In Regensburg wächst die Ungleichheit: Arme berichten aus ihrem Alltag

Von Marion Koller · 7. Januar 2026 um 05:00

Rentnerinnen, große Familien und Migranten sind in der Domstadt Regensburg oft arm. Ein Experte prangert die Kluft in der Gesellschaft an – und Betroffene erzählen, wie es ihnen geht.

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Maria B. wartet mit vielen weiteren Frauen vor der Halle der Regensburger Tafel in der Abensstraße. „Da kriege ich Lebensmittel, besonders Obst und Gemüse, die jetzt sehr teuer sind“, sagt die 71-Jährige. Der Dezember-Montag ist grau und frostig. Die Frauen haben sich warm eingepackt, tragen Anoraks und Mützen. Sie sind mit Rucksäcken, Einkaufstrolleys und großen Taschen gekommen.

Maria B. ist Grundschullehrerin, hat aber jahrzehntelang als Reinigungskraft gearbeitet. Rund 1000 Euro Rente und einen kleinen Grundsicherungsbetrag bezieht die Witwe. Für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung überweist sie eine Miete von 700 Euro, Strom und Internet kosten 100 Euro. Für Lebensmittelkauf, Busticket, Drogerieartikel oder Medikamente bleiben der 71-Jährigen. etwa 300 Euro übrig. Damit kann sie keine großen Sprünge machen. Die Tafel hilft. „Ich spare bei den Lebensmitteln und kann meinen vier Enkeln etwas zu Weihnachten schenken“, sagt sie.

Der Montag ist zwar der Frauentag in der Abensstraße, doch auch an den anderen Terminen überwiegen die Kundinnen. Arm sind in Regensburg Rentnerinnen. Auch ältere Frauen mit ausländischen Wurzeln stehen wirtschaftlich häufig schlecht da.

1500 Stromsperrungen

Valentina K. ist wegen des Ukraine-Krieges nach Regensburg geflüchtet. Sie lebt von einer niedrigen Rente ihres Heimatlandes und von Grundsicherung. „Die Tafel hilft sehr“, sagt die 82-Jährige, die zum dritten Mal in der Abensstraße ist.

Im Caritas-Beratungszentrum St. Gabriel suchen jährlich 5000 Menschen Hilfe. Dr. Katharina Gold, Leiterin des Referats Soziale Beratung, sagt, am stärksten von Armut betroffen seien Familien mit Migrationshintergrund, Senioren und Familien mit vielen Kindern. „Ein sehr großes Problem ist es, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Hinzu kommen die stark gestiegenen Kosten für Lebensmittel und Energie.“ Laut Rentenreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds von 2025 liegt der durchschnittliche Auszahlbetrag bei gesetzlichen Altersbezügen von Frauen in Regensburg (und dem Landkreis) zwischen 801 und 900 Euro monatlich. Bei den Männern sind es 1201 bis 1400 Euro. Wer nicht privat vorsorgen konnte, muss jeden Cent umdrehen.

Es gibt große Leerstände bei Wohnungen und andererseits Wohnungslosigkeit.Dr. Robert Seitz, Caritasverband

Der im Frühjahr veröffentlichte Regensburger Armutsbericht von OTH-Professoren und Absolventen stellt fest: „Mit knapp acht Prozent der über 65-Jährigen bezogen in kaum einer anderen Stadt Rentner so häufig Leistungen zur Grundsicherung im Alter.“ Die Quote sei nur in Großstädten wie Nürnberg höher. Fachleute vor Ort, die von den Forschern und Studierenden befragt wurden, betonten, dass sich das in den letzten Jahren verschärft habe.

Dass die Altersarmut zulegt, zeigen städtische Daten: Im Oktober haben 1936 Senioren Grundsicherung bezogen, weil die Rente nicht ausreicht. Im Januar 2025 waren es noch 1895 Betroffene gewesen und zwei Jahre zuvor 1677. Dabei scheuen gerade Ältere den Weg zum Amt und verzichten lieber. Auch das stellt der Armutsbericht fest. Der Energieversorger Rewag muss jedes Jahr 1500 Haushalten Strom oder Gas abstellen, weil sie nicht bezahlen können.

Die Informatikerin Carla B. kann wegen eines schweren Traumas und mehrerer Erkrankungen nicht arbeiten. Die 47-Jährige bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Langsam rückt sie mit den anderen Frauen in der Tafel-Warteschlange vor. „Wenn ich mir die Lebensmittel selbst kaufen müsste, würde mir kein Cent übrigbleiben“, sagt sie. Für B. spielen Obst und Gemüse eine wichtige Rolle – und die Kontakte. „Hier wird man gefragt, wie es einem geht.“

Die Tafel hilft sehr. Ich sage dankeValentina K., Rentnerin

Knapp 7200 Menschen haben im Oktober in Regensburg Bürgergeld bezogen, darunter rund 3000 ohne deutschen Pass. Auch diese Zahlen haben heuer zugelegt. Die 58-Jährige Helga B. ist auf die Tafel angewiesen. Sie hat in der Gastronomie gearbeitet und zuletzt 15 Jahre lang ein Taxi gesteuert – bis sie psychisch erkrankte. Heute lebt sie vom Bürgergeld.

Schluss mit der Finanzmisere

„Die Miete wird übernommen, von 563 Euro muss ich alles bezahlen“, sagt sie. „Telefon, Strom, Versicherungen, Futter für meine Katze und was man sonst noch braucht.“ Helga B. geht es gesundheitlich wieder besser. Sie sucht Arbeit, weil sie die finanzielle Misere hinter sich lassen möchte.

„Eine besorgniserregende Entwicklung ist die wachsende Ungleichheit“, sagt Dr. Robert Seitz, Leiter der Abteilung Bildung und Soziales beim Caritasverband. Diese zeige sich darin, dass es einerseits große Leerstände bei Wohnungen und andererseits Wohnungslosigkeit gibt. Der Anstieg der Altersarmut macht ihm ebenfalls Sorgen.