Rekordfund: Hunderte Kilo Drogen in Garage – Führt die Spur zurück nach Regensburg?

Von André Baumgarten · 21. Dezember 2023 um 06:00

461 Kilo Rauschgift: Zollfahndern gelingt der größte Captagon-Fund in Deutschland. Seit 2021 haben Ermittler Drogen für fast eine halbe Milliarde Euro sichergestellt, einen riesigen Teil davon auch im Raum Regensburg. Und das, obwohl es hierzulande kaum Abnehmer gibt.

Anfang Juli hebt das Bundeskriminalamt (BKA) in Regensburg ein riesiges Drogenlabor aus. Nur drei Monate später gelingt Zollfahndern erneut ein großer Schlag: Ermittler stellen in einem Garagenlager im Raum Aachen mehr als 3,2 Millionen Captagon-Tabletten sicher – der bisher größte Fund auf deutschem Boden.

Nach Recherchen der Mediengruppe Bayern zusammen mit BR, MDR, SWR, RBB und der F.A.Z. wird Deutschland mehr und mehr zu einem Transitland im internationalen Drogenschmuggel. Captagon im Verkaufswert von fast einer halben Milliarde Euro haben Behörden in den letzten drei Jahren sichergestellt – zweimal schlugen Ermittler im Raum Regensburg zu.

Der jüngste Fall sprengt alle bislang bekannten Dimensionen: 461 Kilo Captagon-Tabletten im Verkaufswert von etwa 60 Millionen Euro entdeckte das Essener Zollfahndungsamt. Ausgangspunkt der Ermittlungen waren Pakete, die an den Flughäfen in Köln und Leipzig sichergestellt wurden. In Duftkerzen, Bremszylindern, einem Luftfilter und einem Pizzaofen sollte die Droge nach Bahrain und Saudi-Arabien gehen. Dadurch kamen die Zollfahnder den vier tatverdächtigen Syrern (33 bis 45 Jahre alt) auf die Spur. Der größte Teil der Tabletten wurde beim Zugriff am 5. Oktober beschlagnahmt – versteckt in einem Koffer und in 16 Tonnen Sandsäcken, die versandfertig auf Paletten bereitstanden. Die vier Männer kamen in Haft.

Banden verschiffen Droge in Tarnware gen Nahost

Es ist nicht die einzige Parallele zu weiteren Funden, auch in der Region: Im Mai 2021 wurden in einer Lagerhalle nahe Regensburg 251 Kilo Captagon sichergestellt – versteckt in Säcken voll Marmorkiesel. Auch der Mann, der beim Zugriff verhaftet wurde, hatte tonnenweise sogenannte Tarnware bestellt und getestet, wie die Tabletten darin versteckt werden. Monate später ging den bayerischen Drogenfahndern sein syrischer Landsmann in Dresden ins Netz. Das Landgericht verurteilt die zwei Männer (35 und 37 Jahre) zu langjährigen Haftstrafen. Weitere 171 Kilo wurden im August 2021 in einem Kurierfahrzeug auf der A9 bei Hof sichergestellt – laut Wirkstoffanalyse stammten sie aus der identischen Produktion wie im ersten Fall.

Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher führte die Ermittlungen dazu und weiß: Hauptabsatzmarkt für Captagon ist die arabische Halbinsel. Die Droge gilt in Saudi-Arabien und teils in den Arabischen Emiraten als verbreitete Partydroge. Gehandelt werden die gelb-weißen Pillen mit der auffälligen Prägung (zwei C formen gegenüberliegende Sichelmonde) zu Stückpreisen von 20 bis 30 Dollar. „Sie werden großteils im Nahen Osten hergestellt, insbesondere im Libanon und in Syrien.“ Zuletzt häuften sich laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft in Regensburg aber „Aufgriffe von Captagon in ganz Europa“.

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Das hat Gründe: Schiffscontainer aus europäischen Ländern, wie sie tagtäglich in Massen in den arabischen Ländern ankommen, werden kaum überprüft. Die Droge in Industriegütern versteckt zu verschiffen, „ist schlicht und einfach deutlich sicherer“, sagte Rauscher. Und die Gewinnspanne sei geradezu enorm, zumal die Herstellung wenige Cent pro Stück koste. Bis vor etwa zehn Jahren galt der Islamische Staat als Hauptprofiteur, um so seinen Terror zu finanzieren. Mittlerweile würden sich laut Rauscher jedoch die Hinweise darauf häufen, dass auch das syrische Regime um Diktator Baschar Al-Assad in größerem Stil mitverdient.

