Drogen-Razzia in Straubing: Spezialkräfte durchsuchen JVA – es gab Festnahmen

Von André Baumgarten · 22. Mai 2026 um 13:05

Dealten zwei Häftlinge im Gefängnis mit tatkräftiger Hilfe von außen? Das vermutet die Staatsanwaltschaft und rückte am Donnerstag zur Durchsuchung in der Haftanstalt in Straubing an. Dem Zugriff gingen nach Recherchen der Mediengruppe Bayern verdeckte Ermittlungen voraus. Was bisher bekannt ist.

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Weit mehr als 100.000 Konsumeinheiten synthetischer Cannabinoide sollen Anfang Mai in die JVA in Straubing geschmuggelt werden. Der Mann, der das versucht, wird geschnappt – Zufall war das keiner. Am Donnerstag rückten dann Spezialeinheiten der Polizei und Drogenfahnder an. Für zwei Helferinnen der mutmaßlichen Knast-Dealer klickten dann die Handschellen, das Hochsicherheitsgefängnis wurde ebenfalls durchsucht. Es ist nicht der erste Fall voller Brisanz in jüngster Zeit.

Die Szenerie am frühen Nachmittag wirkt selbst vor dem Justizgebäude in Regensburg ungewohnt: Vermummte Polizeibeamte umzingeln eine Frau, die in aller Ruhe eine Banane kaut, in ihrer linken Hand eine Flasche Mineralwasser. Wenige Minuten zuvor hat ihr die Ermittlungsrichterin am Amtsgericht einen Haftbefehl eröffnet. Später führen Beamte eine weitere Verdächtige über den Hinterhof ins Gebäude hinein.

Durchsuchung in der JVA mit Polizei-Spezialkräften

Bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge wird den Frauen und mindestens drei weiteren Beschuldigten vorgeworfen. Das bestätigt Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher der Mediengruppe Bayern. An sich Alltag für die Strafverfolger, der aktuelle Fall aber birgt Brisanz: Es geht um Deals hinter Gittern; im Zentrum: die Justizvollzugsanstalt in Straubing. Ausgangspunkt der Groß-Razzia am frühen Donnerstagmorgen war ein großer Drogenfund Anfang Mai. Neben der JVA rückten Einsatzkräfte in mehreren Orten quer durch Niederbayern an, auch im Landkreis Deggendorf.

Offiziell bestätigt Rauscher lediglich den Einsatz in der JVA konkret. Es habe umfangreiche verdeckte Ermittlungen gegeben, nachdem klar wurde, dass „eine Gruppierung im größeren Stil Betäubungsmittel in die JVA schmuggelt“. Am 7. Mai sei bei der Kontrolle ein 56-Jähriger ins Netz gegangen, bei dem 200 mit Drogen getränkte Blätter Papier sichergestellt werden konnten. Laut Analyse synthetische Cannabinoide. „Wir gehen aktuell von rund 120.000 Konsumeinheiten aus, die er hineinbringen wollte.“

Die JVA in Straubing war am Donnerstag das Ziel einer Durchsuchung von Drogenfahndern. Spezialkräfte kamen dabei zum Einsatz. - Foto: Baumgarten/Archiv

Der Mann hatte nach Recherchen der Mediengruppe Bayern Zugang zum Gefängnis, weil er als externer Dienstleister beruflich zu tun hatte. Die Ermittler dürften da aber längst mitgehört haben. Im Fokus standen von Beginn an wohl zwei Häftlinge (32 und 46 Jahre) und die beiden am Donnerstag verhafteten Frauen aus deren Umfeld (45 und 51 Jahre). Sie sollen dem vor zwei Wochen geschnappten Techniker die Drogen zugeliefert haben. Wie genau die mutmaßliche Bande ans Werk ging, werden die Ermittlungen zeigen müssen. Es gingen zahlreiche technische Geräte zur Auswertung an IT-Spezialisten.

