Ein Stück WAA zu Weihnachten: Krippenfiguren standen jahrelang bei Wolfsteiners in Schwarzhofen

Von Jan Lange · 22. Dezember 2025 um 19:00

Der Dezember 1985 war eine wichtige Zeit während des Widerstandes gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Damals wurden im Taxölderner Forst aus Protest Hüttendörfer errichtet, weil der Wald gerodet werden sollte. Mit dabei waren Angelika Heller-Wolfsteiner und Alfred Wolfsteiner. Bei ihnen zuhause stand jahrelang eine besondere Erinnerung an jene Tage.

Kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember 1985, war das zweite Hüttendorf entstanden. „Wir hatten damit gerechnet, dass es noch vor Weihnachten geräumt wird“, blickt Alfred Wolfsteiner zurück. Doch es gab einen Weihnachtsfrieden, und das Hüttendorf entwickelte sich weiter. Tausende Sympathisanten strömten auf das Gelände, die Besetzer wurden von außen mit Lebensmitteln, Strohballen und Heizmaterial versorgt.

In der Situation kippte die Stimmung

Auch die Wolfsteiners hatten sich eine Hütte zusammengenagelt. Übernachtet haben sie dort aber nicht, denn bis nach Hause waren es nur wenige Kilometer. Sie gaben die Hütte an ihren Sohn Bertram weiter, der aus Bamberg gekommen war, um den WAA-Protest zu unterstützen. „Es gab eine Solidarität und ein Miteinander, die wir später nie mehr erlebt haben“, blickt Alfred Wolfsteiner auf jene Tage zurück.

In dieser Situation sei die Stimmung gekippt, ist sich der heute 71-Jährige sicher. Viele Leute, die sich vorher nicht getraut hätten, gegen die WAA zu demonstrieren, seien nun zum Hüttendorf gekommen. „Ich sah viele Bekannte, von denen ich vorher nie gedacht hätte, dass sie gegen die WAA sind“, berichtet der langjährige Leiter der Schwandorfer Stadtbibliothek, der seit bald 40 Jahren in Schwarzhofen zuhause ist.

Vor dem Kufiya-Kreuz stand die kleine Weihnachtskrippe. - Foto: Wolfgang Nowak

Da sich der Protest in der staden Zeit formierte, gab es auch ein Kreuz, unter dem eine kleine Weihnachtskrippe mit Josef, Maria und ihrem Kind sowie den Heiligen Drei Königen stand. Es waren volkstümliche Figuren mit einfachen Gesichtern. „Maria hatte keinen blauen, edlen Mantel an. Sie war eine Mutter, die ihr Kind im Arm hält. Das hat zu uns gepasst. Sie war nicht Maria Königin, sondern Maria Mutter“, sagt Angelika Heller-Wolfsteiner.

Maria hatte keinen blauen, edlen Mantel an. Sie war eine Mutter, die ihr Kind im Arm hält. Das hat zu uns gepasst. Sie war nicht Maria Königin, sondern Maria Mutter.Angelika Heller-Wolfsteiner aus Schwatzhofen, die sich im WAA-Widerstand engagiert hatte

Viele Jahre wussten die Wolfsteiners nicht, wer die Krippe gestaltet hatte. Heute ist bekannt, dass es die Schwarzenfelderin Valerie Schwandner war. Sie sei zwar ständig an der Krippe vorbeigegangen, aber richtig ins Bewusstsein kam sie ihr erst bei der Räumung des Hüttendorfes, meint die Schwarzhofenerin.

Am 7. Januar hatten sich die Frauen der Bürgerinitiative Schwandorf am frühen Morgen am Hüttendorf verabredet. Denn ab 6 Uhr sollte die Polizei da sein. Durch die Wälder seien sie noch bis zum Hüttendorf gekommen, während die Zufahrten bereits gesperrt waren. Den Aufrufen der Polizei, den Platz zu räumen, folgten sie nicht. „Als wir gemerkt haben, dass die Polizisten eine Kette bilden, haben wir uns auch gemeinsam untergehakt“, erinnert sich Angelika Heller-Wolfsteiner.

Langsam rückten die Polizisten nach vorn, kreisten die Besetzer immer mehr ein. Plötzlich fiel Angelika Heller-Wolfsteiner auf, dass einer der Polizisten mitten in der Weihnachtskrippe stand. Sie löste sich aus der Kette der Protestler und nahm – ohne nachzudenken – die Maria- und Josef-Figuren an sich. Die Heiligen Drei Könige waren bereits zertrampelt. Auch Maria war schon am linken Arm beschädigt, und Josef hatte die Krempe seines Hutes verloren.

Rund 2000 Polizisten hatten am Morgen des 7. Januar 1986 das Hüttendorf geräumt. - Foto: Wolfgang Nowak

Mit je einer Figur in der linken und in der rechten Hand kehrte sie zurück zu den Demonstranten. Als die Polizisten einen halben Meter vor den Protestlern standen, wurden diese links und rechts gepackt und zu den Einsatzfahrzeugen gebracht. Angelika Heller-Wolfsteiner machte den Polizisten deutlich, dass sie freiwillig zu den Fahrzeugen mitkomme. Sie seien weder verhaftet noch erkennungsdienstlich behandelt worden, berichtet die heute 80-Jährige – im Gegensatz zu Demonstranten, die nicht aus Bayern kamen. Damit hätten die Verantwortlichen dokumentieren wollen, dass der WAA-Widerstand von außerhalb kam. Die gut 120 Frauen der BI wollten das nicht akzeptieren und gaben später eidesstattliche Erklärungen ab, dass sie sich am Widerstand beteiligt hatten.

Unterdessen hörte Alfred Wolfsteiner in der Mittagszeit des 7. Januar, dass das Hüttendorf geräumt war. Er fuhr zum Gelände, um seine Frau zu suchen – und war froh, als er sie unbeschadet entdeckte. Sie hatte immer noch Maria und Josef in den Händen. Die Figuren wurden mit nach Hause genommen und standen viele Jahre bei den Wolfsteiners in der Weihnachtszeit auf einem kleinen Beistelltisch.

Schweren Herzens getrennt

Bei den alljährlichen Andachten am Franziskusmarterl wurden die Figuren mitgenommen. Auch heuer gibt es am 24. Dezember um 14 Uhr wieder eine solche Andacht. Maria und Josef werden dann aber nicht dort stehen. Denn die Figuren aus der Krippe sind mittlerweile Teil der WAA-Ausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg.

Als das Museum errichtet wurde, seien die Mitarbeiter auf der Suche nach Ausstellungsobjekten zum WAA-Widerstand gewesen. Alfred Wolfsteiner bot ihnen daraufhin die beiden Krippenfiguren an. „Wir haben uns schweren Herzens von ihnen getrennt, denn wir hatten sie sehr gern“, sagt Angelika Heller-Wolfsteiner. Standen die Figuren in der Weihnachtszeit auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer, löste es immer wieder Erinnerungen an die damaligen Proteste aus.

Als Ersatz haben sich die Wolfsteiners von einem örtlichen Schnitzer die Heilige Familie anfertigen lassen, die nun bei ihnen in der Weihnachtszeit im Wohnzimmer steht.