Groß-Razzia im Drogenlabor – produzierte die Mafia in Regensburg?

Von André Baumgarten · 22. Juli 2023 um 05:00

Gehörte das Rauschgift-Labor in Regensburg international organisierten Kriminellen? Recherchen zu dem Fund bringen auch Spuren nach Bruck in der Oberpfalz (Landkreis Schwandorf) ans Licht – im Fokus stehen Vater und Sohn, die die Werkstatt betrieben. Zeugen erlebten den Zugriff in Deutschlands „bislang größtem Drogen-Labor für Captagon“ mit.

Ein Drogenlabor im Hinterhof, in dem tonnenweise Amphetamin-Tabletten im Wert von geschätzt mindestens 90 Millionen Euro produziert werden sollten – was Ermittler vom Bundeskriminalamt in Regensburg fanden, sprengt alle Dimensionen. Vom „größten bekannten Drogenlabor für Captagon in Deutschland“ ist die Rede. MZ-Recherchen bringen ganz neue Details zu Razzien im Norden Regensburgs und in Bruck (Lkr. Schwandorf), zu Verdächtigen und möglichen Bezügen zur Rauschgift-Mafia ans Licht.

Alle Hintergründe zum Fall lesen Sie hier

„Gut 30 Minuten saßen wir in Unterhosen am Boden“

Rückblick: Als das BKA am 3.Juli spätabends das Drogenlabor in Regensburg stürmte, gerieten auch Nachbarn ins Visier der Spezialkräfte des Landeskriminalamts Bayern. Geweckt vom Lärm des Zugriffs sahen die Monteure nach dem Rechten und blickten dann in mehrere Mündungen von gezückten Waffen. „Gut 30 Minuten saßen wir in Unterhose am Boden.“ Bis den vermummten Einsatzkräften schließlich klar wurde, dass die Nachbarn nichts damit zu tun haben. „Das war Wahnsinn“, erinnerte sich einer von ihnen zurück. „Ja, wir hatten echt Angst.“

War die Autowerkstatt das perfekte Versteck?

Ziel einer Drogen-Spezialeinheit des LKA war vielmehr eine Autowerkstatt – und die liegt perfekt für das, wofür sie genutzt wurde. Drei Männer sollen in dem versteckten Labor Rauschgift für den internationalen Markt produziert haben. Die schmale Zufahrt in den unscheinbaren Hinterhof im Norden von Regensburg ist von der Straße aus leicht zu übersehen. Aufgeklebte Folien und Styropor-Tafeln an Fensterscheiben lassen keinen Blick ins Innere zu. Ein Schild mit dem echten Firmennamen gibt es nicht. Nur Unfallfahrzeuge im Hof und (zum Ärgernis vieler Anlieger) auf der Straße ließen erahnen, dass hier eine Werkstatt war.

„Da wurden Autos repariert“, sagen Nachbarn. Häufig seien bis Mitternacht viele Männer dagewesen. Was sich tatsächlich im Inneren abspielte, ahnte wohl keiner. In einer Lackierkabine, die als solche nie genutzt wurde, fand das Rauschgifteinsatzkommando mehrere Groß-Maschinen für die Herstellung von Tabletten. Damit sollen zwei Verdächtige aus Regensburg und ein 51-Jähriger aus Heidenheim in Baden-Württemberg im großen Stil produziert haben – gegen die drei ermittelt das Bundeskriminalamt wegen des Verdachts der Produktion und des Handeltreibens mit Amphetamin.

Ein 30-Jähriger und der 51-Jährige wurden beim Zugriff in Regensburg auf frischer Tat ertappt: Sie waren gerade dabei, Captagon-Tabletten herzustellen. In einer Mörtelwanne waren die Chemikalien bereits angemischt. Angemietet war die Werkstatt bereits seit Frühjahr 2021. Der Mietvertrag lief auf einen 48-Jährigen, der damals auch die Mietschulden des Vorgängers vollständig übernahm. Der dritte Verdächtige ist nach MZ-Informationen der Vater des in Regensburg verhafteten 30-Jährigen und auf der Flucht. Nach dem 48-Jährigen wird wahrscheinlich per Haftbefehl auch international gesucht.

