Armut in Regensburg: „Spaß macht das Leben nicht mit 1500 Euro“

Von Marion Koller · 14. Januar 2025 um 16:00

So geht es Menschen, die in einer wohlhabenden Stadt am Limit leben: Die Zwischenbilanz zum Regensburger Armutsbericht fällt erschreckend aus.

Für den Armutsbericht der Stadt haben OTH-Professorin Ina Schildbach und weitere Wissenschaftler betroffene Regensburger befragt. Die Statements sind erschreckend. „Spaß macht das Leben nicht mit 1500 Euro, also, wenn man die Hälfte schon mal als Miete abdrückt“, heißt es da. Oder: „Mir hat das eine mal gesagt in der Norma, die kann die Armut auch riechen oder sehen, weil die Leute haben dann schlechte Zähne oder können die nicht mehr erneuern.“

Die Stadt Regensburg gilt als wohlhabend. Doch hier leben auch knapp 33.200 Menschen, die im Jahr unter 25.000 Euro brutto verdienen (Bayerisches Landesamt für Statistik, 2023). Frauen erhalten in der Oberpfalz im Schnitt nur eine Rente von 772 Euro, Männer 1266 Euro. Und 13.000 Regensburger haben laut Reinhard Kellner von den Sozialen Initiativen Anspruch auf einen Stadtpass, zählen also zu den wirtschaftlich Schwachen. Deshalb ist es wichtig, dass die Kommune nach 14 Jahren endlich wieder einen Armutsbericht erarbeiten lässt.

Die Professoren Ina Schildbach und Wolfram Backert von der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH sowie ein Team aus Nachwuchswissenschaftlern erforschen dafür in enger Kooperation mit der Kommune die Situation. Sie haben auch Experten, etwa vom Seniorenbeirat, von den Sozialen Initiativen oder dem Forum gegen Armut, interviewt und Daten durchforstet.

Das Selbstwertgefühl leidet

Ende März werden sie den Armutsbericht vorstellen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Ein wichtiges Ergebnis: „Wir haben gesehen, welch einschneidende Folgen die Armut für sämtliche Lebensbereiche hat“, sagt Schildbach. „Das betrifft Gesundheit, Selbstwertgefühl, soziale und kulturelle Teilhabe, Wohnen und Bildung.“ Die hohen Mieten spielten eine essenzielle Rolle. Besonders trifft das die zahlreichen Ein-Personen-Haushalte, vor allem ältere Alleinlebende.

Erst kürzlich hat eine Prognos-Studie festgestellt, dass Regensburg mit einer Rentenkaufkraft von durchschnittlich 862 Euro sowie hohen Lebenshaltungskosten und Mieten den vorletzten Platz unter allen deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten belegt. Tafel-Vorsitzende Jonah Lindinger und Arno Birkenfelder von den Rengschburger Herzen bestätigen das. Sie müssen einen wachsenden Zulauf besonders von Rentnerinnen bewältigen.

Wichtigste Stellschraube: Sozialwohnungsbau

„Vor allem die migrantische Armut sowie die Altersarmut von Frauen ist in Regensburg überdurchschnittlich hoch“, sagt Ina Schildbach. Rund acht Prozent der über 65-jährigen Stadtbewohnerinnen beziehen Grundsicherung. Schildbach und ihr Team erleben eine große Scham bei den Betroffenen. „Viele nehmen keine Unterstützungsleistungen in Anspruch“, sagt die Professorin. Bei der Grundsicherung spricht sie von mehr als 50 Prozent, die Hilfe beantragen könnten, sich aber scheuen. Auch den Stadtpass nutzen nur knapp 7000 der Berechtigten.

Die wichtigste Stellschraube: Regensburg brauche mehr Sozialwohnungsbau. Das unterstreicht auch Manfred Hellwig vom Forum gegen Armut.

Schildbach sagt, zwar gebe es die einkommensorientierte Förderung (EOF), doch das seien viele neue Wohnungen. „Die sind immer teurer als alte. Die Mieten bleiben trotz EOF-Förderung hoch.“ Trotzdem fände Schildbach eine Informationskampagne zu EOF-Förderung und Wohngeld sinnvoll. „Um die Vorbehalte abzumildern.“ Das sieht Reinhard Kellner genauso. Er frühstücke jede Woche mit Armen und weiß, wo sie der Schuh drückt.

Hellwig vom Armutsforum fordert, die Stadt solle das soziale System der Stadtteilkümmerer ausbauen. Die Stadt investiere hier zu wenig. Durch die Bedürftigkeit gingen die sozialen Kontakte verloren. „Wenn Sie heute essen gehen, ist der Preisunterschied zu vor ein paar Jahren wie Tag und Nacht.“

Manfred Hellwig und Reinhard Kellner fordern seit Jahren eine Aktualisierung des Armutsberichts, um zu erfahren, wo die Stadt genau steht. Hellwig betont jedoch, an vielen Stellschrauben, wie etwa der Rente, könne nur der Bund schrauben.

Website für Betroffene

Der Armutsbericht wird Handlungsempfehlungen vorschlagen. Eine öffentliche Veranstaltungsreihe im Frühjahr rückt Menschen, die wenig haben, in den Fokus. OTH-Studierende stellen die Ergebnisse ihrer Abschlussarbeiten zum Thema vor. Auf einer neuen Website können sich Betroffene bald über soziale Organisationen und Angebote in Regensburg informieren.

Abschlussarbeiten

Studentische Beiträge: In Zusammenhang mit dem Armutsbericht entstehen 19 Bachelor- und Masterarbeiten. Studierende der Angewandten Sozial- und Gesundheitswissenschaften untersuchen eine große Zahl von Themen.

Die Themen: Es geht um soziale Teilhabe armutsbetroffener Kinder dank Stadtpass, um Armutsbekämpfung bei Geflüchteten oder Altersarmut. Vorgestellt werden auch konzeptuelle Überlegungen zur öffentlichen Aufbereitung des Armutsberichts.

Professorin Ina Schildbach und ihr Team erarbeiten den neuen Armutsbericht für die Stadt Regensburg. Foto: Torsten Pajonk/OTH Regensburg