Der aktuelle Fall ist nicht der erste in der Region. In Regensburg sollen Dealer hinter Gittern sogar Hilfe von einer Vollzugsbeamtin gehabt haben. Die Staatsanwaltschaft hatte dafür Räume in der Anstalt verwanzt, um ihr und den anderen auf die Schliche zu kommen. Dafür nutzten die Ermittler eine Großübung des SEK im Gefängnis, um die Abhörtechnik zu installieren. Die 38-Jährige landete selbst in U-Haft, gestand aber sechs Wochen später alles. Sie soll für ihre Dienste von den Häftlingen auch bezahlt worden sein und brachte Handys sowie Drogen in die Regensburger Haftanstalt.

JVA-Leiter Hegele bezieht deutlich Stellung

Nun ist es Straubing. JVA-Chef Marcus Hegele, bekannt für klare Worte, setzt auf Härte und Konsequenz. „Was ich bekämpfen will, sind die, die sich mit der Sucht der anderen sogar hier eine goldene Nase verdienen wollen“, sagt er. Man gebe sich gar keinen Illusionen hin: Trotz der hohen Gefängnismauern tauchten „alle Suchtmittel, die draußen verfügbar sind, auch bei uns auf“. Vor allem die psychoaktiven Stoffe – wie im Fall aktuell – stellten „die Justiz vor große Herausforderungen, auf die wir jedoch schnell und stets konsequent reagieren“.

Gerade die neuen psychoaktiven Stoffe stellen uns als Justiz vor Herausforderungen, auf die wir schnell und konsequent reagieren.Marcus Hegele, Leiter der JVA in Straubing

Die Anstaltsleitung habe die Ermittlungen in vollem Umfang unterstützt, erklärt Hegele im Gespräch. Dafür gibt es von der Staatsanwaltschaft Lob: „Ich danke der Leitung der JVA in Straubing für die tatkräftige Unterstützung der Ermittlungen“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Auch den beiden Häftlingen, die unter Tatverdacht stehen, wurde Haftbefehle eröffnet – für sie ändert sich aber nichts. Sie bleiben, wo sie sind. Ihnen und den mutmaßlichen Komplizen drohen erheblich Strafe. „Bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln wird mit Freiheitsstrafe von 5 bis 15 Jahren bestraft“, so Rauscher.

Zum Fall selbst äußert sich der Leiter der Justizvollzugsanstalt in Straubing nicht. Grundlegend aber sei das Ziel, „Betäubungsmittelgeschäfte in der JVA sofort zu beenden“. Häftlinge würden, losgelöst von der Razzia in der JVA am Donnerstagfrüh, „sofort verlegt, wenn diese Vorwürfe bekannt werden“. Ergänzend zur Repression gebe es für Insassen eine große Bandbreite von Präventionsangeboten mit Aufklärung für inhaftierte Süchtige.

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Und: In jedem Gefängnis gibt es umfangreiche Vorkehrungen gegen Schmuggel jeder Art. Doch so findig die Justiz und die Beamten dort auch sein mögen, Schwachstellen finden die Täter immer wieder aufs Neue. Sei es, dass Lastwagen von Lieferfirmen akribisch ausspioniert und daran dann Pakete befestigt werden oder die „heiße Ware“ per Drohne abgeworfen wird oder mit viel Schwung über die Betonmauern fliegen. Auch als vermeintliche Post von Anwälten gefakte Sendungen mit „Drogenpapier“ tauchen immer wieder auf Das zeigen zahllose Fälle. Es gibt nahezu nichts, was es nicht gibt, um auch hinter Gittern Geschäfte zu machen.

Verteidiger der Verdächtigen äußern sich nicht

Für die mindestens fünf Tatverdächtigen im aktuellen Fall gilt bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung. Wann die Ermittlungen gegen die mutmaßliche Bande abgeschlossen sind und Anklage erhoben wird, ist offen. Vertreten werden die Tatverdächtigen unter anderem von den Kanzleien Grabner, Kerscher, Lausser (Straubing) und Bockemühl & Fischer (Regensburg). „Wir machen aktuell keine Angaben zur Sache“, sagte Strafverteidiger Tim Fischer auf Nachfrage am Freitagmittag.