Wie Drogen den Millionen-Dealern ein Luxus-Leben finanzierten

Von André Baumgarten · 6. Januar 2023 um 15:00

Neue Details zum Regensburger Heroinring zeigen das ganze Ausmaß: Die Dealer versorgten von Zuhause aus die ganze Region mit harten Drogen. Obwohl ihnen im November 2021 die Ermittler zu nahe kommen, machen sie ungerührt weiter.

Zwei Jahre lang sollen sie die Region mit harten Drogen in riesigen Mengen versorgt haben. So viel, dass zahllose Abhängige in Kliniken landen: Nach einerGroß-Razzia im April 2022gibt es zu wenig und minderwertigen Stoff in der Szene, sagen Ermittler. Acht Monate später hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage erhoben – fünf Männer sollen Rauschgift im Straßenwert von gut 3,5 Millionen Euro verkauft haben und fühlten sich sehr sicher. Mehr noch: Ganze Familien waren wohl in den Heroinring verstrickt.

Der größte Ermittlungserfolg für Strafverfolger

„Das ist unser bislang größter Fall“, bestätigte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Der Schlag gegen den organisierten Drogenhandel war aus Ermittlersicht ein voller Erfolg, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg betonte. Wenngleich die damals aufgerissene Lücke längst gefüllt sein dürfte. „Wir müssen realistisch sein – der Markt reguliert sowas leider schnell.“ Angeklagt wurden die fünf Männer im Alter von 34 bis 47 Jahren laut Rauscher Ende Dezember. Es geht um 37 Kilo Heroin und knapp 7,5 Kilo Crystal Meth.

Nüchterne Zahlen zeigen das wahre Ausmaß, was mit demZugriff von Spezialeinsatzkommandos in Nittendorf und Burgweintingendete: Es geht um mehr als 123 000 einzelne Dosen Heroin, das wie Crystal Meth schwer süchtig macht. Von Letzterem nehmen Konsumenten anfangs 0,1, bald aber bis zu 1,5 Gramm. Beides sind ohne Zweifel die gefährlichsten Drogen – mit teils fatalen Wirkungen: Crystal Meth schädigt Organe und Hirn, gilt als Auslöser schwerster Psychosen. Immer wieder kommt es im Drogenwahn zu Bluttaten, wie jüngst auch in Regensburg.

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Für die Dealer aber zählt nur das Geld. Das zeigt ein Blick in die Akten dieses Fall: Einem 41-Jährigen, den das SEK später aus einem Haus in Nittendorf sprengte, fielen am 27. November 2021 verdeckte Ermittler vormHaus eines Abnehmers in der Blumenstraßeauf. Telefonisch warnte er einen Komplizen, dass „hier Kripos rumschleichen“ – und murmelte dann, dass „sicher ein GPS am Auto“ sei. Womit er gar nicht falsch lag:Eine in seinem Audi verbaute Wanze dokumentierte jedes Wort; Ermittler hörten quasi live mit. Dennoch endete der Drogenhandel nicht.

Mutmaßlicher Boss wanderte nach Tschechien aus

Nur etwa zwei Wochen später kam laut Anklage die nächste Lieferung mit drei Kilo Heroin, rund einen Monat danach nochmal. Auch in diesem Fall führten Chats mit speziell verschlüsselten Kryptohandys auf die Spur des Heroinrings. Als EncroChat geknackt war, sollen die Angeklagten zu Threema gewechselt haben. Der mutmaßliche Boss soll so mit Lieferanten und Mitangeklagten kommuniziert haben. Später zog der 35-Jährige nach Tschechien und führte die Geschäfte wohl von da weiter.

Und das tat er offenbar auch wegen seiner „Megakonditionen“ im Einkauf, wie es aus Ermittlerkreisen hieß. Das Crystal soll pro Gramm nur 17 Euro gekostet haben. Auf Regensburgs Straßen kassieren Dealer dafür rund 85 Euro – auf eigene Rechnung aber. Ein 36-Jähriger soll deren Bestellungen gesammelt und die Belieferung organisiert haben. Gelagert wurde das Rauschgift bis dahin immer an verschiedenen Adressen.

Wie Abhörprotokolle zeigen, waren die Familien der Angeklagten im Bilde, womit die ihr Geld machten. Unter dem Besteckkasten wurden in der Küche der Eltern des mutmaßlichen Bosses einst 35 000 Euro in bar gefunden. Ähnlich lief es bei dem 41-Jährigen aus Nittendorf: Er soll mit seiner Frau offen gesprochen haben, dass man sich das schmucke Doppelhaus nur dank der Drogengeschäfte leisten könne. Zuvor soll er seine Straßenverkäufer von seiner Wohnung in Regenstauf aus versorgt haben.

Auch Familienangehörige stehen im Fokus

Fakt ist: Gegen fast alle Familienmitglieder der fünf angeklagten Männer soll wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt werden, hieß es aus gut unterrichteten Kreisen. Bestätigen wollte die Staatsanwaltschaft das jedoch nicht. Fahnder der Regensburger Kripo, die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift Nordbayern (GER) am LKA, Zollfahndungsamt und die tschechische Polizei hätten eineinhalb Jahre akribisch ermittelt. Dabei waren „mehr als 20 Namen in den Fokus geraten“, wie Rauscher erklärte. Nähere Auskünfte dürfe man jedoch nicht machen.

Wann der Prozess gegen die Männer startet, ist offen. Laut Landgerichtssprecher Thomas Polnik läuft derzeit noch die Stellungnahmefrist für die Verteidiger. Erst danach entscheide die Kammer über die Eröffnung des Hauptverfahrens.