Die Isarstraße ist der Regensburger „Armuts-Hotspot“ – Frauen besonders gefährdet

Der neue Armutsbericht der Stadt Regensburg und der OTH rät zu intensiver Quartiersarbeit in den problematischen Vierteln. Der umkämpfte Wohnungsmarkt überfordert Betroffene.
Geld ist, salopp gesagt, in Regensburg weniger wert als in den meisten der rund 400 deutschen Großstädte und Landkreise. Der Grund sind die hohen Lebenshaltungskosten – die Welterbestadt liegt auf Platz 21, also unter den teuersten Kommunen. Eine große Rolle spielt der angespannte Wohnungsmarkt mit steigenden Mieten. „Die Lebenshaltungskosten sind nicht durch hohe Gehälter abgesichert“, sagte der OTH-Student Jan Igloffstein am Freitag bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts.
Bei der Kaufkraft lande Regensburg abgeschlagen auf Rang 316. Überdurchschnittlich verdienen Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit. Es gibt eine auffallende Frauenarmut, besonders bei den Älteren. Der Arbeitsmarkt wandelt sich: Die Zahl der offenen Stellen nimmt ab, zugleich steigt die Arbeitslosenquote. Und die Durchschnitts-Rente ist niedrig: Laut DGB-Report 2025 erhalten Männer in der Stadt 1205, Frauen 892 Euro.
Initiative von Reinhard Kellner
Im Armutsbericht kommen mehr als 30 Betroffene aus der Stadt zu Wort. „Spaß macht das Leben nicht mit 1500 Euro, also, wenn man die Hälfte schon mal als Miete abdrückt“, heißt es etwa. Oder: „Mir hat das eine mal gesagt in der Norma, die kann die Armut riechen oder sehen, weil die Leute haben schlechte Zähne oder können die nicht mehr erneuern.“

Eineinhalb Jahre haben die OTH-Professoren Ina Schildbach und Wolfram Backert von der Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften zusammen mit Studierenden am Armutsbericht und der Homepage armutsbericht-regensburg.de gearbeitet. Es wurden Statistiken ausgewertet und Experteninterviews geführt – etwa mit Vertretern von Tafel, Caritas, Rengschburger Herzen, Sozialen Initiativen und der Stadt. Bürgermeisterin Astrid Freudenstein und zahlreiche Beteiligte präsentierten das Ergebnis im Alten Rathaus.
Eine Verbesserung des Wohnraumangebots – besonders im sozialen Wohnungsbaus – wäre ein Schlüssel zur Entlastung.
Tobias Kraus, Master-Absolvent
„Der Bericht ist ein dickes Hausaufgabenheft für die Stadt“, sagte Freudenstein. Er zeige, dass Armut auch im wirtschaftlich starken Regensburg ein bedeutendes Thema bleibe. Der Bericht liefere wertvolle Erkenntnisse, um den Betroffenen Hilfe zukommen zu lassen. „Gemeinsam werden wir weiterhin daran arbeiten, Armut in unserer Stadt zu bekämpfen und allen Bürgern eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.“ Sie betonte, die Kooperation mit der OTH und die wissenschaftliche Fundierung seien ihr wichtig gewesen. Es handelt sich um den ersten Armutsbericht seit 2011. Der vor kurzem verstorbene Sozialmanager Reinhard Kellner hat das Projekt angestoßen. „Er fehlt“, sagte Freudenstein. „Wir würden hier gar nicht sitzen, wenn es ihn nicht gegeben hätte.“
Das Forschungsteam wollte ein möglichst breites Spektrum der Stadtgesellschaft abbilden und die Betroffenen zu Wort kommen lassen. „Armut ist mit Scham verbunden. Diese führt zum gesellschaftlichem Rückzug“, sagte Ina Schildbach. Das hat zur Folge, dass viele Betroffene keine Unterstützung in Anspruch nehmen. Eine Frau erzählte im Interview: „Dann habe ich eine Karte gekriegt für die Schlossfestspiele. Und da geht aber jemand mit, weil allein traue ich mich gar nicht. Was mache ich da eigentlich?“
„Was mache ich bei den Schlossfestspielen?“
Neben Alleinerziehenden und Langzeitarbeitslosen sind Menschen mit Migrationshintergrund, besonders ältere Frauen, überdurchschnittlich oft arm, haben die Wissenschaftler herausgefunden.
Nach Urteil von Schildbach wirken in Regensburg viele Sozialexperten. Das Potenzial der Stadtteilkümmerer könne man aber noch ausschöpfen. „Die Idee ist großartig. Sie fangen die Einsamkeit auf.“ Doch die Wirksamkeit hänge zu stark von der einzelnen Person ab. Auch wüssten viele Arme nicht, welche Hilfsstrukturen existieren. Ihr Kollege Wolfram Backert lobte den Stadtpass, der wirtschaftlich Schwächeren seit zehn Jahren günstigen Eintritt ins Westbad, billige Bus- und Theatertickets ermöglicht. „Mehr Menschen könnten ihn nutzen, schämen sich aber.“

Freudenstein räumte ein, die Isarstraße im Norden sei der Regensburger Armuts-Hotspot. Dort leben viele Ältere. Die Kommune verstärke die Quartiersarbeit. Die Bürgermeisterin betonte aber auch, die Stadt sei „gar nicht so schlecht unterwegs“. Die von Reinhard Kellner gegründeten Sozialen Initiativen bezeichnete sie als einzigartiges Projekt.