Erinnerung an Kriegsende: Neue Ausstellung im Neunburger Museum erhält besonderes Exponat

Sie gehören zu den schlimmsten Ereignissen in den letzten Kriegsmonaten: die Todesmärsche der KZ-Häftlinge. Der Jude Mejlech Gur war bei einem dieser Märsche dabei – und kam dadurch auch nach Neunburg. Daran erinnert ein besonderes Exponat in der neuen Sonderausstellung des Neunburger Schwarzachtalmuseum. Dass es zu sehen ist, daran hat der Landtagsabgeordnete Martin Scharf (FW) einen großen Anteil.
Martin Scharf hat auch im Ausland viele Freunde. Einer von ihnen war Eduard Schwendner. Er sei ein guter Bekannter aus der Nachbarschaft gewesen, erinnert sich der Neunburger Landtagsabgeordnete. Mitte der 1950er Jahre wanderte Schwendner nach Amerika aus, hielt aber weiterhin Kontakt nach Neunburg. Neben den Besuchen in der alten Heimat lud Schwendner seinen Freund Martin auch nach Amerika ein. Zweimal habe er ihn in New York besucht, berichtet Scharf.
Nach seinem Tod ließ Schwendner ihm einen Koffer zukommen, in dem sich auch die Häftlingsjacke des KZ-Insassen Mejlech Gur befand. Auf der Rückseite zeugen noch Blutflecken von der Brutalität der damaligen Todesmärsche. An das ungewöhnliche Stück war Schwendner über seine Mutter gekommen, die Mejlech Gur damals wohl geholfen hatte.
Lebensgeschichte des ehemaligen KZ-Häftlings recherchiert
Mit Hilfe seiner Mitarbeiterin Anna Benz-Reichenauer konnte Martin Scharf die Lebensgeschichte des betroffenen Juden recherchieren. Demnach wurde Mejlech Gur 1906 in Bialystok geboren und kam als Jude während der Nazi-Diktatur ins KZ Auschwitz. Seine Häftlingsnummer war die 100634. Am 3. April 1945 kam er mit einem Transport von 19 Personen ins Hauptlager Flossenbürg.
Knapp zwei Wochen später verließ Gur mit etwa 750 Häftlingen das Lager per Zug. Ab Schwarzenfeld wurden viele der Häftlinge am 19. April auf einen Fußmarsch geschickt. Die letzten Überlebenden wurden am 21. April befreit.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie geheiratet hat und heute unter einem anderen Nachnamen lebt.Martin Scharf (MdL) über die bislang vergebliche Suche nach Roberta Gur, der Tochter des ehemaligen KZ-Häftlings
Nach dem Krieg lebte Gur einige Jahre in Neunburg, heiratete 1946 und bekam mit seiner Frau eine Tochter namens Roberta. Die Familie emigrierte 1948 in die USA. Mejlech Gur starb 1961, seine Frau überlebte ihn 32 Jahre und wurde 1993 in Florida beerdigt, wie Dokumente belegen. Zu ihrer Tochter konnten Martin Scharf und seine Mitarbeiterin wenig herausbekommen. „Sie scheint nicht unter dem Namen Roberta Gur gestorben zu sein. Auch eine Heiratsurkunde fehlt bisher“, erklärt der Landtagsabgeordnete. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie geheiratet hat und heute unter einem anderen Nachnamen lebt.“ Ein möglicher Hinweis führt zu einer Frau namens Raquel E. Gur in Philadelphia, was laut Scharf vom Alter und der Region her passen könnte. „Sicher ist das aber nicht.“
Über das US-Konsulat ist der Neunburger Abgeordnete nicht weitergekommen, da es sich nicht um ein offizielles Anliegen handelt. Und so hofft der 63-Jährige, dass jemand die Tochter kennt und vielleicht einen Kontakt zu ihr herstellen könnte. Sollte dies gelingen, will Martin Scharf ihr die Häftlingsjacke übergeben oder zusammen mit ihr festlegen, was damit passieren soll. Schließlich sei es ja eine traurige Erinnerung an ihren Vater.
Abgeordneter übergab Leihgabe am Donnerstag
Bis der Kontakt zur vielleicht noch lebenden Tochter von Mejlech Gur aufgebaut ist, soll seine Häftlingsjacke erstmal ausgestellt werden. Sie wird ab dem 17. Mai in der neuen Sonderausstellung „Stunde Null in Neunburg“ des Schwarzachtalmuseums zu sehen sein. Am Donnerstag übergab Martin Scharf die Leihgabe an Museumsleiter Johannes Steidl.
In der Schau sind neben der Häftlingsjacke eine ganze Reihe von Exponaten ausgestellt, die selten oder sogar noch nie im Museum gezeigt wurden. Dazu gehören beispielsweise ein Kronleuchter aus der ehemaligen Synagoge und ein Fliesenmosaik mit Hakenkreuz, das im ehemaligen Rathauskeller im Fußboden verbaut war.
Im vergangenen Jahr sei der Wunsch aufgekommen, etwas zu Vertriebenen zu machen, berichtet Steidl. In dem Zuge entstand die Idee, dieses Thema breiter aufzubereiten. Die letzten Kriegsmonate sowie die ersten Jahre nach dem Kriegsende seien eine außergewöhnliche Zeit für Neunburg gewesen, weiß der Architekt und ehrenamtliche Museumsleiter. In der Stadt hätten seinerzeit Einheimische, US-Soldaten, ehemalige KZ-Häftlinge und Vertriebene gelebt. Die Einwohnerzahl stieg rasant von 2500 auf 5000 an. Da es zu wenig Essen für alle gab, fanden nachweislich auch Schwarzschlachtungen statt.
Gezeigt wird die Ausstellung „Stunde Null in Neunburg“ vom 17. Mai bis zum Jahresende, jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Nach dem Ende sollen einzelne Exponate auch in die Dauerausstellung des Neunburger Museums aufgenommen werden, verspricht Steidl.