: Von Regensburg führen DNA und Fingerabdrücke direkt nach Aachen. Die Fälle hängen offenbar zusammen. Experten und Außenpolitiker schlagen Alarm – denn die offenkundigen Netzwerke hinter dem Schmuggel werden kaum beleuchtet.
Vom Medikament zur Droge: Als Arznei gegen ADHS war Captagon seit den 60er-Jahren in Deutschland verbreitet. 1986 wurde es vom Markt genommen und verboten – wegen zu vieler Nebenwirkungen und weil es abhängig machte. Seither wird Captagon illegal gehandelt – in neuer Zusammensetzung, mit gleicher Wirkung. Weil es Angst, Hunger und Durst unterdrückt, euphorisch und empathielos macht, hat es bald den Ruf als Terror-Droge. Angefeuert zuletzt vor einem Jahr: Laut israelischer Medien hatten einige Hamas-Kämpfer die Tabletten beim Überfall am 7. Oktober bei sich.
Das blutige Massaker der Hamas ist nicht die einzige Verbindung zu geächteten Regimes und Terror. Produziert werden die gelblich-weißen Tabletten, häufig mit Doppel-C-Prägung, überwiegend in Syrien. Schätzungen zufolge finanziert Diktator Baschar al-Assad so sein Land. Von Milliarden an Dollar pro Jahr ist die Rede. Und: Studien gehen davon aus, dass sich auch die Hisbollah im Libanon mit Captagon finanziert. Die Terror-Miliz kontrolliert laut Experten ein Fünftel des Welthandels.
Drehkreuz Deutschland – Spuren führen nach Regensburg
Auch Deutschland und Europa spielen längst eine größere Rolle, wie Rekordfunde zeigen. Warum, weiß Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Regensburg: „Die Drogen werden unter legaler Ware wie Marmorkiesel versteckt und getarnt weiterverschickt.“ Das sei ein bekannter „Modus operandi“. Rauscher leitete die Ermittlungen in einem der drei Fälle in Bayern. Ein Grund sei auch die enorme Gewinnspanne. „Die Herstellung einer Tablette kostet wenige Cent“, so Rauscher, „verkauft werden sie in arabischen Ländern für bis zu 20 Dollar“.
Der Fall, über den Rauscher spricht, fliegt im Mai 2021 auf. Damals werden unweit von Regensburg 251 Kilo der Aufputschdroge sichergestellt. Wenig später gehen Ermittlern auf der A 9 bei Hof gut 170 Kilo ins Netz, nachweislich aus derselben Charge. Und das bleiben nicht die einzigen Fälle: Im Juli 2023 schlägt das Bundeskriminalamt (BKA) erneut zu, diesmal im Norden von Regensburg – Ermittler heben erstmals eine Produktionsstätte in einer Hinterhofwerkstatt aus. Über 316 Kilo Tabletten werden hier und in Bruck (Landkreis
Schwandorf) beschlagnahmt. Dort lebte der mutmaßliche Drahtzieher mit seiner Familie. Ein Detail des BKA-Fundes fällt auf: Es werden Rohstoffe für drei Tonnen Captagon gefunden – geschätzter Straßenwert: 300 Millionen Dollar.
DNA und Fimgerabdrücke eines Aachener Angeklagten
Dass Deutschland Drehkreuz im Captagon-Schmuggel ist, zeigt sich 13 Wochen nach Fund der Tablettiermaschine in Regensburg. Zollfahnder nehmen im Oktober im Raum Aachen vier Männer fest – und stellen eine Rekordmenge sicher: Rund 460 Kilogramm der Aufputsch-Tabletten werden, versteckt unter Duftkerzen oder Pizzaöfen, abgefangen. Wie Recherchen der Mediengruppe Bayern mit dem BR, MDR, RBB, SWR und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) exklusiv belegen, gibt es Verbindungen zwischen Regensburg und dem Komplex Aachen – ein 39-Jähriger, wie bisher alle Tatverdächtigen syrischer Abstammung, hinterließ DNA und auch Fingerabdrücke an einer Tüte voller Captagon.
Exklusiv: Interview mit einem Captagon-Schmuggler – „Geld spielt in dem Geschäft keine Rolle“
Nicht der einzige Beleg, dass es in Deutschland Netzwerke zu geben scheint. In tausenden Seiten vertraulichen Materials, die das Rechercheteam einsehen konnte, fällt auf: Rund um die Tatverdächtigen wirkt eine Vielzahl von Helfern mit – die auftauchen und verschwinden, ohne dass die Ermittler die Strukturen dahinter näher aufklären können. Vor Gericht gestellt wurden bisher nur Tatverdächtige, die unmittelbar beteiligt waren. Im laufenden Prozess in Aachen spielt die Verbindung des Syrers zu Landsleuten in Regensburg keine Rolle.