Durchsuchungen an sechs Orten in drei Bundesländern

Die familiäre Bande von Vater und Sohn führte die Ermittler zudem in den Nachbarlandkreis. Das Wohnhaus in Bruck wurde in jener Nacht von Spezialkräften durchsucht – hier soll in blauen Plastiktonnen der Großteil der 300 Kilo Captagon-Tabletten sichergestellt worden sein. „Es gab Durchsuchungen an sechs Orten in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachen“, bestätigte Maximilian Adis, der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Ellwangen. Dabei fand das BKA zweieinhalb Tonnen Streckmittelderivate. Das ist laut Experten genug, um weitere drei Tonnen Tabletten für den internationalen Markt zu produzieren.

Denn in Deutschland ist Captagon kaum verbreitet. Gefragt sind die braun-weißen Tabletten mit der doppelten C-Prägung eher im Nahen Osten, vor allem in Saudi-Arabien. Die Pillen unterdrücken Müdigkeit, Hunger und Angst, machen euphorisch und steigern die Konzentration. Auch deshalb wird Captagon häufig als Terror-Droge bezeichnet. Die Kämpfer des Islamischen Staates und Soldaten im syrischen Bürgerkrieg sollen sich so aufgeputscht haben. Syrien gilt zudem als Hauptproduzent dieser Drogen – legitimiert vom Regime Baschar al-Assads.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: US-Drogenfahnder gaben Tipps zu den Hintermännern

Das brachte auch ein Prozess in Regensburg zutage. Denn das Labor in Regensburg ist nicht der erste und auch nicht der einzige Captagon-Fall in der Region. Im Mai 2021 stellten Zoll und LKA in Laberweinting 251 Kilo dieser Tabletten sicher. Zunächst wird ein Mann verhaftet, einige Monate später ein zweiter. Versteckt zwischen Marmorkiesel als Tarnware wollten sie die Drogen per Container nach Saudi-Arabien verschiffen. Später wurde ein weiterer Aufgriff in bayern bekannt: Auf einem Rastplatz an der A 9 fanden Ermittler 171 Kilo der Amphetamin-Tabletten – die laut Wirkstoffanalyse aus derselben Produktion stammten.

Steckt auch Onkel Abu Kahled hinter dem Drogenschmuggel?

Als Drahtzieher galt im Fall Laberweinting Ali Al Baradei alias Onkel Abu Kahled, ein weltweit gesuchter Pate, den die Spezialfahnder der Drug Enforcement Administration, kurz DEA genannt, seit Jahren verfolgen. Auch in einem Prozess in Salzburg gab es eindeutige Hinweise, dass genau dieser Mann hinter dem bestens organisierten Schmuggel steckte. Al Baradei hat laut Ermittlungsakten beste Beziehungen bis in höchste politische Kreise – darunter auch zu Angehörigen von Syriens Diktator Assad.

Ebenfalls eine Leseempfehlung: Stolperte Gutachterin im Regensburger Heroin-Prozess über JVA-Protokolle?

Ob das Drogen-Labor in Regensburg unter Regie des weltweit gesuchten Drogenpaten stand, wollte Staatsanwalt Adis nicht kommentieren. Auch zur Rollenverteilung der Verdächtigen liefen noch Ermittlungen. Dazu dürfte die Auswertung von Handys gehören, die bei der Razzia nach MZ-Informationen auch bei Angehörigen in Regensburg sichergestellt wurden. Anwohner könnten ebenfalls noch eine Rolle spielen: Die wollen beim Verladen schwerer, blickdicht folierter Paletten geholfen haben – die sollten angeblich voller Autoteile per Containerschiff nach Saudi-Arabien gehen sollten.

Das BKA sicherte Fingerabdrücke und DNA-Spuren in der Werkstatt in Regensburg. Die Tablettier-Maschinen, die dort in einer Lackierkabine standen, wurden beschlagnahmt. Foto: Baumgarten
Die Groß-Razzia von Spezialkräften des Landeskriminalamts hinterließ in Regensburg sichtbare Spuren an Fenstern und Türen. Foto: Baumgarten