Geheime Preisliste: Bot Mann (32) aus Regensburg Kalaschnikow und Sprengstoff an?

Der Fall eines mutmaßlichen Waffendealers offenbart tiefe Einblicke ins organisierte Verbrechen. Was der 32-Jährige türkischer Abstammung offenbar den Falschen angeboten haben soll, fällt teils sogar unter das Kriegswaffenkontrollgesetz.
AK-47-Sturmgewehre, Plastiksprengstoff oder Glock 17 – was ein 32-Jähriger aus Regensburg besorgen wollte, könnte ihn als Lieferanten organisierter Verbrecher qualifizieren. Blöd nur, dass er und drei mutmaßliche Komplizen an die Falschen gerieten – ihre „Kunden“ waren in Wirklichkeit verdeckte Ermittler der Polizei. Aufmerksam geworden waren die auf den Regensburger mit türkischen Wurzeln, als ein Großdealer im Raum Augsburg Waffen bei ihm orderte. Als im Juli Waffen, Crystal Meth, Kokain und ein Heroinverschnitt übergeben wurden, schnappte die Falle zu. Nun ist Anklage erhoben.
Im Dezember 2023 hören Augsburger Ermittler einen Dealer ab. Der will 20 bis 30 Makarow kaufen, Halbautomatik-Pistolen russischer Produktion samt Schalldämpfer, am besten sofort. Doch das Geschäft platzt. Der 45-Jährige, selbst eine feste Größe in der Organisierten Kriminalität, der an einem einsamen See kiloweise Kokain und Heroin portioniert und verkauft, fliegt wegen seiner Geschäfte auf. Zwischenzeitlich ist er wegen Drogenhandels zu neun Jahren Haft verurteilt, wie Landgerichtssprecher Michael Rauh auf Anfrage bestätigt.
So kommunizieren die Kriminellen miteinander
Dafür gerät Sinan B. (Name geändert) ins Visier, der Mann am anderen Ende des Telefons, der bald identifiziert war. In Telefonaten spricht er kryptisch – es geht um das Schwarze oder die Spielzeuge (Waffen), um Kerne (Munition) oder Weißes (Kokain) und Braunes (Heroin). Für Treffen mit Lieferanten in Holland fährt man zum „Tee“. In den Chats ist man weniger zurückhaltend. Hier werden Videos ausgetauscht, wo Hände mit scharfen Waffen hantieren, später auf einer Freifläche in Sandhaufen schießen.
Der Fall Sinan B. sticht aus dem, mit was Ermittler sonst so zu tun haben, heraus. Tausende Kilometer soll der 32-Jährige quer durch Deutschland und auch Europa unterwegs gewesen sein, um die Kunden zu versorgen oder illegale Ware selbst anzusehen. Akribisch ist das in Berichten nachzulesen, die die Mediengruppe Bayern einsehen konnte. Mehrfach soll sich der Regensburger mit verdeckt operierenden Polizisten getroffen haben. Mal in München, mal Landshut, mal Pentling.
Scharfe Kalaschnikow kostet maximal 1500 Euro
Die Preisliste, die der 32-Jährige Ermittlern präsentiert haben soll, hat es in sich: Eine Kalaschnikow, eine Kriegswaffe mit 600 Schuss Dauerfeuer pro Minute, für 1000 bis 1500 Euro. Deutlich teurer: Glock 17, die Dienstwaffe deutscher Spezialkommandos wie der Anti-Terror-Einheit GSG 9, für 2800 bis 3000 Euro. Oder Taurus-Pistolen für 2250 Euro beim Kauf von zehn Stück. Schnell soll es aber auch um Rauschgift gegangen sein, das der 32-Jährigen in petto habe. Womit auch „viel mehr verdient“ wäre.
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B. verkauft wohl zweimal an die verdeckten Ermittler der Kripo. Anfang Mai sollen für 3000 Euro 50 Gramm Kokain, ein Revolver sowie eine aufgebohrte und damit scharfe Schreckschusspistole übergeben worden sein. Nur zwei Monate später sollen 760 Gramm Meth, über 100 Gramm Kokain, 250 Gramm Heroin (tatsächlich nur ein Verschnitt) den Besitzer gewechselt haben. Dazu eine scharfe Waffe der Marke SIG Sauer. Bezahlt wurde der 32-Jährige bei der Lieferung nicht – stattdessen klickten am Parkplatz eines Schnellrestaurants am Stadtrand von Regensburg die Handschellen.
Neben dem 32-Jährigen wurden drei mutmaßliche Komplizen festgenommen. Die Zugriffe in Regensburg, Kelheim und Langquaid bringen weitere Beweise zutage. Bei einem 49-jährigen Ukrainer finden Ermittler 99 000 Euro, versteckt unter der Sitzfläche eines Plüschsessels, dazu die handschriftliche Liste mit Summen und Daten, womöglich von alten Deals. Letztlich landen die vier Verdächtigen, im Alter von 27 bis 49 Jahren, in U-Haft, wo sie bis heute auf ihren Prozess warten.
Ob der mutmaßliche Haupttäter, der nicht vorbestraft sein soll, wirklich so tief im Waffenhandel steckte, wie er seinen vermeintlichen Abnehmer, der Kripo, Glauben machen wollte, ist unklar und wird es wohl bleiben. „Wie viel von dem, was der Angeschuldigte den Ermittlern sagte, auch wahr ist, können wir kaum verifizieren“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. In Kreisen wie diesen sei „eine gute Portion Prahlerei“ aber nicht ganz unüblich. Letztlich könnte dem 32-Jährige das auf die Füße fallen.
Angeklagte schweigen oder bestreiten alles
Dem mutmaßlichen Waffen- und Rauschgiftdealer Sinan B. wird illegaler Handel mit und Einfuhr von Schusswaffen und Drogen in nicht geringer Menge vorgeworfen. Was genau die drei anderen Beschuldigten dazu beigetragen haben, wird die Hauptverhandlung zeigen müssen. Einer soll Kurierfahrer, einer B.s rechte Hand und der letzte ein Mittelsmann gewesen sein. Vertreten werden die Männer unter anderen von den Strafverteidigern Shervin Ameri sowie Urs Erös. Äußern wollten sich beide auf Nachfrage zu dem Fall jedoch nicht.
Das Landgericht bestätigte den Eingang der elfseitigen Anklage. „Das Verfahren ist bei der achten Strafkammer anhängig“, so Sprecherin Ruth Koller. Eine Entscheidung über deren Zulassung zur Hauptverhandlung sei jedoch noch nicht getroffen worden. Laut Recherchen der Mediengruppe Bayern schweigen die Männer zu allen Vorwürfen oder bestreiten sie vehement. Im Fall einer Verurteilung drohen den mutmaßlichen Waffen- und Drogendealern lange Haftstrafen.
