Die Sperrzeit steht vor dem endgültigen Aus – Regensburger Altstadt-Vertreterin läuft Sturm

Von Jonas Raab · 8. November 2024 um 05:00

Party bis zur Putzstunde: Seit knapp eineinhalb Jahren ist das in Regensburg erlaubt. Nun neigt sich die Testphase dem Ende zu. Die Stadt und Wirte ziehen ein positives Fazit zur ausgesetzten Sperrstunde – doch eine Altstadt-Vertreterin widerspricht.

Seit Juni 2023 dürfen Lokale in der Regensburger Innenstadt bis 5 Uhr morgens aufsperren. Die Pilotphase läuft noch bis Ende des Jahres, doch längst zeichnet sich das dauerhafte Aus für die Sperrzeit ab. Glücklich darüber sind fast alle, aber nicht alle alle: Johanna Bayer-Riepl, die am „Runden Tisch Altstadt“ die Anwohner vertritt, schlägt in einem vierseitigen Brandbrief Alarm. Die Lärmbelästigung in der Innenstadt bezeichnet sie als „mittlerweile unerträglich“.

Dabei ist der Lärm genau das, was man laut einem fraktionsübergreifenden Antrag zur Liberalisierung der Sperrzeit-Regelung zu reduzieren hoffte. Wenn die Wirte ihre Gäste nicht mehr gesammelt um 2 Uhr vor die Tür setzen müssen, komme es zu einer „Entzerrung“, hieß es, als die Testphase im Mai 2023 im Verwaltungsausschuss des Stadtrats einstimmig beschlossen worden ist. Bayer-Riepl sieht das entschieden anders: „Es ist ein Trugschluss, dass sich der Lärm reduziert, wenn die Feiernden bis in die frühen Morgenstunden nach Hause gehen können“, schreibt sie in einer Stellungnahme. Der zufolge ziehe das Partyvolk nun „meist lautstark und angetrunken“ von einer Bar zur anderen. Vor dem Wegfall der Sperrzeit habe sich der Lärm – zumindest außerhalb des Obermünsterviertels – zwischen 1 und 2 Uhr aufgelöst.

Regensburg: Ohne Sperrstunde „angenehmer für alle“

Karin Griesbeck vom Vorstand der Initiative Gastro Regensburg widerspricht. „Es ist jetzt angenehmer für alle. Für die Gäste, für die Anwohner und für die Gastronomen.“ Dadurch, dass die Leute nach und nach aus den Lokalen „tropfen“und nicht mehr zu Hunderten um 2 Uhr auf die Straße geschickt werden müssen, habe sich die Situation auf jeden Fall entspannt. „Das weiß ich auch von Anwohnern“, sagt die Filmbühnen-Wirtin.

Bayer-Riepl kritisiert indes, dass Regensburg schon als Partystadt verrufen sei. „Die Sperrzeit aufzuheben, ist das falsche Signal. Das zieht nur noch mehr Partyvolk an“, sagt sie. Kneipen und Clubs hätten „eine beachtliche Dichte“ – und eine entsprechende Lobby. „Bemerkenswert ist, dass die Zustimmung zur Aufhebung der Sperrzeiten von Interessensgruppen kommt, die nicht in der Altstadt wohnen oder die vornehmlich von monetären Überlegungen geleitet werden“, schreibt sie in ihrer Stellungnahme.

Den Gastronomen wirft Bayer-Riepl vor, „nicht sehr aktiv“ zu sein, was die „Beruhigung von Lärmquellen“ vor den Lokalen angeht. Vereinzelt würden Türen und Fenster nicht geschlossen, laute Musik dringe nach draußen und Bässe erschütterten das Umfeld. Im Sommer sei die „unüberschaubar“ gewordene Anzahl an Freisitzen ein zusätzliches Problem – auch, weil die Zeiten „zunehmend großzügig“ interpretiert würden. Soll heißen: „Man beginnt mit den Aufräumarbeiten erst zu den jeweiligen Schlusszeiten und zögert diese damit oft mindestens eine Stunde hinaus“, schreibt die Altstadtbewohnerin. Da der Kommunale Ordnungsservice (KOS) nicht die ganze Nacht hindurch kontrolliere, gebe es kein Regulativ, schimpft Bayer-Riepl.

Sorgen Kontrollen des Ordnungsamts für „Klima der Angst“ in Regensburg?

Was das betrifft, will Griesbeck nicht für die Gesamtheit der Gastroszene sprechen. Nur so viel sagt sie: „Wir sind Menschen, keine Maschinen.“ Der Hintergrund: Kürzlich beklagte ihre Initiative, ein Zusammenschluss von über 50 Gastrobetrieben, im Gespräch mit der MZ, dass wegen der Kontrollen des Ordnungsamts inzwischen ein „Klima der Angst“ herrsche.

Bayer-Riepl zufolge habe sich mit dem Fall der Sperrzeit auch die Sicherheitslage verändert – und das nicht zum Guten. Was meint die Polizei dazu? Die Beamten waren in die Evaluierung der Testphase eingebunden. Im Detail will Polizeisprecher Michael Zaschka nicht auf die Ergebnisse eingehen. Er spricht von „positiven wie negativen Tendenzen“ – von insgesamt ein „bisschen weniger“ Einsätzen, aber „etwas mehr“ Straftaten bei bestimmten Delikten. Die Einsatzzahlen seien jedoch schwer auf die Sperrzeit zurückzuführen. So habe man das der Stadt auch rückgemeldet.

Laut Beschluss sollte die Sperrzeit zunächst ein Jahr lang, bis Ende Juni, ausgesetzt werden, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wird. Im März zogen Stadträte, Nachwuchspolitiker und Gastronomen unter dem Titel „Acht Monate ohne Sperrstunde“ eine positive Zwischenbilanz. Von „viel weniger Ruhestörungen“ war die Rede. Im Juni verlängerte der Stadtrat auf Vorschlag der Verwaltung die Pilotphase bis Jahresende. Das Ansinnen: Die Sommersaison sollte in die Auswertung mit einfließen.

„Nur positives Feedback“ zur verkürzten Sperrstunde in Regensburg

Im Stadtrat schienen zu diesem Zeitpunkt die meisten ihr Urteil schon gefällt zu haben. Ob Grüne, SPD, oder CSU: Die Fraktionen zogen auf MZ-Nachfrage ein durchwegs positives Zwischenfazit. Brücke-Stadtrat Thomas Mayr meinte gar, die Verlängerung sei überflüssig. „Es hat von allen nur positives Feedback gegeben.“

Die Auswertung der Testphase übernahm das Amt für Wirtschaft und Wissenschaft. Ende Oktober stellte die Stadt die Ergebnisse dem „Runden Tisch Altstadt“ vor. Laut Bayer-Riepl, die an diesem Tag aus gesundheitlichen Gründen von Helmut Knyrim (BI Bewohnbare Altstadt) vertreten wurde, sei den Interessensvertretern erklärt worden, dass die abgeschaffte Sperrzeit die Altstadt nachts ruhiger gemacht habe. Knyrim war der einzige, der gegen die Abstimmung der Sperrzeit stimmte, berichtet Bayer-Riepl.

Der Weg für den Stadtrat ist damit frei. Im Dezember wird abgestimmt. Die städtische Pressestelle bestätigt das auf MZ-Nachfrage. Zum Inhalt der Beschlussvorlage wollte sich Sprecherin Katrin Butz jedoch nicht äußern.