„Weißes“, „Braunes“, scharfe Waffen: Verkaufte Mann (32) in Regensburg an verdeckte Ermittler?

Er soll Semtex und sogar Kalaschnikows angeboten – im Prozess um einige heiße Deals mit der Polizei hüllen sich ein Regensburger und drei mutmaßliche Komplizen in Schweigen. Ihnen drohen lange Haftstrafen.
Anfang Juli 2024 schlägt die Kripo zu, nach aufwendigen, monatelangen Ermittlungen, zum größten Teil sogar mit verdeckt operierenden Beamten. Im Fokus hatten sie einen Mann aus Regensburg, der offenbar mit dem organisierten Verbrechen ins Geschäft kommen wollte. Doch dazu kam es gar nicht mehr. Der Deal platzte.
Bei der Wahl seiner künftigen Geschäftspartner Sinan B. (Name geändert) aus Regensburg dann aber so gar kein gutes Händchen – denn er verkaufte seine heiße Ware, konkret Waffen und Rauschgift, direkt an die Polizei. So steht es in der Anklage gegen den Türken, der sich mit drei Mitangeklagten vor Gericht verantworten muss.
Abhörprotokoll rief Ermittler auf den Plan
Unterlagen zu dem alles andere als alltäglichen Fall offenbaren weitaus mehr, als in der zehnseitigen Anklageschrift gegen die Männer nachzulesen ist: Der 32-Jährige soll verdeckten Ermittlern demnach AK-47, Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow, und sogar Semtex-Plastiksprengstoff angeboten haben. Aufgefallen waren die Geschäfte des in Regensburg geborenen Mannes bei abgehörten Telefonaten eines Drogenpaten. Der wollte nämlich Makarovs bestellen, mindestens 20 Stück der Selbstladepistole, die bis heute Standard bei russischen Streitkräften sind. Vor einer Übergabe wurde der Pate dann aber verhaftet.
Also hefteten sich die Ermittler an die Fersen von Sinan B. und seine Mitstreiter aus Regensburg sowie dem Landkreis Kelheim. Es kam zu einigen Geheimtreffen mit den potenziellen Käufern. Dass diese in Wirklichkeit verdeckte Ermittler waren, schien dem jungen Türken nicht aufzufallen. Er soll offen über Preise, wie 1000 bis 1500 Euro für eine AK-47 oder, deutlich teurer, rund 3000 Euro für eine Glock 17 gesprochen haben. Bald soll es auch um Drogen gegangen sein, womit „viel mehr verdient“ sei, wie ausgelesene Chats und auch Abhörprotokolle zeigen.
Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Glatteis-Chaos auf der A3 bei Regensburg fordert Todesopfer – So lief der Großeinsatz der Retter
„Weißes“ (als Synonym für Kokain) und „Braunes“ (Heroin) soll direkt in den Niederlanden besorgt worden sein – beim „Tee“, wie Treffen mit Lieferanten verklausuliert genannt wurden. Am 9. Juli klickten dann aber die Handschellen. Da hatten nach MZ-Recherchen drei Waffen und gut eineinhalb Kilo Rauschgift bereits den Besitzer gewechselt – gekauft von verdeckten Ermittlern. Es ist nicht das erste Mal, dass in Regensburg Steuergeld für Drogenkäufe verwendet wird, wie ein Fall vom März 2024 zeigt.
Bis zu neun Jahre Haft drohen Hauptangeklagten
Wie die vier Angeklagten im Alter von 27 bis 49 Jahren dazu stehen, blieb vorerst ihr Geheimnis. Zum Prozessauftakt am Landgericht in Regensburg wurden hinter verschlossenen Türen die Positionen ausgetauscht und mögliche Strafen diskutiert. Ob es alle acht geplanten Fortsetzungstermine bis Ende April braucht, wird sich erst zeigen müssen. Sollten die Männer doch gestehen, könnte die Beweisaufnahme womöglich deutlich schlanker werden. Das wollen sie aber erst mit ihren Verteidigern besprechen. Für Sinan B. stehen laut den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft bis zu neun Jahre Haft im Raum.
Der Pate aus dem Raum Dillingen, durch dessen Überwachung die Ermittlungen in Regensburg in Gang kamen, wird auf jeden Fall nicht im Prozess aussagen. Das ließ der vom Landgericht in Augsburg zu neun Jahren Gefängnis verurteilte Mann bereits vorab durch seinen Anwältin mitteilen. Er berief sich dabei auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Das dürfte rechtens sein, wie Vorsitzender Richter Oliver Wagner betonte. In einem zweiten Regensburger Prozess mit direktem Bezug zu diesem Paten, soll dieser dagegen am 30. Januar als Zeuge aussagen.
99000 Euro unter einem Plüschstuhl in Langquaid
Ganz kurz waren beim Prozessauftakt am Dienstag noch die einst in Langquaid (Lkr. Kelheim) sichergestellten 99.000 Euro ein Thema. Die fand die Kripo bei der Durchsuchung in einer Kosmetiktasche, versteckt unter der Sitzfläche eines Plüschsessels, im Haus des ältestens Angeklagten. Womöglich war das Geld aus anderen, früheren Deals. Eine Einziehung des Vermögens gilt deshalb als durchaus wahrscheinlich.
Fortgesetzt wird die Hauptverhandlung am 4. Februar. Bis dahin dürften sich die Angeklagten dann auch entschieden haben, ob sie mildere Strafen für Geständnisse wollen, oder der Prozess strittig verhandelt wird. So oder so dürfte ein Augenmerk der Verteidigung auf der Rolle der verdeckten Ermittler liegen – deren Arbeit ist nämlich per Gesetz reglementiert.
Es gilt als nicht ausgeschlossen, dass diese sogar als Zeugen aussagen müssen. Das wäre unter sehr strengen Voraussetzungen sogar denkbar – beispielsweise in Videovernehmungen mit verfremdeten Stimmen und unkenntlich gemachten Gesichtern. Beantragt oder entschieden ist das allerdings bisher nicht.
Gut zu wissen: Das sagt die Anklage
Verdächtige: Neben Sinan B., dem mutmaßlichen Drahtzieher, sitzen ein 28-Jähriger aus Regensburg, ein 27-Jähriger aus Kelheim und ein 49-Jähriger aus Langquaid auf der Anklagebank. Sie sollen als Fahrer, Kurier und Finanzier agiert haben.
Vorwürfe: Die Männer sollen zwei Pistolen, einen Revolver und einen Schießkugelschreiber samt Munition, dazu rund 1,5 Kilo Crystal Meth, Heroin und Kokain in Holland geholt haben. Geliefert worden sein sollen die Waffen und Drogen teils an verdeckte Ermittler.
Tatbestände: Strafbar wäre das als Einfuhr sowie als Handeltreiben mit Schusswaffen und mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen. Dafür drohen nicht unter zwei Jahren Gefängnis. Als Höchststrafe sind 15 Jahre ausgewiesen.
