Verdeckte Ermittler im Gerichtssaal: Wirbel im Prozess um Mordversuch an Tankstelle in Hemau

Von André Baumgarten · 10. Februar 2025 um 19:00

Das Landgericht in Regensburg soll die Tat an einer Tankstelle in Hemau (Landkreis Regensburg) rekonstruieren: Unter den Zuhörern saßen auch verdeckte Ermittler im Sitzungssaal – nicht der einzige Punkt, der die Verteidiger Sturm laufen ließ.

Es ist ein Mammut-Prozess, in dem das Landgericht aufklären soll, was am 6. November 2023 an einer Tankstelle in Hemau geschah. An Tag 2 kamen nun erste Zeugen zu Wort – der Hauptermittler jedoch nicht. Dagegen waren die Verteidiger der elf angeklagten Männer Sturm gelaufen. Ebenso gegen verdeckte Ermittler, die sich – neben zwei geplanter Zeuginnen – unter die Zuhörer im Sitzungssaal gemischt hatten. Sogar von Bespitzelung des Prozesses war deshalb am Montag die Rede.

In dem Verfahren, das unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet, geht es um versuchten Mord. Die elf Angeklagten sollen, teils mit Eisenstangen bewaffnet, auf zwei Männer eingeprügelt haben, auch als die schon zu Boden gegangen waren, und sie so lebensgefährlich verletzt haben. Was Auslöser der Eskalation brutaler Gewalt gewesen sein soll, schilderte der Chef einiger Beteiligter als Zeuge.

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Streit entbrannt um zu schnelles Fahren

„Da hat sich einer beschwert, dass ein anderer zu schnell gefahren ist“, fasste es der Mann vor Gericht zusammen. Es sei darüber gesprochen worden und er habe gemeint, dass wäre erledigt. Doch weit gefehlt. Nur Stunden später meldet sich der Beschwerdeführer telefonisch, dass ein Streit eskaliert sei und zwei Leute ins Krankenhaus gekommen wären. Der Chef ließ wenig Zweifel, dass es mit dem Mann, der eigentliches Ziel der laut Anklage geplanten Abreibung war, immer wieder Probleme gab – der kam „fast mit keinem klar, ein Besserwisser“, so der Standortleiter gestern.

Opfer wurden zwei Männer, die dem Beschwerdeführer bei einem ersten Aufeinandertreffen mit den mutmaßlichen Angreifern wohl zu Hilfe gekommen waren. Für die Nebenkläger, die sich laut der Anklage offenbar auch vorm verabredeten Treffen bewaffnet hatten, endete der Abend mit Hirnblutungen und schwersten Verletzungen. „Ich hätte nie erwartet, dass das so endet“, betonte der Zeuge.

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Verdeckte Ermittler im Sitzungssaal

Der Mann, den die beiden Geschädigten beschützen wollten, bekam nichts ab – er war weggelaufen als die Attacke an der Tankstelle begann. Aber auch er, das machte sein Ex-Boss klar, wurde tags darauf sofort fristlos entlassen. Wie es zu dem Treffen an der Tankstelle kam, versuchte die Jugendkammer ebenfalls zu rekonstruieren. Dazu sagte der Inhaber einer Pizzeria aus, der am Tatabend von einem Mann um die Telefonnummer eines der Nebenkläger gebeten wurde. Näher beschreiben konnte der Zeuge den Mann nicht.

Das alles geriet für einen Moment aus dem Fokus, als sich in einer Sitzungspause ein Zuhörer als Polizist in Zivil zu erkennen gab. Denn: Die Angeklagten dürfen nicht miteinander oder mit Angehörigen sprechen – Kontaktverbot. Das wollte der Beamte wohl durchsetzen. Doch dass verdeckte Ermittler im mit mehr als 100 Personen prall gefüllten Saal tätig sind, rief mehrere Anwälte auf den Plan. Dass offenbar die Zuhörer bespitzelt würden, stinke zum Himmel. Die Richterin erklärte, dies nicht beauftragt zu haben, und schickte auf weitere Intervention eine Zivilpolizistin aus dem Saal, um deren Platz für die Öffentlichkeit freizumachen. Ein Angehöriger eines Angeklagten hatte wegen der begrenzten Sitzplätze nämlich draußen warten müssen.

Anwälte üben Kritik am „Holodeck“

Ein anderer, der längere Zeit im Flur wartete, ging unverrichteter Dinge: Die Vernehmung des Hauptsachbearbeiters der Kripo verschob das Gericht. Gegen dessen Auftritt hatte der Münchner Strafverteidiger Dr. Johannes Makepeace Widerspruch erhoben.

„Das Abspielen einer Simulation beeinflusst die Art und Weise, in der später eingeführte Beweise vom Betrachter aufgenommen werden.“

Dr. Johannes Makepeace, Strafverteidiger

Allem voran gab es Kritik, weil eine Animation des Landeskriminalamts abgespielt werden sollte – die nach Ansicht aller Verteidiger die Unvoreingenommenheit von Richtern und Schöffen aushebeln könnte. Die Rekonstruktion im sogenannten „Holodeck“ gebe die subjektive Auffassung der Ermittler wieder, gaben sie zu bedenken. Simulationen hätten laut Studien eine suggestive Wirkung.

Richterin Knott betonte, dass man keinerlei Tendenz habe schaffen wollen, sondern es als „hilfreich“ erachtet hätte. Ob und wann die Videos gezeigt werden, blieb offen. Der Prozess wird am 17. Februar mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

Ein Treppenhaus des Landgerichts ist an den Prozesstagen abgeriegelt – Polizeibeamte sichern auch die Flure. Foto: Baumgarten