Familie von Maria Baumer wehrt sich: Mord darf keine Unterhaltung sein
Weil vor Publikum - teilweise verpixelte bzw. verfremdete - Fotos der sterblichen Überreste gezeigt wurden, steht die Bayern 3-Show „Tödliche Liebe“ mit Dr. Alexander Stevens in der Kritik. Die Angehörigen der ermordeten Maria Baumer fordern Konsequenzen. Die Polizei mahnt die Macher zweimal ab.
Im abgedunkelten Saal des Amberger Congress Centrums flackern im Oktober 2024 Bilder auf einer Leinwand auf. Bilder, die im Publikum noch nie jemand gesehen haben dürfte. Denn die Bilder sind offiziell nur einem kleinen Kreis, wie Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Anwälten zugänglich. Sie zeigen Maria Baumers sterbliche Überreste. In einem Erdloch bei Bernhardswald (Landkreis Regensburg). Jetzt wurden diese - teilweise verpixelten bzw. verfremdeten - Fotos zu Elementen einer Bühnenshow, in der mit dem Publikum auch darüber spekuliert wird, ob das Urteil gegen den verurteilten Mörder von Maria Baumer gerecht ist. Die Familie des Opfers wehrt sich dagegen.
Ein BR-Podcast tourt derzeit mit dem Fall durch Deutschland. Dass das Schicksal der ermordeten Oberpfälzerin in der Liveshow „Tödliche Liebe“ mit Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens und Moderatorin Jacqueline Belle erzählt werden sollte, wussten die Hinterbliebenen im Vorfeld. Sie baten um Pietät und Rücksicht bei den Machern, hätten es viel lieber verhindert. „Wir wollen endlich Frieden finden, zur Ruhe kommen und neu anfangen dürfen“, sagen die Angehörigen. Nun werde der Tod von Maria Baumer ihrer Meinung nach wie ein Samstagabend-Krimiquiz inszeniert. Und die Zuschauer dürfen abstimmen.
Animierte Einspieler im Zeichentrick-Stil erzählen Teile der Geschichte, die einst bundesweit Schlagzeilen machte. Die Namen von Täter und Opfer sind in der Show geändert. In Amberg dürften viele Zuschauer trotzdem wissen, um welchen Kriminalfall es geht. Denn der Wohnort des Paares, seinerzeit in Regensburg, wird benannt. Zudem werden Zeitungsartikel aus jener Zeit gezeigt, teils geschwärzt. Bis auf einen, in dem der echte Vorname des Täters in der Überschrift prangt.
Wut, Trauer und Hilflosigkeit bei der Familie
Für Barbara Baumer wird der Fall ihrer Zwillingsschwester „so zur Unterhaltung ausgeschlachtet“. Das macht sie „wütend und traurig und hilflos zugleich“. Ihre Kritik: Statt einer sachlichen Beleuchtung, wie ihr das im Vorfeld zugesichert worden sei, „werden Witze gemacht – das ist nirgendwo sachlich“. Selbst Politiker, die vor dem Start der Show beim Bayerischen Rundfunk interveniert hätten, scheiterten. „Da war uns noch nicht klar, was für ein Ausmaß das hat“, empört sich Baumer. Sie sei dazu „im Dunkeln gelassen worden“.
„„Hat sich noch niemand gefragt, was das mit uns als Familie macht, wenn man seine Schwester so sehen muss?““
Barbara Baumer, Zwillingsschwester des Mordopfers
Die Familie beauftragte eine Anwältin. Was die in einer der Shows dokumentierte, reißt nach über zwölf Jahren die alten Wunden auf. Die Zwillingsschwester kämpft wieder mit massiven Folgen. Sie hat Flashbacks, schlaflose Nächte, Panikattacken, leidet unter Übelkeit und Herzrasen. Die ganze Show, bei der aus ihrer Sicht Zweifel am Urteil gesät werden, sei „Körperverletzung, gegen die ich mich nicht wehren kann.“ Besonders bitter: Dass die Show mit den Worten eingeleitet wird, „wie wahnsinnig zu Herzen der Fall“ gegangen wäre, ist für Barbara Baumer nichts anderes als „Zynismus pur“.
Die Familie hat rechtliche Schritte gegen die Produktion geprüft. Die Krux dabei: Persönlichkeitsrechte der Opfer, die Angehörige posthum geltend machen könnten, erlöschen zehn Jahre nach dem Tod. Auch die Tatsache, dass dem rechtskräftig verurteilten Mörder in der Show per Ton-Einspieler „die große Bühne geboten wird“, wie es Barbara Baumer nennt, ist nicht angreifbar. In der Show ist zu hören, wie der Täter dem vom Bundesgerichtshof bestätigten Urteil widerspricht. Der Tod von Maria Baumer sei ein Unfall gewesen. Er habe nur die Leiche vergraben. Das hatte er auch im Prozess so behauptet.
