Rauswurf: Stolperte Gutachterin im Regensburger Heroin-Prozess über JVA-Protokolle?

Ein Laufzettel des Gefängnisses sorgte für ein jähes Ende der Befragung einer Sachverständigen. Darauf waren ihre tatsächlichen Besuchszeiten dokumentiert. Drei Angeklagte der mutmaßlichen Heroin-Bande aus Regensburg müssen neu begutachtet werden.
Es gleicht einem Paukenschlag im Mega-Prozess um 45 Kilo Heroin und Crystal Meth: Überraschend ist eine Sachverständige von ihren Aufgaben entbunden worden. Das Landgericht sah Zweifel an der Sachkunde der Gutachterin, wie der Vorsitzende Richter Thomas Zenger ausführte. Die Verteidigung sprach gar von Lügen, mit denen die Fachärztin das Gericht bedient habe.
Schon an Tag eins im Prozess (das war Mitte April) hatten die Verteidiger offen ihre Zweifel an der psychiatrischen Sachverständigen vorgebracht − sie hatte für die beiden Hauptangeklagten und einen Helfer keinen Hang zu Drogen attestiert. Ein Entzug im Maßregelvollzug war damit in weite Ferne gerückt.
Drogentherapie verkürzt die Zeit in Haft
Den Gutachten hinsichtlich der Schuldfähigkeit und einer Abhängigkeitserkrankung kommt vor Gericht eine große Bedeutung zu. Sie ist Grundlage für die Anordnung einer sogenannten Maßregel, wie einer Drogentherapie. Ein erfolgreicher Abschluss ließe die tatsächliche Zeit im Gefängnis deutlich kürzer ausfallen.
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Kein Wunder also, dass die Strafverteidiger Shervin Ameri und Hubertus Werner die Fachärztin vier Tage lang äußerst intensiv zu allen Details löcherten. Dabei traten laut Gericht jedoch „Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten“ auf, die sich nicht aufklären ließen. Zenger nannte in der Begründung auch „Ungenauigkeiten und teils spekulative Annahmen im Gutachten“.
In Erklärungsnot brachte die Sachverständige auch ein Zugangsprotokoll der Nürnberger JVA, wonach sie am 23. Juni 2022 um 9.20 Uhr die Schleuse betrat und das Gefängnis um 11.29 Uhr wieder verlassen hatte. Zuvor hatte sie aber mehrfach erklärt, von 9 bis 11.30 Uhr mit einem der Angeklagten gesprochen zu haben.
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Während sie vor Gericht die Echtheit dieses Dokuments lautstark bestritt, hatte die fünfte Strafkammer des Regensburger Landgerichts am Donnerstag keine Zweifel daran. Das stellte Richter Zenger ausdrücklich klar. Von einer Vereidigung für ihre mehrtägige Aussage, die auch beantragt worden war, sah das Gericht letztlich ab.
Neue Gutachten dürften Monate dauern
Die Beweisaufnahme zu den gravierenden Vorwürfen gegen die mutmaßliche Heroin-Bande geriet durch das Hickhack um die Gutachterin zuletzt ins Hintertreffen. Die Angeklagten sollen die gesamte Region vermutlich über Jahre mit riesigen Mengen Rauschgift versorgt haben.
Vor Gericht stehen die 34 bis 47 Jahre alten Männer wegen bandenmäßigen Drogenhandels in nicht geringen Mengen und wegen Beihilfe. Die Anklage spricht von 37 Kilo Heroin und 7,5 Kilo Crystal Meth. Der Straßenwert beträgt rund 3,6 Millionen Euro.
Ermittler von Zoll, Kripo und Landeskriminalamt sollen den Angeklagten durch Chats auf verschlüsselten Handys auf die Spur gekommen sein. Monatelang wurden sie und ihr ganzes Umfeld observiert, ehe im April 2022 Spezialkräfte bei einer Groß-Razzia in Regensburg, Nittendorf sowie Tschechien zuschlugen. Es war der wohl größte Schlag gegen Rauschgift-Dealer der letzten Jahre.
Mit einem baldigen Ende des Prozesses ist vor Gericht jedoch nicht zu rechnen. Schon seit 19. April machte eine Flut von Verteidigeranträgen den Mega-Prozess zum juristischen Schlagabtausch.