Anklage gegen Ex-Vorsitzende in Regensburg: Auch Gelder von Tafel-Kunden fehlen

Ermittler haben nach der Anzeige einer früheren Mitarbeiterin der Tafel ein regelrechtes Untreue-System der 50-Jährigen aufgedeckt: Ein Online-Spendenkonto war der Dreh- und Angelpunkt. Doch das ist nicht das Einzige, was gefunden wurde, wie neue Details zeigen. Ein kleiner Teil der Vorwürfe wurde eingestellt. Auch die Tafel äußert sich.
Die Verhaftung der Tafel-Vorsitzenden im Juli 2025 schlug in Regensburg ein wie eine Bombe. Die Entlassung aus der U-Haft, nur 13 Nächte später, sorgte für ein Beben: Die 50-Jährige hatte gestanden, um aus dem Gefängnis zu kommen. Nun liegt die Anklage vor. Die Vorwürfe, für die sich die Ex-Tafel-Chefin vor Gericht verantworten soll, haben es in sich – die Zahl der Fälle ist aber niedriger als erwartet.
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255 Fälle von Untreue lasten die Ermittler der Beschuldigten an. Rund 68.000 Euro soll sie in einem Zeitraum von fast vier Jahren bei der Tafel in Regensburg abgezweigt haben. Gestanden hatte die Frau über ihre Anwälte einst fast das Dreifache. Laut Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher, dem Sprecher der Regensburger Staatsanwaltschaft, wurde ein Teil der Vorwürfe vor der Anklageerhebung eingestellt. „Dabei ging es um zweckwidrig verwendete Gutscheine.“ In der Gesamtschau und vor allem mit Blick auf die im Übrigen angeklagten Taten sei das vernachlässigbar gewesen.
Rückblick: Bei der Regensburger Tafel rumorte es im vergangenen Sommer zumindest intern schon geraume Zeit. Die vermeintlichen Gründe, warum die Ausgabestelle seit 6. Juni geschlossen blieb, wurden erst Wochen später bekanntgegeben. Ein Aushang verwies auf Personalmangel, Ausfälle wegen Krankheit und Urlaubszeit sowie Restarbeiten am Dach – und auch die „Nicht-Verfügbarkeit von Verantwortlichen“. Gut drei Wochen später kam die Vorsitzende dann in Untersuchungshaft.
Blankes Entsetzen bei Tafel und Wegbegleitern
Untreue in 352 Fällen standen laut Oberstaatsanwalt Rauscher damals im Raum. Die Frau sollte Zehntausende Euro bei der Regensburger Institution veruntreut haben, an deren Spitze sie stand. Details zu den schweren Vorwürfen wurden zunächst keine bekannt. Als der Haftbefehl erging, waren noch nicht alle Daten ausgewertet. Bei der Tafel selbst und auch vielen Wegbegleitern herrschte das blanke Entsetzen: Kaum jemand habe das jemals für möglich gehalten oder ihr so etwas zugetraut.
Ihre Anwälte informierten die übrige Führung der sozialen Einrichtung darüber, dass die Vorsitzende ihr Amt mit sofortiger Wirkung niederlege. Auch ihre Kandidatur auf der Stadtratsliste der Regensburger CSU zog sie zurück. So kam – relativ geräuschlos – einer der bereits nominierten Nachrücker zum Zug. Anders bei der Tafel: Der Verein stand ohne Vertretungsberechtigten da und war ohne Zugriff auf Konten und Daten zunächst handlungsunfähig. Gemeinsam gelang es den Ehrenamtlichen aber, die Ausgabe sogar früher als zunächst geplant wiederzueröffnen.