Polizei mahnt Macher der Show zweimal ab
Völlig wehrlos ist die Familie dennoch nicht. Sie erfährt Unterstützung: „Opferschutz ist eine zentrale polizeiliche Aufgabe“, sagt Polizeipräsident Thomas Schöniger. Dazu zähle für ihn auch, dass „den Interessen von Angehörigen mehr Rechnung getragen wird“. Seine Behörde wurde tätig und hat die Macher der Show Ende November wegen Urheberrechtsverstößen abmahnen lassen. Wie eine Sprecherin des Polizeipräsidiums der Mediengruppe Bayern bestätigt, wiesen die Show-Akteure diese zunächst zurück. Am 16. Dezember wurde die geforderte Unterlassungserklärung dann aber doch abgegeben. Damit verpflichtete man sich dazu, von der Polizei angefertigte Bilder aus der Akte der getöteten Maria Baumer nicht mehr öffentlich zu zeigen.
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Im Januar ist das Polizeipräsidium aber erneut tätig geworden. Weil „nicht alle Beiträge in sozialen Medien, die Lichtbilder der Ermittlungsakte enthielten, gelöscht worden waren“, so die Auskunft. Die zweite Abmahnung folgte, wieder kam die unterzeichnete Unterlassungserklärung zurück. Zudem fordert die Polizei die im Dezember festgelegte und anerkannte Zahlung: Doch statt des vollen Betrags an die Stiftung Opferhilfe Bayern wurde „nur ein Bruchteil der geforderten Vertragsstrafe“ gezahlt. „Mit der Begründung, dass der kommerzielle Wert der Bilder gen Null gehe“, so die Polizeisprecherin. Der volle fällige Betrag hätte „im niedrigen vierstelligen Bereich“ gelegen.
„„Es muss öffentlich klargestellt werden, dass es sich verbietet, Mord als witziges Unterhaltungsprogramm zu verkaufen.““
Barbara Baumer
Mit diesem aktuellen Stand will sich Barbara Baumer nicht zufriedengeben. Es sei „unglaublich, dass sich jemand herausnehmen kann, wahnsinnig viel Geld damit zu verdienen, den Mord an meiner Schwester auszuschlachten, die Konsequenzen aber anderen aufbürdet“. Sie will darum kämpfen, dass die Politik Gesetze für den Opferschutz überarbeitet und Persönlichkeitsrechte nicht automatisch zehn Jahre nach dem Tod dieser Menschen erlöschen. Sie wünsche sich eine Diskussion darüber, ob Neugier und Sensationsbefriedigung ein berechtigtes öffentliches Interesse sein dürfen. Es müsse endlich klargestellt werden, „dass es sich verbietet, Mord als witziges Unterhaltungsprogramm zu verkaufen“. Sachliche Berichterstattung in den Medien sei für Angehörige schon „sehr schwierig“, etwas wie die Show von Stevens und Belle „ertragen zu müssen, ist mehr als man verlangen kann.“ Sie wolle das Bild ihrer Schwester wahren. Ihr Schritt an die Öffentlichkeit ist wohlüberlegt: „Ich will und muss zeigen, dass wir uns wehren und dass wir uns das nicht gefallen lassen.“
Wer hat die Verantwortung für das Format?
Der Bayerische Rundfunk teilt auf Anfrage mit, dass „nur wenige, für die Aufklärung der Tat absolut notwendige Original-Bilder“ verwendet, „aber unkenntlich gemacht“ wurden. In Amberg waren die sterblichen Überreste von Baumer klar erkennbar. Die Bilder seien seit 6. Dezember laut dem BR durch KI-generierte Symbolfotos ersetzt worden. Viele Fotos seien „von vornherein aus Pietätsgründen“ nicht gezeigt worden. Zudem betont Bayern 3, dass der Podcast und die Live-Tour „voneinander getrennt“ seien: Der Sender wäre „lediglich (Logo-)Lizenzgeber“, aber „nicht Veranstalter“. Ins Programm der Show einzugreifen, sei daher rechtlich unmöglich, man sehe aber auch keinen Anlass. Durch die „sehr emphatische Aufbereitung“ erfahre das Thema Femizid anhand des Falles Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.
„„Die öffentliche Präsentation von Details einer Straftat, insbesondere Bildaufnahmen, ist nicht nur unsensibel, sondern oft auch strafbar.““
Leitender Oberstaatsanwalt Theo Ziegler
Auf Bitten um eine Stellungnahme meldet sich im Namen von Stevens, Belle und dem Konzertbüro Augsburg, das laut dem Internetauftritt als Veranstalter der Show agiert, ein Berliner Medienanwalt zu Wort. Äußern wollen sich seine Mandanten nicht. In eigenem Namen erklärt er, dass nach seiner Ansicht kein offensichtlicher Rechtsverstoß vorliege, „der in der Sache auch strittig gestellt wird“.
Staatsanwaltschaft bestätigt Ermittlungen
Auch die Staatsanwaltschaft in Regensburg bezieht auf Anfrage der Mediengruppe Stellung: Wenngleich das Interesse an spektakulären Kriminalfällen nachvollziehbar sei, lässt deren Chef, Leitender Oberstaatsanwalt Theo Ziegler mitteilen, dürften „die Belange der Opfer oder ihrer Angehörigen nicht außer Acht gelassen werden“. Und weiter: „Die öffentliche Präsentation von Details einer Straftat, insbesondere Bildaufnahmen, ist nicht nur unsensibel, sondern oft auch strafbar.“ Dass im Zusammenhang mit der Show ermittelt wird, bestätigte die Staatsanwaltschaft. Strafantrag habe das Polizeipräsidium gestellt.