Kritik an Richterin: Platzt Mammut-Prozess um Mordversuch in Hemau?

Von André Baumgarten · 11. März 2025 um 09:00

Die Verteidiger halten die Vorsitzende der Jugendkammer für befangen, weil sie jüngst von „Idioten“ sprach, die sich bewaffnet verabreden. An Tag 4 im Prozess bekamen die zwei bei der Attacke von Hemau im Landkreis Regensburg schwerst verletzten Brüder das Wort.

„Es war wie in einem Horrorfilm“, sagt ein 43-Jähriger. Von jeder Seite seien Schläge gekommen. „Ich war im Schock.“ Was ihm und seinem Bruder am 6. November 2023 an einer Tankstelle in Hemau zustieß, hat elf Männer vor Gericht gebracht – angeklagt sind sie wegen versuchten Mordes. Der Mammut-Prozess könnte jedoch platzen: Denn die Vorsitzende Richterin wird nun wegen Befangenheit abgelehnt. Die Verteidiger stören sich an deren „menschenverachtenden Aussagen“, die in einem anderen Prozess fielen.

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Die Angeklagten sollen sich dazu verabredet haben, die beiden Geschädigten zu töten. Mit Eisenrohren oder Baseballschlägern, mit gezielten Schlägen auf den Kopf, auch, als die Opfer zu Boden gegangen waren. So sieht es die Anklage. Auslöser soll ein Streit unter Arbeitskollegen gewesen sein. Mit den Brüdern, die am Ende schwerst verletzt auf der Straße lagen, hatte das Ganze wohl gar nichts zu tun.

Die beiden Männer, die gestern als Zeugen geladen waren, sollen einem Bekannten bei einer ersten Konfrontation an derselben Tankstelle zu Hilfe gekommen sein. Zu einem telefonisch verabredeten Treffen nur wenig später kamen aber auch die Geschädigten bewaffnet. Um sich notfalls wehren zu können, wie die Brüder in dem Prozess aussagten.

„Minimum zehn“ Angreifer sollen es gewesen sein

Unvermittelt, so schilderte es der 43-Jährige, seien „Minimum zehn Personen“ auf ihn zugelaufen und hätten auf ihn eingeschlagen. Ob er mit einem Schaufelstiel, den er dabei hatte, einen der Angreifer erwischte, konnte der Zeuge gestern nicht mehr sagen. Nach etwa einer Minute sei alles vorbei gewesen. Dass ihm sein fünf Jahre jüngerer Bruder, wohl ebenfalls bewaffnet mit einem Nageleisen, noch zu Hilfe kam, bemerkte der Ältere zunächst gar nicht. Zwei weitere Begleiter, die man zum Treffen mitgenommen hatte, flüchteten, statt auch zu helfen oder einzugreifen. „Die sind einfach weggefahren.“

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Die Folgen jenes Angriffs an der Tankstelle sind dramatisch: Beide Brüder sind laut eigenen Angaben bis heute arbeitsunfähig, leiden unter Schmerzen und auch psychischen Folgen. Der Jüngere erlitt durch die Attacke eine Hirnblutung – er hat nur vage Details der Tat behalten. Wohl eine Folge der schweren Verletzungen.

Denn: Als der 38-Jährige seinem Bruder zu Hilfe kommt, enden die Erinnerungen jäh, erklärte er. Er lief demnach in die Gruppe hinein, die „von oben Richtung Kopf“ auf den Älteren einschlug. Erst in der Klinik sei er dann wieder aufgewacht. „Das war’s“, sagte er. Seine Aussage machte er mit fast durchgehend geschlossenen Augen, um sich konzentrieren zu können. Dazu leidet er an einer Sprachstörung, wohl ein bleibender Schaden.

Aussagen der Richterin „grob unsachlich und beleidigend“

Über dem Mammut-Prozess, der unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen läuft, schwebt aber nun ein dunkler Schatten: Womöglich müssen die Opfer ihre Aussagen zu jener Nacht Anfang November 2023 noch einmal machen. Denn es gibt Befangenheitsanträge aller Anwälte – gegen die Vorsitzende Richterin. Hintergrund waren deren Worte zu einem Fall an einem Regensburger Jugendzentrum, die auch vor der Jugendkammer verhandelt wird.

Darum gehts: Dass sich „irgendwelche Idioten verabreden und schlagen und immer irgendwelche Waffen dabei haben“ beschäftige sie immer häufiger, erklärte die Richterin Ende Februar in dem anderen Verfahren einem Zeugen. „Grob unsachlich und beleidigend“ nannte Strafverteidiger Prof. Dr. Jan Bockemühl das. Wie seine Kollegen habe er deshalb die Befürchtung, die Vorsitzende der Jugendkammer habe sich bereits festgelegt und wäre somit nicht mehr unvoreingenommen.

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Dazu muss sich die Richterin jetzt dienstlich erklären. Dann entscheiden die übrigen Richterinnen oder auch eine andere Strafkammer des Landgerichts, was passiert. Bis dahin läuft die Hauptverhandlung wie bisher geplant weiter. So entschied es die Jugendkammer auf Antrag gestern. Die elf Angeklagten schweigen zu allen Vorwürfen. Nächster planmäßiger Prozesstag ist der 17. März.

Höchste Sicherheitsvorkehrungen gelten für den Prozess im gesamten Gerichtsgebäude. Foto: Baumgarten