Fiktive Geiselnahme: Einsatzkräfte stürmen die JVA Regensburg

Von Isolde Stöcker-Gietl · 18. November 2025 um 19:00

Ein Polizist ist am Dienstag in die Rolle eines Geiselnehmers geschlüpft und hielt 250 Einsatzkräfte in Atem. Gut fünf Stunden dauerte die Übung, mit der eine extreme Ausnahmesituation einstudiert wurde. Die Gefangenen der Regensburger JVA bekamen davon allerdings nichts mit.

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Es ist ein fiktives Szenario. Ein Trainingseinsatz. Ein Ereignis, das sich sehr, sehr selten anbahnt. Dennoch muss die Polizei darauf vorbereitet sein. Am Dienstag trainierten unter der Federführung der Polizeiinspektion Regensburg Süd rund 250 Einsatzkräfte eine Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt Regensburg. Das Großaufgebot an Einsatzfahrzeugen erzeugte in der Öffentlichkeit durchaus Aufmerksamkeit. Die Nachbarschaft im Dörnbergviertel war vorab über das Szenario in Kenntnis gesetzt worden.

Über Monate hatte ein etwa 50-köpfiges Team die Übung vorbereitet, wie Polizeisprecherin Corinna Wild vom Präsidium Oberpfalz den Journalisten vor Ort erläuterte. Gegen 8.45 Uhr erreichte dann ein Notruf die Einsatzzentrale. Eine Geiselnahme in der JVA Regensburg wurde gemeldet, mindestens zwei Opfer in der Gewalt des Täters soll es geben, so die ersten Informationen. Die Lage stellte sich zu diesem Zeitpunkt als unübersichtlich dar. Immer mehr Polizeibeamte tauchten in der Ladehofstraße vor dem Eingang zur Haftanstalt auf. Sie rüsteten sich mit schwerer Ausrüstung. Schusssichere Westen, Überwürfe zur Abwehr von Schlag- und Stichverletzungen, Helm und Gesichtsmaske.

Polizist mimt Geiselnehmer

Was im Gebäude passiert, so Pressesprecherin Wild, wüssten nur die Planer im Detail. Und selbst sie könnten überrascht werden, denn das erarbeitete Drehbuch ließ dem Geiselnehmer, der von einem Polizeibeamten gemimt wurde, Handlungsspielraum. Welche Forderungen er stellte, wie er auf die Kontaktaufnahmen reagierte – das konnte er im Rahmen optionaler Fragestellungen selbst mit beeinflussen. Alles, so das Ziel, sollte unter möglichst realistischen Bedingungen stattfinden. „Ziel ist es, extreme Ausnahmesituationen zu trainieren“, sagte die Polizeisprecherin. Entsprechend konzentriert und entschlossen wirkten die Beamten, als sie in das Gebäude vorrückten.

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Geiselnahmen in Justizvollzugsanstalten werden – trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen – immer wieder versucht. Zuletzt hatte ein wegen eines rechtsterroristischen Anschlags in Halle zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilter Straftäter im Jahr 2022 zwei JVA-Bedienstete als Geiseln genommen und wollte so aus der Haftanstalt Burg flüchten. Für das Vorhaben hatte er sich in seiner Zelle heimlich eine Schussvorrichtung samt Munition gebaut. Die Geiselnahme scheiterte, die beiden Beamten blieben unverletzt.

Polizeisprecherin Corinna Wild vom Präsidium Oberpfalz informierte die Journalisten über die Eckdaten der Übung. - Foto: Stöcker-Gietl

Im Jahr 2009 sorgte eine Geiselnahme in der JVA Straubing bundesweit für Schlagzeilen. Damals nahm ein verurteilter Frauenmörder eine Anstalts-Psychologin als Geisel und hielt sie sieben Stunden lang in seiner Gewalt. Mehrfach vergewaltigte er die damals 49-Jährige. Das Opfer trat später in Talkshows auf und schrieb ein Buch über die traumatischen Stunden. „Sieben Stunden“ wurde auch verfilmt. Doch die Filmpremiere erlebte das Opfer nicht mehr mit. 2018 nahm sich die Psychologin das Leben und machte in ihrem Abschiedsbrief öffentlich, dass der Grund für ihren Suizid in der Geiselnahme lag.

Auch das SEK trainierte mit

Zurück zur Übung: Gegen 13 Uhr stand die Ladehofstraße noch immer voller Polizeibusse. „Nein, die Lage ist noch nicht beendet“, sagte ein Einsatzbeamter. Neben der Polizeiinspektion Regensburg Süd waren das Polizeipräsidium Oberpfalz, die Verkehrspolizei, die Polizeiinspektion Nittendorf sowie das Spezialeinsatzkommando aus Nürnberg vor Ort. Was sich drinnen abspielte, welche Situationen die Kollegen meistern mussten, wie die Verhandlungen mit dem Geiselnehmer liefen, das durfte er nicht verraten. Denn so könnten sicherheitsrelevante Informationen nach außen dringen. Es gehe auch darum, dass sich die Polizei mit den sicherheitsrelevanten Gegebenheiten in den Gebäuden vertraut mache, um im Ernstfall handlungssicher agieren zu können, sagte Wild. Informationen, die geheim bleiben müssen.

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Inzwischen zeichnete sich aber ab, dass es gelungen war, den Geiselnehmer davon zu überzeugen aufzugeben. Im Rahmen einer Nachbesprechung wurde noch vor Ort das Einsatzgeschehen analysiert. Daran nahm auch die JVA-Führungsmannschaft teil. Nur die Insassen der Haftanstalt bekamen von dem Spektakel nichts mit. Für sie war es ein Tag wie jeder andere hinter Gitter.