Versuchter Mord in Hemau: Bricht vor Gericht nun die Woche der Wahrheit an?

Von André Baumgarten · 28. April 2025 um 19:28

Im Mammut-Prozess um die brutale Attacke auf zwei Brüder an einer Tankstelle in Hemau im Landkreis Regensburg haben Zeugen nun erstmals konkrete Namen genannt. Direkt nach dem Vorfall sollen sich einige Angeklagte für ihre Tat sogar gefeiert haben. Der Ton im Verfahren vor dem Landgericht in Regensburg wird nun deutlich rauer.

Warum nach der Bluttat an einer Tankstelle in Hemau im November 2023 elf Männer auf der Anklagebank sitzen, wird langsam klarer. An Tag neun und zehn hatten Zeugen das Wort, die vor und nach der Attacke auf zwei Brüder viel mitgekriegt hatten. Ehe nämlich Eisenstangen und Baseballschläger sprachen, gab es ein Treffen am Volksfestplatz. Später sollen sich einige Täter für den brutalen Überfall sogar selbst gefeiert haben. „Die haben sich gefreut“, schilderte ein Zeuge.

Ist am Regensburger Landgericht die Woche der Wahrheit angebrochen? Es deutet einiges darauf hin, dass das, was die Männer im Alter von 19 bis 37 Jahren an jenem 6. November getan haben sollen, in den kommenden Tagen etwas klar werden dürfte. Dafür sorgten Zeugen aus dem Umfeld der Angeklagten, die schon vernommen wurden. Zwei von ihnen hatten sogar Namen genannt. Heute und morgen sollen zudem Sachverständige zu Spuren und Handyauswertungen das Wort bekommen.

Anklage sieht versuchten Mord bei elf Angeklagten

Im Mammut-Prozess, für den sich das Regensburger Justizgebäude jedes Mal in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt, geht es um versuchten Mord. Die Angeklagten sollen im Spätherbst 2023 auf zwei Brüder eingeschlagen haben. Selbst, so sieht es die Anklage, als die beiden Männer schon am Boden waren. Die Brüder wurden beim Angriff zum Teil lebensgefährlich verletzt und leiden bis heute unter Spätfolgen. Und das, obwohl sie nichts mit dem Ganzen zu tun hatten. Denn eigentlich war ein Streit unter Arbeitskollegen der Auslöser. Die Brüder waren ihrem Bekannten zu Hilfe gekommen, dem damals eine Abreibung verpasst werden sollte.

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Bevor es dazu kam, sollen die Angeklagten sich am Hemauer Volksfestplatz verabredet und bewaffnet haben. So schilderte es ein 22-Jähriger zuletzt vor Gericht. Einer der Angeklagten habe ihm später berichtet, er wäre „sich sicher, dass die Russen gestorben sind“. Und dass er „sowas noch nie erlebt“ haben wollte. Wer bei jenem Treffen Eisenstangen dabei hatte, konnte der 22-Jährige selbst sehen oder erfuhr es aus Gesprächen. Ebenso, wer zugeschlagen hatte, sei ihm später erzählt worden. Der Zeuge nannte die Namen von drei Männern, die hinter ihm auf den Anklagebänken sitzen. Alle elf Angeklagten schweigen bisher.

Jeder der elf Angeklagten hat zwei Verteidiger. So sollte ein reibungsloser Abauf des Verfahren sichergestellt werden. - Foto: Baumgarten

Wie explosiv die Aussage für das Verfahren offenbar zu sein schien, ließ sich gut an den Reaktionen der Verteidigung ablesen. An dieser Stelle nämlich wurde der Ton merklich rauer. Das mündete in offener Kritik an Fragestellungen und Vorhalten der Vorsitzenden Richterin. Prof. Dr. Jan Bockemühl sprach gar von einer „Gutsherrenart“, in der diese den Prozess führe. Es war nicht das erste Mal, dass die Vorsitzende in die Kritik geriet. Zuvor gab es Wirbel um verdeckte Ermittler, für die im Sitzungssaal zwei Plätze reserviert waren.

Eine Dolmetscherin, die aus dem Bulgarischen übersetzte, musst ersetzt werden – und nach gut eineinhalb Stunden die komplette Vernehmung des Zeugen noch einmal wiederholt werden. Bis zum Abend zog sich dieser Prozesstag hin – vier Zeugen konnten nach stundenlangem, vergeblichem Warten wieder gehen. Sie sollen an anderen Terminen neu vorgeladen werden.

Was soll ich sagen – die haben es gefeiert.

Ein Zeuge über ein Treffen nach der Bluttat

Ein anderer Zeuge berichtete gestern indes vom Treffen in einer Wohnung nach der Tat. „Was soll ich sagen“, fragte der 25-Jährige fast rhetorisch, „die haben es gefeiert“. Auch er nannte Namen, konnte sich jedoch nicht mehr genau erinnern, wer was sagte. Aber: „Was ich gesagt habe bei der Polizei, so ist es 1:1 gewesen.“ Und erneut intervenierte auch hier die Verteidigung. Diesmal monierte Dr. Johannes Makepeace aus München Fragen der Staatsanwaltschaft als unzulässig.

Aussage von Ermittlerin nach Veto abgebrochen

Später endete am Montag dann die Aussage einer Kripobeamtin nach wenigen Minuten – die Spezialistin für Spurensicherung hatte die DNA eines der jüngsten Angeklagten und eines Opfers an einer einst beschlagnahmten Eisenstange verortet. Ehe aber die Gutachter dazu gehört sind, so die Anwälte, sei das unlauter, weshalb Richterin Knott die Ermittlerin nach kurzer Beratung der Jugendkammer umlud. Sie muss ihre umfangreiche Präsentation überarbeiten und ohne Namen der Angeklagten am 5. Mai erneut vorstellen.

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Fortgesetzt wird der Mammut-Prozess, für den bis dato 34 Verhandlungstage terminiert wurden, bereits am Dienstag (29. April). Dann sollen zwei Ermittlungsrichter als Zeugen aussagen, zudem zwei Polizisten sowie auch ein Sachverständiger. Gutachter-Vormittag ist dann am Mittwoch (30. April), wenn es um Spuren und Handyauswertungen gehen soll. Wann das Beweisprogramm abgearbeitet sein wird, ist derzeit noch unklar. Einige kurzfristig umgeladene Zeugen müssen noch aussagen, darunter der Hauptsachbearbeiter.

Einer der Angeklagten soll bei den Ermittlern ausgepackt haben. Wann und wie die Aussage des jungen Mannes, der von den Strafverteidigern Johannes Bütter (Mitte, sitzend) und Michael Haizmann (re.) vertreten wird, zur Sprache kommen soll, ist offen. Vor Gericht schweigt er. - Foto: Baumgarten

Wie die Jugendkammer des Regensburger Landgerichts mit der Tatrekonstruktion im sogenannten Holodeck des Bayerischen Landeskriminalamts oder den zwei unerreichbaren Zeugen – darunter der Mann, an dem sich der Streit unter Kollegen ursprünglich mal entzündet hatte, der aber in den USA weilt – umzugehen gedenkt, ist offen. Nach bislang zehn sind weitere 24 Prozesstage vorgesehen. Die Suche nach der Wahrheit bleibt aufwendig.