100 Tage im Amt: Überraschungen vom und für den Kelheimer neuen Landrat Christian Nerb

Schulen, Bäder, Krankenhäuser – millionenschwere Themen sind quasi Alltag für den Landrat von Kelheim. Der heißt seit 1. Mai Christian Nerb und sieht sich nach rund 100 Tagen „gut eingewöhnt“ im neuen Amt. In dem er schon für mehrere Überraschungen gesorgt hat.
■ Ankommen: Für 640 „Personalfälle“, sprich: Menschen, ist der Landrat von Kelheim derzeit verantwortlich: „Schon eine Herausforderung“, gesteht der frühere Bürgermeister von Saal und dortige Chef von 140 Beschäftigten. Zu „Kennenlern-Terminen“ hat er alle Sachgebiete im Landratsamt und seinen Außenstellen abgeklappert, „damit die Kolleginnen und Kollegen mich kennenlernen, und umgekehrt“. Sein erfreutes Fazit, kurz und bündig: „Gutes Team!“Eines nennt er im Scherz „mein Freizeitgestaltungs-Team“: Die drei Sekretärinnen der Amtsleitung, so die offizielle Bezeichnung, hüten nicht zuletzt den Kalender des Chefs. Beim „Freizeit gestalten“ ist Minimalismus nötig: Bis Ende Juli gab’s genau einen Tag ohne Termine, und den nicht wirklich: Spontan kam an jenem Sonntag die Siegerehrung beim Race24 hinzu.
■ Arbeiten: Zum „normalen“ Termin-Korridor von 8.30 bis 17 Uhr gesellen sich die Abend- und Wochenend-Termine. Und Nerbs persönliche „Frühschicht“: Meist sei er zwischen sechs und halb acht schon im Büro, um – dann noch ungestört – „das Tagesgeschäft vorzubereiten“.
Nach so einem Pensum „bin ich abends teils schon k.o. Aber nicht gestresst: Es macht Spaß!“ Das versichere er auch seiner Frau Claudia, die sich schon ein bisschen sorge. Ab Herbst will der Vater dreier erwachsener Kinder aufs leise Murren seiner Familie hören und dieser wieder mehr Zeit widmen.
■ Dauerpatienten: Als einer der bisher schwierigsten Termine bleibt dem neuen Landrat das „Trennungsgespräch“ mit dem Diözesan-Caritasverband in Sachen Kelheimer Krankenhaus in Erinnerung. „Aber in einem Haus, das uns gehört und das wir finanzieren, müssen wir auch die Entscheidungen selber treffen können.“ Überdies habe die Caritas selbst schon über ein Ende der Kooperation nachgedacht. Diese sei einen Versuch wert und daher auch kein Fehler seines Vorgängers Martin Neumeyer gewesen, sagt Nerb. Aber „ich hätte schon früher reagiert“, denn die Partnerschaft habe keinen Mehrwert gebracht, insbesondere nicht den verheißenen Rückgang des Defizits.
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Zur Ilmtalklinik Mainburg hat der Kreistag 2024 beschlossen, sie zur „Sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtung“ (SüV) umzubauen. Das hat im Landkreis-Süden zu heftigem Protest geführt. „
Der Beschluss war falsch, aber ich muss ihn akzeptieren“, sagt der frühere FW-Fraktionschef und jetzige Landrat. Er sehe sich nun in der Verantwortung, Mainburg als SüV bestmöglich auszubauen. Dazu gehört für ihn gehört, das jetzige Angebot zu erhalten und eine durchgehend besetzte „24/7-Notfallversorgung“ zu gewährleisten – eine klassische Notaufnahme sei nicht mehr möglich. Weiteres Ziel, das freilich immer mehr zur „Vision“ werde, bleibe die Reaktivierung der Chirurgie in Mainburg. All dies vor der ungewissen Zukunft des geplanten Klinik-Großverbunds in und um Ingolstadt, zu dem im Herbst ein weiteres Gutachten erwartet wird.
Der Landrat nennt die „zwei Krankenhäuser eine Herausforderung. Aber ich bin wirklich überzeugt, dass wir beide brauchen“. Sonst drohten Verhältnisse „wie in Großbritannien, mit stundenlangem Warten in der Notaufnahme“.
