Von der Russen-Mafia bedroht? Kronzeuge will vor Gericht plötzlich nichts mehr wissen

Ein 53-Jähriger steht wegen Drogenhandels vor Gericht: Ließ sich der Beratzhausener (Landkreis Regensburg) wohl mit der russischen Mafia ein? Der Kurierfahrer, auf dessen Aussagen die Anklage fußt, bekam jedoch kalte Füße. Auch ein Augsburger Pate soll deshalb nun nach zum Prozess nach Regensburg geholt werden.
922,5 Gramm Heroin soll ein 53-Jähriger aus Beratzhausen ge- und weiterverkauft haben. Und zwar von einer namhaften Größe im organisierten Verbrechen. So steht es in der Anklage niedergeschrieben. Mehr als einmal fallen im gestern gestarteten Prozess die Worte „russische OK“, was für Organisierte Kriminalität steht, kurz die Mafia.
Im Fall des 53-Jährigen aus Beratzhausen ist das von so großer Bedeutung, weil der Kurier eines Drogenpaten ausgepackt hat. Doch davon wollte der Mann als Kronzeuge vor dem Landgericht in Regensburg plötzlich überhaupt nichts mehr wissen – offenbar wird er massiv bedroht, fürchtet wohl um sein Leben. Und das, obwohl er selbst eine langjährige Haftstrafe sitzt.
Ermittler zogen gegen Drogenbande alle Register
GPS-Tracker, Abhörwanzen, Handyüberwachung – um einer Drogenbande in Schwaben das Handwerk zu legen, die kiloweise Heroin und Kokain verkaufte, zogen die Ermittler alle Register. Mit Erfolg: Die Täter um einen Paten aus dem Raum Dillingen, die quer durch Bayern ihre Deals abwickelten, sitzen alle in Haft. Verurteilt zu vielen Jahren Gefängnis. Auch der Boss, ein 46-jähriger Aussiedler, der lang in Griechenland lebte. 17 Tage nach dessen Verurteilung in Augsburg (neun Jahre Haft) erhob die Regensburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen seiner mutmaßlichen Abnehmer aus Beratzhausen, der nun vor Gericht sitzt.
Hintergrund: Augsburger Ermittlern, die die Drogenbande ein dreiviertel Jahr lang überwachten, waren Fahrten nach Beratzhausen aufgefallen: am 11. August, am 7. Oktober und am 9. Dezember, alle im Jahr 2023. Aus Telefonaten wurden so drei Lieferungen an den 53-jährigen Angeklagten aus dem Landkreis Regensburg rekonstruiert. Außer vager Anhaltspunkte aber hatte die Kripo nicht sehr viel in der Hand. Nie wurden bei dem Drogen beschlagnahmt oder Chats mit eindeutigen Inhalten ausgewertet.
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Doch dann kamen neue Aussagen dazu. Da waren die Prozesse gegen die Bande in Dillingen längst beendet. Und die stammten vom Drogenkurier selbst – denn der hatte das getan, was in solchen Kreisen eigentlich nie geschieht: Er hatte bei der Kripo ausgepackt. Zumindest wurde das in der Vernehmung des Mannes so protokolliert. Die Richtigkeit dessen, was da niedergeschrieben steht, bestätigte der Sachbearbeiter im Augsburger Fall gestern als Zeuge vor Gericht noch mal.
Aussage zurückgezogen: Eingeschüchtert? Bedroht?
Der vermeintliche Kronzeuge selbst wollte davon aber nichts mehr wissen. An einen Termin bei der Augsburger Kripo erinnerte er sich vage, an jedwede Inhalte nicht. Erkannt haben wollte er damals auf den Bildern auch niemanden – dass das, was unter einem Foto des nun angeklagten 53-Jährigen steht, seine eigene Unterschrift ist, bestätigte der Zeuge aber dann schon. Mehr aber auch nicht.
Dazu war im Vernehmungsprotokoll vom 31. Oktober außerdem zu lesen, dass er Drogen nach Beratzhausen geliefert, eben dieser Person Pakete übergeben und auch Geld von dem erhalten habe. „Nein, das hab ich nicht gesagt“, ließ der Mann die Dolmetscherin übersetzen. Er verwies auf eine MS-Diagnose und nahezu täglich schlimmer werdende Gedächtnisprobleme. Dass der Vorsitzende Richter Dr. Alexander Guth ihm dahingehend nicht so recht Glauben schenken mochte, irritierte ihn nicht. Er blieb dabei.
Als in einer Sitzungspause der aktuelle Ort seiner Inhaftierung fiel, sorgte das für große Irritationen. Denn das hatte das Gericht bei der obligatorischen Prüfung der Personalien des Kuriers umschifft – offenbar aus Sicherheitsbedenken. Die Bestätigung lieferte einer der Ermittler aus Augsburg im Zeugenstand. Der hatte dafür gesorgt, dass niemand in der JVA erfährt, wer sein Kronzeuge ist. „Aber die wissen das alle da“, soll ihm der Mann gestern in einer Pause anvertraut haben. Man könne sich sicher sein, „dass er schon unter Druck gesetzt wird“, vermutete der Kripobeamte klar. Lange dürfte der Kronzeuge also nicht mehr in dieser Haftanstalt sein. Zumal der Prozess in Regensburg nur die erste Station sei, wo er in dieser Sache „mit eindeutig russischen OK-Bezügen“ aussagen solle.
Pate aus Dillingen soll nun in Regensburg aussagen
Nach dem Veto von Michael Haizmann und David Hölldobler, den beiden Anwälten des 53-Jährigen, um dessen mutmaßliche Drogenkäufe es im Prozess in Regensburg eigentlich geht, entschied die siebte Strafkammer, das Beweisprogramm neu zu ordnen. Der Dillinger Pate selbst, dessen auch verurteilte Ehefrau und der Schwager sollen als Zeugen geladen werden. Am 30. Januar ist für sie großes Wiedersehen in Regensburg. Ob, wie geplant, am 11. Februar bereits ein Urteil gesprochen wird, ist derzeit noch offen.
Doch schon am Dienstag (21. Januar) geht es in einem anderen Fall ebenfalls um besagten Drogenpaten. Denn der soll bei einem Regensburger Waffen im ganz großen Stil geordert haben. Am Ende tappte der 32-jährige Türke aber in die Falle von verdeckten Ermittlern und flog auf. Mitsamt seinen drei mutmaßlichen Komplizen. Hier plant das Landgericht mit neun Sitzungsterminen bis Ende April.
Angeklagten drohen ganz empfindliche Haftstrafen
Eines aber eint die in diesen beiden Fällen Angeklagten, die durch Ermittlungen gegen die Drogenbande im Raum Dillingen aufflogen: Ihnen drohen ganz empfindliche Haftstrafen, sollte das Gericht zu dem Schluss kommen, dass die Vorwürfe aus den Anklageschriften gegen sie korrekt sind.