Hammer-Attacke in Regensburg: Ignorierte die Polizei alle Warnungen?

Von André Baumgarten · 23. Januar 2025 um 05:00

Einfach aufgelegt? Nach der Hammer-Attacke in Regensburg gibt es ernste Vorwürfe: Ein Zeuge will frühzeitig vor der Verdächtigen gewarnt haben, die Polizei habe ihn aber nicht ernst genommen. Es geht um drei Dienststellen in der Oberpfalz und Oberbayern.

Mit einem Hammer schlägt eine 41-Jährige am Silvestermorgen auf eine Seniorin ein. Die über 80-Jährige wird schwer verletzt. Die mutmaßliche Angreiferin wird kurz darauf verhaftet, kommt in die Psychiatrie. In der Sache ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt auch gegen die Polizei: Denn der Ex-Mann der 41-Jährigen will vor ihr gewarnt haben, bei mehreren Anrufen aber einfach abgeblitzt sein. Am Ende wurde in dem Fall sogar das Bundeskriminalamt aktiv.

Aus dem Nichts soll die Tatverdächtige am 31. Dezember erst an einer Tankstelle in Regensburg aggressiv geworden sein, wenig später dann in einem Wohngebiet im Stadtteil Kumpfmühl. Die 41-Jährige soll erst einen ihr unbekannten Autofahrer im Gesicht verletzt haben. Gegen 5.45 Uhr war das. Knapp fünf Stunden später , gegen 10.30 Uhr, soll es zur zweiten blutigen Attacke gekommen sein. Nach den ersten Erkenntnissen war auch die Seniorin eine völlig Fremde.

Ermittlungen laufen: Wurde trotz Hinweisen nichts getan?

Mittlerweile gibt es zwei Aktenzeichen in dem Fall – in einem wird gegen die Polizei ermittelt. Es geht um Warnungen und mögliche Versäumnisse vor den Taten: Der Ex-Mann der Verdächtigen will nämlich eindringlich vor ihr und einer Gefährdung durch sie gewarnt haben. Die Regensburger Staatsanwaltschaft, das bestätigte Sprecher Thomas Rauscher, hat zu den „Vorwürfen gegen verschiedene Polizeibehörden nunmehr ein Vorermittlungsverfahren“ eingeleitet. Das Polizeipräsidium sei damit beauftragt, alle Fakten dazu zu eruieren. „Die Vorwürfe wurden uns von Anfang an mitgeteilt“, betonte der Oberstaatsanwalt.

Was im Raum steht, wiegt schwer: Geht es doch um die Frage, ob Polizeibeamte in drei Dienststellen in der Oberpfalz und Oberbayern Warnungen vor einer potenziellen Gefährdungslage in Regensburg nicht ernst genommen haben könnten? Laut dem Ex-Mann soll die 41-Jährige ihm gedroht haben, weshalb er die Polizei rief. Dort sei ihm nicht geglaubt worden, eines der Telefonate gar durch Auflegen beendet worden sein. Er müsse persönlich zu einer Dienststelle kommen, um Anzeige zu erstatten, habe es geheißen.

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So schreibt das die Landtagsabgeordnete Christiane Feichtmeier (SPD) in einer Anfrage an die Staatsregierung. Dass Warnungen wie diese wohl „nicht beachtet“ wurden und der Hinweis auf die Frau „untergeht“, sei „unverständlich und muss dringend untersucht werden“, sagte sie zur MZ. Einige Fragen zielen offenkundig auf eine mögliche Unterbesetzung der betroffenen Dienststellen ab. Doch unabhängig davon, so Feichtmeier, dürfte sich so etwas – vor allem mit Blick auf wohl unbeachtete Warnungen zum mutmaßlichen Attentäter von Magdeburg – nicht wiederholen.

Die 41-Jährige aus Regensburg, vor der ihr Ex-Mann gewarnt haben will, ist derweil in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Zunächst hatte das Amtsgericht sie an Neujahr wegen versuchten Totschlags an der Seniorin in Untersuchungshaft geschickt. Tags darauf stellte jedoch ein Gutachter fest, dass die Frau womöglich im Wahn handelte. Nach der ersten Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen wurde daher sofort eine Verlegung angeordnet.

Wirre Nachrichten und Memos in sozialen Netzwerken

Diese vorläufige Einordnung deckt sich mit MZ-Recherchen. In Sozialen Netzwerken hatte die Frau seit den Weihnachtsfeiertagen teils verstörende Nachrichten und Memos verfasst – mit steigender Intensität. Es ging um Verschwörungstheorien, vermeintliche Morde in einem Regensburger Hotel bis hin zur Aufforderung zu Straftaten. Sie schreibt auch, „heute getötet“ zu haben. „Ich rufe alle guten Menschen zum Mord auf“. Die Zeilen datieren auf den Silvestertag, um 7.33 Uhr, also zwischen beiden Taten, aber vor der Hammer-Attacke auf die Seniorin. Bereits am 30. Dezember, 20.39 Uhr, wirft sie jemandem die Vergewaltigung ihres Kindes vor.

Das alles hatte offenbar auch der Ex-Mann der Frau gesehen. Und nach eigenen Angaben auch mit ihr telefoniert. Er gab weiter an, dass er besagte Links an die Polizei weiterleiten wollte. Das sei da jedoch abgelehnt worden. Letztlich wandte sich der Mann nach eigenen Angaben deshalb an Silvester ans Bundeskriminalamt. Personenbezogene Auskünfte lehnte eine Sprecherin dort mit Verweis auf den Datenschutz ab. Derartige Meldungen würden im BKA aber rund um die Uhr „geprüft und bewertet“. Ernst zu nehmende Warnungen gingen „grundsätzlich an zuständige Landeskriminalämter“.

Bundeskriminalamt leitete Hinweis nach Bayern weiter

Im aktuellen Fall ist das nach MZ-Recherchen auch passiert. Der Hinweis des Ex-Ehemanns ans BKA ging in Regensburg jedoch erst ein, als die 41-Jährige schon verhaftet war. Laut der Zeugenaussage des Ex-Mannes wäre die Polizei zwei Stunden später vor seiner Türe gestanden. Die Beamten hätten ihm in dem Gespräch gesagt, dass seine Ex-Frau in Haft sei. Dass sie zuvor offenbar eine Gewalttat begangen hatte, habe er erst Tage später aus den Medien erfahren.

Auf den ersten Blick ist nicht ausgeschlossen, dass die laut dem Mann erfolglosen Anrufe vom 30. Dezember ein schnelleres Eingreifen möglich gemacht hätten. Diese Frage hat jetzt aber die Staatsanwaltschaft zu klären. „Wir gehen den Vorwürfen nach“, so Rauscher. Ob die Ermittlungen aus Neutralitätsgründen letzten Endes an anderer Stelle geführt würden, müsse sich zeigen. „Derzeit müssen Fakten zusammengetragen werden, vor allem, welchen Dienststellen wann, welchen Informationen tatsächlich vorlagen.“

Mehr als die Aussage des Ex-Mannes gibt es nicht. Wie lang es dauert, bis klar ist, „ob wir gegen einzelne Personen ein Ermittlungsverfahren einleiten müssen“, stellte Rauscher klar, lässt sich noch nicht sagen.