Syrer im Wald bei Sinzing ausgesetzt – Bewährung für 13 Stunden lange Odyssee

Ukrainer fuhr 22 Syrer quer durch halb Europa und setzte sie nahe Sinzing (Landkreis Regensburg) aus. Im Prozess vor Gericht macht der 34-Jährige einen Deal, nannte dafür aber Ross und Reiter im Schleuser-Netzwerk.
Professionelle Banden bringen Migranten auf vielen Wegen illegal nach Deutschland – oft unter Lebensgefahr und für Tausende Euro. Gehen Schleuser der Polizei ins Netz, schweigen sie, wie es ein 34-Jähriger bei seiner Festnahme auch tat. Im Prozess um den Aufgriff von 22 Syrern bei Eilsbrunn änderte er die Taktik: Der Ukrainer gestand gestern. Und er packte aus, nannte die Hintermänner der Bande. Dafür gab es ein mildes Urteil für den Mann, der mit Freundin und Mutter dann in die Freiheit ausreiste. Zuvor gewährte er Einblicke in eine Schattenwelt, in der die Not anderer zu Geld gemacht wird.
Drei Frauen, vier Kinder, das jüngste nicht einmal zwei Jahre alt, drei Jugendliche und zwölf Männer hatten am 26. September 2023 rund 1000 Kilometer im Laderaum eines tschechischen Transporters verbracht. Nach 13 Stunden endete die Odyssee durch halb Europa in Eilsbrunn bei Sinzing. Der Opel streikte, weshalb alle mit anpackten und anschoben. Das fiel jedoch einer Zeugin auf. Sie wählte den Notruf. Als die erste Polizeistreife ankam, flüchtete der Fahrer. Doch er kam nicht weit, wurde auf einem Feld verhaftet. Es ist der Mann, der gestern auf der Anklagebank im Saal 103 des Amtsgerichts Platz nehmen musste. Angeklagt wegen des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern in 22 Fällen.
Angeklagter macht Deal – und geht als freier Mann
Bis gestern schwieg der Ukrainer, der erst Monate nach besagtem Vorfall nahe Sinzing in U-Haft kam. Denn zunächst war der 34-Jährige wieder entlassen worden. Erst als DNA-Spuren ausgewertet worden waren, erging Haftbefehl. Gefasst wurde er in Tschechien und nach wenigen Tagen ausgeliefert. Pikantes Detail: Sein genetischer Fingerabdruck passte offenbar auch zu einem zweiten Schleuserfall, wie der Sachbearbeiter des Falls aussagte. Im Prozess spielte das jedoch keinerlei Rolle mehr. Zuvor hatte der Anwalt des 34-Jährigen einen Deal ausgehandelt.
Deshalb kamen ungewöhnlich viele Details zur Sprache, wie das Geschäft abläuft – denn der Angeklagte gestand nach einer Verständigung alles, gab sogar Hintergründe preis. Wie etwa, dass er die Syrer in einem Wald in einer Stadt in Ungarn eingeladen hatte. Den Transporter mit Geld für Sprit und Verpflegung hinter einer Sonnenblende wollte er im tschechischen Brünn abgeholt haben. Er habe angehalten, um Pinkelpausen zu machen, erzählte der 34-Jährige, und den Geschleusten auch Wasser gekauft. Anweisungen habe er im WhatsApp-Gruppenchat bekommen.
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Die Kommunikation konnten Ermittler auch sichern – viel war davon aber offenbar nicht übrig. Denn die automatische Löschung war aktiviert, wie Richterin Dr. Wein betonte. Und ansonsten waren die beiden Geräte leer, wie der Kripo-Sachbearbeiter sagte. So konnten lediglich Standorte, die der mutmaßliche Drahtzieher namens „Oleg“ ihm übermittelte, rekonstruiert werden. Diese bestätigten, was die Polizei längst weiß: Es gab wohl auch in dem Fall ein Begleitfahrzeug, das vorausfuhr und die Strecken ganz genau ausspähte. In den Chats fand sich offenbar auch ein Video – auf dem Ermittler 23 Geschleuste zählten. Einer dürfte also schon abgehauen sein, bis die Polizei im Wald bei Eilsbrunn ankam.
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Vom „Büro in der Türkei“, in dem die Syrer wohl bis zu 6000 Euro zahlten, wusste der Angeklagte nichts. Er sei beim Messengerdienst Telegram auf das „Jobangebot“ gestoßen, weil er „dringend das Geld gebraucht“ habe. 15.000 tschechische Kronen seien ihm für die Fahrt versprochen worden. Bekommen habe er die umgerechnet 500 Euro aber nie. Ihm tue das alles sehr leid und er werde „diesen Fehler nie mehr im Leben wiederholen“, betonte der 34-Jährige. Auch an dieser Stelle ging er mit keinem Wort darauf ein, dass es wohl nicht seine erste Schleusung gewesen sein könnte.
Ermittlungen gegen Hintermänner laufen weiter
Das Schöffengericht glaubte ihm dennoch und honorierte insbesondere sein umfassendes Geständnis: Zwei Jahre auf Bewährung gab es dafür. Der 34-Jährige verließ das Gericht als Mann. Auch, weil der Ukrainer mit der Aussage geholfen habe, weitere Ermittlungen anzustrengen. Man werde in jedem Fall versuchen, „diese Hintermänner zu identifizieren“, sagte die Richterin. Denn das sei „kein Kavaliersdelikt“.