■ Umplanen: Millionenschwere Investitionen stehen in drei kreiseigenen Schulen an. Beschlossen hat der Kreisausschuss unlängst die Erweiterung der Riedenburger Staatlichen Realschule. Beim Abensberger Pendant überraschte der neue Landrat das Gremium mit dem Vorschlag, alternativ einen Neubau auf der „grünen Wiese“ zu prüfen. Den August gewährt er sich für die Grundstückssuche noch; andernfalls „geht es wohl doch in Richtung Generalsanierung“.
Umschwenken will der FW-Politiker auch beim Sonderpädagogischen Förderzentrum. Statt die Schule wie beschlossen im Rennweg beim Keldorado neu zu bauen, will Nerb sie in Thaldorf lassen und benachbart zum dem jetzigen Areal einen Neubau errichten. „Das wäre finanziell besser zu schultern und einfacher umzusetzen“. Außerdem sei die Verkehrssituation am Rennweg schon jetzt chaotisch.
■ Freischwimmen: Der umgehende Baubeginn für eine Lehrschwimmhalle in Mainburg stand auf der Agenda von Landratskandidat Nerb. Als Landrat steht er aber weiter vor der Finanzierungsfrage. Bei der ersten Tranche der „Sport-Milliarde“ des Bundes ging das Projekt leer aus. Und noch gilt die beschlossene „Obergrenze“ für den Kreis-Anteil an den Baukosten, die wiederum der Mainburger Stadtrat bislang ablehnt. Bis Jahresende will Nerb eine Einigung zwischen Kreis und Stadt. Und „Klarheit über die Umsetzung der Maßnahme“: Er liebäugele mit einem nochmaligen Gutachten zu einer Sanierung des maroden Bads.
Auf den Prüfstand stellen will er notfalls einen weiteren „geerbten“ Kreistags-Beschluss: den Strukturausgleich des Landkreises an Bad Abbach. Die 1,75 Millionen Euro aus der Kreiskasse sollen zusammen mit 5,25 Mio. vom Bezirk der Gemeinde über das beschlossene „Aus“ des gemeinsamen Zweckverbands Kaisertherme hinweghelfen. Wie berichtet, soll der sanierungsbedürftige Badetempel verkauft werden. Gelinge dies, „werde ich es akzeptieren“, betont Nerb. Finde sich aber kein Käufer, hofft er mit dem Revidieren des Zuschusses „die Schließung der Therme zu verhindern“.
■ Logistisches: In Sachen Logistikpark Stocka zitiert der neue Landrat den früheren Saaler Bürgermeister Nerb: Der hatte sich bei der ersten Runde der Öffentlichkeitsbeteiligung gegen die Pläne ausgesprochen, weil sie „in der Form nicht genehmigungsfähig“ waren. Seither überarbeite der Projektierer derzeit die Planung offenbar sehr grundlegend auf, so Nerb heute. Sollten sie dann genehmigungsfähig sein, müsse das Bauamt am Landratsamt sie genehmigen; „darauf hat der Landrat keinen Einfluss“. Knackpunkt blieben aber die Ortsdurchfahrten von Offenstetten und Schambach. Hier erwarte er weiterhin vom Freistaat, außerorts eine Anbindung an die B16 herzustellen. Was wegen des zu querenden Natur- und Wasserschutzgebiets freilich schwierig werde.
■ Herzblut-Thema: „Wenn meine Lern-Phase vorbei“ und die Amtsführung eingespielt ist, will sich Christian Nerb wieder „mehr Zeit für die politische Arbeit und die Umsetzung meiner Ziele“ nehmen“. Dass ihn dabei die CSU künftig schärfer anpacken könnte, wie sie unlängst andeutete, fürchte er nicht: Polit-Geplänkel gehöre dazu, aber im Grunde hätten alle „erkannt, dass wir was tun müssen“ in wirtschaftlich und auch sonst schwierigen Zeiten. In Vize-Landrat Manfred Jackermeier (CSU), dem er „100-prozentig vertraue“, sieht Nerb zudem einen „guten Vermittler zwischen CSU und Freien Wählern“.