Im Vorfeld des jüngsten und bisher größten Fundes im Verfahren in Aachen hatten Zollfahnder ein angemietetes Garagenlager im Visier. Die Verdächtigen wurden wochenlang observiert. Eine Sprecherin verwies im Interview mit dem ARD-Netzwerk, der F.A.Z. und der Mediengruppe Bayern darauf, dass mit Blick auf Menge und Marktwert der Tabletten nahe liegt, „dass es sich hier um eine organisierte Tätergruppierung handeln kann, die auch länderübergreifend tätig ist“. Daher werde man mögliche Zusammenhänge – auch zum Labor in Regensburg – „weiter beleuchten“.

Razzia im Juli: Erstes Captagon-Labor in Regensburg

Deutsche Ermittler stellten ab 2021 fast 1,2 Tonnen dieser Droge sicher. In diesem Jahr scheinen die Zahlen zu explodieren. In Regensburg fand das BKA in einem weitern Fall im Juli Chemikalien für drei Tonnen Captagon. Daraus hätten rund 18 Millionen Tabletten hergestellt werden können. Und: Aus anderen Großverfahren gab es laut dem Regensburger Oberstaatsanwalt Rauscher Hinweise darauf, „dass die Hintermänner auch schon darüber nachgedacht haben, die Produktion nach Deutschland zu verlegen“. Der Fund im Sommer deutet darauf hin, dass das womöglich längst passiert ist.

In einer Hinterhof-Werkstatt in Regensburg wurden damals zwei Männer verhaftet, als sie an Tablettier-Maschinen das Captagon herstellten. In Bruck im Landkreis Schwandorf wurde ein Großteil der damals sichergestellten 300 Kilo beschlagnahmt. Die Ermittlungen führt in diesem Fall aber die Staatsanwaltschaft Ellwangen. Wie Sprecher Maximilian Adis bestätigte, wird „in Kürze Anklage“ erhoben. Beschuldigt werden ein 30-jähriger Syrer aus Regensburg und ein Komplize. Der Mieter der Werkstatt hatte sich vor der Groß-Razzia abgesetzt. Nach dem 48-Jährigen wird seitdem international gesucht – Fahnder vermuten, dass der Mann in seiner Heimat Syrien untergetaucht ist.

Stichwort „Droge des Krieges“

Wirkung: Als Arzneimittel enthielt Captagon bis zum Verbot Fenetylin. Heute ist es eine Mischung aus Amphetamin und Koffein. Es erhöht die Leistungsfähigkeit, die Gewaltbereitschaft und macht zudem äußerst schnell abhängig.

Schlagzeilen: Nach den Angaben der israelischen Armee (IDF) wurden bei Kämpfern der Elitetruppe der Hamas, die Israel am 7. Oktober angegriffen hatten, ebenfalls Captagon-Tabletten gefunden.

Märkte: Die oft auch „Droge des Krieges“ genannten Tabletten sind in Deutschland kaum erhältlich – es gibt keinen Markt dafür. Captagon wird nach Überzeugung der Ermittler vor allem als Partydroge für den arabischen Markt produziert.

In einer versteckt gelegenen Hinterhof-Werkstatt im Norden von Regensburg wurde im Sommer ein riesiges Drogen-Labor ausgehoben. Foto: Baumgarten
An einer dieser Maschinen arbeiteten die Männer Anfang Juli in Regensburg, als sie verhaftet wurden. Foto: Bundeskriminalamt
Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher führte im ersten Regensburger Fall vom Mai 2021 die Ermittlungen. Foto: Baumgarten
Im Prozess am Landgericht in Regensburg wurden die beiden Verdächtigen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Foto: Baumgarten
Das Captagon war bei der ersten Razzia nahe Regensburg, im Mai 2021, in Paletten voller Marmorkiesel gefunden worden. Foto: GER Nordbayern