Und heute? „Uns geht es gut“, sagt Georg Forster knapp ein halbes Jahr nach dem großen Schock. Operativ laufe es wunderbar. „Wir können vollumfänglich unsere Kunden bedienen und haben sogar etwa 200 neue aufgenommen.“ Man taste sich an das Gleichgewicht von verfügbarer Ware, genügend Manpower und Anzahl von Kunden, die man versorgen kann, heran. Mit Hilfe eines Fachanwalts, den die Tafel Deutschland vermittelt hatte, habe das Amtsgericht Jürgen Rother als Not-Vorstand bestimmt. „Das hat den Druck rausgenommen“, erklärt der Tafel-Schriftführer, „wir sind also total handlungsfähig“.
Wir sind alles Ehrenamtliche. Unsere Kunden zu bedienen, hat Priorität eins – und den Rest kriegen wir auch hin.Georg Forster, Schriftführer
Die Regensburger Tafel wolle aber auch grundsätzlich „wieder zu einer normalen Vereinsstruktur zurück“. Dafür würde mit einem Spezialisten für Vereinsrecht derzeit eine neue Satzung ausgearbeitet. Besonders hob Forster auch hier die Unterstützung der Tafel Deutschland heraus. Innerhalb der nächsten drei Monate sei eine Mitgliederversammlung geplant – zunächst womöglich nur für nötige Neuwahlen, da hinsichtlich Entlastungen und fehlender Abschlüsse (mangels beschlagnahmter Unterlagen) noch einige offene Fragen geklärt werden müssten.
Das größte Fragezeichen dürfte sein: Wie konnte sowas gelingen, ohne dass jemand etwas merkt? Wie Recherchen der Mediengruppe Bayern von August ergaben, soll ein Online-Konto Dreh- und Angelpunkt im Untreue-System der Ex-Vorsitzenden gewesen sein. Das hat sich nun bestätigt. Von dem „Paypal-Spendenkonto“ sind laut Staatsanwaltschaft Zahlungen abgezweigt worden – in die private Kasse der Beschuldigten. Woher das Geld genau stammt, wird wohl erst der Prozess zeigen. Angeklagt wurde die 50-Jährige zum Regensburger Amtsgericht.
Besuchergelder, Barauszahlungen und Spenden
Neue Details zeigen: Die Ermittler haben mehrere Tatkomplexe zusammengetragen. Neben dem Paypal-Konto, das vermutlich mit Spenden gefüllt gewesen sein könnte, sollen auch sogenannte Besuchergelder (also das, was die Kunden der Tafel für ihren Einkauf zahlen) fehlen. Drei Euro zahlen Einzelpersonen bei der Tafel symbolisch; auch zur Deckung der Kosten. Zudem sind offenbar zwei Barabhebungen (insgesamt 20.000 Euro) von einem der offiziellen Konten Teil der Anklage. Ebenso Anschaffungen, wie teure Tablets, die auf Kosten der Tafel getätigt worden sein sollen, aber wohl nur privat genutzt wurden.
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Kommentieren wollten die Anwälte der Beschuldigten das alles jedoch nicht: „Zu Details werden wir uns vorerst nicht äußern.“ Letztlich scheine es aber „deutlich weniger zu sein, als wir bei der Aufhebung des Haftbefehls eingeräumt haben“, erklärten die Strafverteidiger Jörg Meyer und Michael Haizmann auf Nachfrage. Man nehme die Anklage vorerst zur Kenntnis und werde sich genauer besprechen. Man hoffe zudem auf einen baldigen Verhandlungstermin bei Gericht.

Genau das dürfte ganz im Sinne der Tafel in Regensburg sein. „Von irgendwelchen zusätzlichen Konten, die im kriminellen Alleingang eröffnet wurden, haben wir nichts gewusst“, betont Schriftführer Georg Forster am Donnerstag. Der Verein habe sich zwischenzeitlich auch einen Anwalt gesucht, „weil wir uns unser Geld natürlich zurückholen wollen“. Wie gut die Chancen dafür stehen, ist unklar. Auch das wird wohl erst der Prozess zeigen. So oder so: Persönlich und menschlich sei das eine riesige Enttäuschung, so Forster.
„Was bleibt, ist auch ein gewisser Imageschaden“, sagt der Schriftführer. Wenngleich er und seine Mitstreiter optimistisch sind: Die Tafel sei ein freiwilliges Zusatzangebot eines Vereins, der seine Arbeit durch Spenden finanziere. „Die Kunden stehen für uns alle im Mittelpunkt und sind das einzig Wichtige.“ Trotz der vielen Negativ-Schlagzeilen durch die Tat einer Einzelnen arbeite man an einer stabilen Struktur und stabilem Spendenaufkommen. „Es gibt tatsächlich auch größere Spender, die sagen, jetzt erst Recht.“