Doch warum ist das so, warum wird nicht tiefer ermittelt? Ein Problem ist das föderale System in Deutschland, sagt Oberstaatsanwalt Rauscher. Strafverfolgung sei in der Bundesrepublik Ländersache. Captagon gehe aber „über Ländergrenzen in Deutschland, sogar in der EU und weltweit hinaus“. Es sei Bürgern heute kaum zu vermitteln, dass „wir nicht auf alle Erkenntnisse automatisch Zugriff haben“. Wichtig wäre daher perspektiv eine enge, strukturierte Zusammenarbeit.
Und das ist auch deshalb nötig, weil mit den Geldern womöglich auch von Deutschland aus Terror finanziert wird, sagt Antonio Hubbard. Er war 25 Jahre Spezialagent der Drug Enforcement Administration, kurz DEA genannt, und spricht offen. Er weiß: „In Saudi-Arabien wird Captagon in großem Umfang gehandelt.“
Klare Warnung: Nicht warten, bis es zum Problem wird
Die aktuelle Lage in Deutschland und Europa bereitet ihm Sorgen. Weil kein Land zum Transitland wird und das bleibe. In den USA kämpft man „mit den verheerenden Auswirkungen von Fentanyl“, das in seiner Heimat ganze Städte überschwemmt. Weil es unterschätzt wurde. „Man kann nicht warten, bis etwas zu einem Problem wird“, sagt Hubbard. „Alle Länder sollten sich über den Aufstieg von Captagon Sorgen machen.“ Auch für Deutschland, glaubt er, sei „es an der Zeit, zu handeln“.
„Wenn Sie Produktionslabors finden, dann haben Sie die Phase des Transits überschritten. Ich würde sagen, dass es an der Zeit ist, zu handeln.“
Antonio Hubbard, 25 Jahre als Spezialagent bei der DEA
Eine große Gefahr, dass die Aufputschdroge auf die Bundesrepublik und Europa übergreift, sieht Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher von CDU/CSU im Bundestag. Er sieht Handlungsbedarf, „dass diese Droge in Deutschland weder Verbreitung findet, noch hier erzeugt wird“, sagte er dem Rechercheteam von BR, MDR, RBB, SWR, der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Mediengruppe Bayern. Nur so könne es gelingen, die Finanzierungsquellen des Assad-Regimes auszutrocknen und die Jugend hierzulande zu schützen. „Die Bundesregierung muss darlegen, was ist ihre Strategie“, so Hardt.
Einen Konsummarkt für Captagon scheint es hierzulande bisher nicht zu geben, sagt das BKA. Wie die Recherchen zeigen, ist Captagon in der arabischen Community aber durchaus bestens bekannt. Sicherstellungen bei kleineren Dealern gibt es in geringem Umfang – in Bayern im unteren zweistelligen Bereich, sagen Experten. Erfasst wird das „Kokain des kleinen Mannes“ in den offiziellen Statistiken aber bisher nicht gesondert. Das bestätigt eine Umfrage in allen Bundesländern. Nur intern gibt es wohl vereinzelt Zahlen.
Reagiert wurde seit dem Beginn der Recherche dennoch: Vor wenigen Monaten gab es ein erstes Arbeitstreffen mit Ermittlern von BKA, Länderpolizei und Staatsanwaltschaften, die an einem Tisch gesessen haben. Um ihre bisherigen Erkenntnisse abzugleichen. Mit einem klaren Ergebnis: Das Thema Captagon „wird uns noch länger beschäftigen“.
Stichwort: Captagon
• Medikament: Die unter dem Namen Captagon vertriebene Arznei enthielt als Wirkstoff Fenetyllin, um Aufmerksamkeitsstörungen zu behandeln. Wegen seiner massiven Nebenwirkungen wurde es 1986 verboten. Verschwunden ist es aber nie.
• Missbrauch: Findige Täter erkannten das Potenzial und verkauften es mit dem Original-Logo, aber neuem Wirkstoff. „Sie haben ganz normal Amphetamin in die Tabletten verpresst“, so Lutz Preisler, Spezialist für synthetische Drogen und neue psychoaktive Stoffe, beim BKA.
• Droge: Fenetyllin wird vom Körper zu Amphetamin gewandelt – im Grunde hat es dieselbe Wirkung wie das Medikament, obwohl das Präparat nicht mehr existiert, so Preisler. Bei Captagon gehe es heute „immer um Amphetamintabletten“.
• Markt: Verkauft wird es vor allem in Saudi-Arabien, Jordanien, den Arabischen Emiraten, Jordanien oder Bahrain. Weil, so glauben Experten, Alkohol und Betäubungsmittel streng verboten sind – Captagon gelte (sei es bei Taxifahrern oder als Partypille) als Medikament.

