Mit Eisenstangen auf den Kopf: Alle Angeklagten schweigen zu Bluttat von Hemau

Von André Baumgarten · 3. Februar 2025 um 19:00

Versuchter Mord liegt elf Männern zur Last. Für sie gilt striktes Kontaktverbot im Prozess. Tag eins am Landgericht in Regensburg, das zum Hochsicherheitstrakt wurde, war bestimmt von Anspannung, Anträgen und Ablehnungen.

Was geschah am 6. November 2023 an einer Tankstelle in Hemau? Mit dieser Frage will sich das Regensburger Landgericht bis Ende Juni intensiv auseinandersetzen. Angeklagt sind elf Männer, 19 bis 37 Jahre alt, denen versuchter Mord zur Last liegt. Sie sollen an jenem Abend mit Eisenstangen auf ein Brüderpaar eingeschlagen haben, als die zwei längst zu Boden gegangen waren. So fasst es die Anklage zusammen. Der Fall Hemau sorgt für einen Mammut-Prozess unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen – Tag eins gab einen Vorgeschmack.

Um 8.30 Uhr ist es ruhig rund ums Justizgebäude. Erste Angehörige warten bereits, als wenig später erste Vorführfahrzeuge in den Innenhof biegen. Der ist für den Prozess gesperrt, die Zufahrt blockiert ein Polizeitransporter. So werden die Gewahrsamcontainer – eine Leihgabe vom G7-Gipfel – gesichert, in denen die Angeklagten vor der Sitzung und in Pausen bleiben; abgeschirmt voneinander und von Zuhörern. So hat das Landgericht es festgelegt. Kontaktverbot, damit sich wohl keiner absprechen kann.

Polizisten müssen direkt vorm Richterpult sitzen

Anspannung ist auch im Sitzungssaal greifbar. Den Weg dorthin weisen Absperrungen in Treppenhaus und Fluren, die Polizisten absichern – das Gericht als Hochsicherheitstrakt. Ebenso Raum 101, der für den Prozess umgebaut wurde. Anwälte sitzen wie in Schulreihen hintereinander. Besonders ungewöhnlich: Vor dem Richterpult reihen sich Polizeibeamte, als müssten sie die Jugendkammer schützen. Anders hätten die 40 Bewaffneten nicht in den Saal gepasst. Zeitweise sind es mehr als 100 Menschen, davon 25 Zuhörer und sechs Journalisten, im zweitgrößten Saal des Regensburger Landgerichts.

„Das ist überzogen und maßlos – man könnte fast meinen, wir verhandeln hier gegen die Cosa Nostra.“

Strafverteidiger Michael Haizmann zu den Sicherheitsvorkehrungen

Als einer der zwei Staatsanwälte die 15 Seiten umfassende Anklage vorträgt, wird klar, warum das so sein könnte: Die elf Männer sollen für eine fast beispiellose Eskalation der Gewalt verantwortlich sein. Der Auslöser erscheint da fast schon nichtig: Es soll ein Streit um zu schnelles Fahren auf dem Firmengelände in Hemau gegangen sein, wo mehrere von ihnen arbeiten.

Die Männer, die am 6. November letztlich lebensgefährlich verletzt in Kliniken kamen, hatten damit aber wohl gar nichts zu tun. Sie kamen der „Abreibung“ für einen anderen Mann in die Quere, wollten ihm laut der Anklage nur beistehen. Dafür sollen fünf der Angeklagten mit Eisenstangen brutalst auf sie eingeprügelt haben, „überfallartig, gezielt und insbesondere auf den Kopf“.

Jugendkammer schmettert mehrere Anträge ab

Anders als noch bei der Kripo schwiegen die elf Männer an Tag eins im Mammut-Prozess unisono. Zwei lassen die Vorwürfe von ihren Strafverteidigern Michael Haizmann und Tim Fischer bestreiten. Direkt zuvor hatte Prof. Dr. Jan Bockemühl die zu späte Bekanntgabe der Gerichtsbesetzung gerügt und eine Unterbrechung beantragt. Das lehnte die Jugendkammer ab – genauso die folgenden Anträge zur Einstellung des Verfahrens für den ältesten Angeklagten. Dessen Tatbeitrag hatten seine Anwälte als zu vage und abstrakt bezeichnet. Ob er als Mittäter verurteilt werde, müsse sich zeigen, argumentierte die Vorsitzende Richterin Knott dazu.

Weite Teile der Anklage fußen nach MZ-Recherchen auf einer Spezialtechnik des Landeskriminalamts. Die Tat wurde mit Überwachungsvideos und aus Zeugenaussagen im Holodeck in 3D rekonstruiert. Dazu soll am zweiten Prozesstag in einer Woche der Hauptermittler der Kripo aussagen. Auch dagegen regte sich bei den Verteidigern aber schon Widerstand. Nach ihrer Überzeugung müsse vermieden werden, den Schöffen die „Animation“ der Tat zu zeigen, ohne zuvor die Zeugen anzuhören, die dafür die Basis geliefert hatten. Denn Laienrichter dürften die wesentlichen Ergebnisse von Ermittlungen nicht vorab erfahren, hätten genau daher auch keine Akten. Die Jugendkammer ließ noch offen, wie man mit der Kritik umgehen will.

33 weitere Prozesstage bis Ende Juni geplant

Nur rund eine Stunde netto war am Ende von Tag eins verhandelt worden. Zeugen waren aber ohnehin nicht vorgeladen. Etwa ein Viertel dieser Zeit, gut 15 Minuten, dauerte es allein, bis alle elf Angeklagten im Sitzungssaal 101 ihren Platz einnahmen. Zumindest das konnte die Polizei in Sachen Sicherheit nun zweimal proben. Gelegenheit dafür, das zu verfeinern, wird es wohl ausreichend geben. 33 weitere Prozesstage hat das Landgericht angesetzt. Zunächst mal bis Ende Juni.

Der Justizparkplatz ist an allen Sitzungstagen ein Sicherheitsbereich und abgeriegelt. Für die Angeklagten gibt es Container, eine Leihgabe vom G7-Gipfel. Foto: Baumgarten
Mehrere der elf Männer sind miteinander verwandt, darunter auch der mutmaßliche Haupttäter (rechts, sitzend) und ein Mitangeklagter (vorn Mitte). Foto: Baumgarten