Ex-Vorsitzende wieder frei: Wurde ein geheimes Konto der Tafel in Regensburg geplündert?

Von André Baumgarten · 7. August 2025 um 16:34

Wie konnten bei der Tafel Regensburg rund 200.000 Euro verschwinden, ohne dass jemand etwas merkt? Recherchen der Mediengruppe Bayern legen nahe, wie das gelingen konnte – und vor allem so lang. Über zweieinhalb Jahre soll das schon gelaufen sein. Dreh- und Angelpunkt scheint ein Account zu sein, der seit Dezember 2021 existiert.

Untreue wird der Ex-Vorsitzenden der Tafel vorgeworfen. Der Schock sitzt tief, als einige Tage nach ihrer Festnahme am 25. Juli klar ist, dass sie in U-Haft sitzt. Die Nachricht ihrer Entlassung aus dem Gefängnis am 7. August hallt noch massiver nach – denn sie hat umfassend gestanden. Und die Summe, die sie eingeräumt hat, ist um ein Vielfaches höher als bekannt war: Rund 200.000 Euro sollen weg sein.

Gestern früh, 8.51 Uhr: Mit Handschellen und Bauchgurt wird die 50-Jährige von Zivilpolizisten aus dem Aufzug im Justizgebäude geführt. Die 13 Tage seit ihrer Inhaftierung hat die nach dem Bekanntwerden der Untreue-Vorwürfe zurückgetretene Vorsitzende der Tafel in einer Zelle der JVA in Regensburg verbracht. Während sie gestern in einem kleinen Vorraum im Erdgeschoss des Gerichts lang mit einem ihrer Verteidiger spricht, halten die Beamten auch Abstand – Mandantengespräche sind vertraulich. Auch Ermittler dürfen nicht zuhören.

46 Minuten dauerte die Haftprüfung

Um 9.01 Uhr erscheint die Ermittlungsrichterin mit zwei prall gefüllten Aktenordnern. Gut fünf Minuten später fällt die schwere Tür des Amtszimmers ins Schloss. Es vergehen 46 Minuten, bis sie sich wieder öffnet und die Beschuldigte schnellen Schrittes in den Aufzug entschwindet. Erst später wird klar: Der Haftbefehl gegen die Ex-Chefin der Tafel ist außer Vollzug gesetzt. Unter angemessenen Auflagen, das betont Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher. Seine Behörde sei dem Antrag der Verteidigung nicht entgegengetreten.

Der Grund birgt Sprengkraft: Die Beschuldigte hat die Vorwürfe bei der Haftprüfung vollumfänglich gestanden, bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Regensburg. Und: Sie hat „überschießend eingeräumt, dass die Schadenssumme zu Lasten der Tafel rund 200.000 Euro betragen dürfte“, so Rauscher. Im Klartext: Die 50-Jährige hat wohl das ganze Ausmaß offengelegt. Was aus den Kassen der gemeinnützigen Einrichtung verschwand, die rund 5000 Bedürftige in und um Regensburg versorgt, ist somit gut dreimal so hoch, wie bislang öffentlich bekannt.

Die Tafel ist die Geschädigte, nicht nur wegen des Geldes, sondern auch in puncto Ruf.

Georg Forster, Schriftführer bei der Tafel Regensburg

Überraschend kam das nicht. Grundlage für den Haftbefehl, in dem die Staatsanwaltschaft von 352 Fällen ausging, sollen Auswertungen bis Ende 2023 gewesen sein. Anfang Juni war die Kripo nach einer Strafanzeige zu Hausdurchsuchungen angerückt. Ziele waren die Büros der Tafel in der Abensstraße und die Wohnadresse der Vorsitzenden. Dabei wurden Unterlagen und elektronische Geräte beschlagnahmt, die bis heute erst zum Teil ausgelesen wurden.

Das Geständnis legt nahe, dass das System bis zur Durchsuchung weiter gelaufen sein könnte. Doch wie konnte das überhaupt passieren? Das fragen sich viele. Auch Georg Forster. Der Schriftführer des Vereins ist gefragter Gesprächspartner, seit die Querelen um die Ex-Tafel-Vorsitzende öffentlich wurden. Die hatte ihren Rückzug per Anwaltsschreiben mitgeteilt. Die neuen Entwicklungen lassen Forster sprachlos zurück. „Ich bin persönlich getroffen“, sagt er. „Ich hätte ihr sowas niemals zugetraut.“ Das hätten viele genauso gesehen, die sich zuletzt bei ihm meldeten. Die Hoffnung, alles würde sich „doch irgendwie aufklären“, hätte sich jetzt aber in Luft aufgelöst.

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Umso wichtiger ist es für Forster und seine Mitstreiter, mehr zu erfahren. Das sei vor allem wichtig für die Tafel, „um eventuelle Schwachstellen aufdecken und schließen zu können“, betont er. „Irgendwo muss eine Lücke gewesen sein, das liegt auf der Hand.“ Weder Kassier noch Prüfern oder dem Steuerberater sei je etwas aufgefallen. Auch nicht bei Kontobewegungen – „das ist ja total überwacht“, so Forster. Ihn erstaunt, dass sich die Rücklagen in der Amtszeit der 50-Jährigen erhöht hatten. „Normalerweise wird es ja weniger, wenn jemand etwas wegnimmt.“

Geldabflüsse ab Herbst 2022 dokumentiert

Mit Details halten sich die Ermittler zurück – Recherchen der Mediengruppe Bayern zeigen, dass die Gelder offenbar von einem Digitalkonto der Tafel abgezweigt wurden. Von dessen Existenz aber soll wohl außer der Ex-Vorsitzenden niemand im Verein gewusst haben. Existieren soll der besagte Account bereits seit Dezember 2021. Im Herbst 2022 sollen erste Zahlungen von dem Konto abgezweigt worden sein. Woher das Geld darauf stammte und wofür es verwendet wurde, ist Teil der laufenden Ermittlungen der Kriminalpolizei.

Den Anwälten der Beschuldigten „ist ganz wichtig zu betonen, dass hier keine Bedürftigen geschädigt wurden, sondern die Tafel“, sagen die Strafverteidiger Michael Haizmann und Jörg Meyer. Sie bestätigten auf Nachfrage ebenfalls, dass sie „für die Mandantin eine Einlassung abgegeben“ haben, ohne aber weitere Details dazu nennen zu wollen. Nur: „Die Aufhebung des Haftbefehls ist die richtige Entscheidung.“

Vertrauen wieder herstellen eines der Ziele

Dass die Ex-Tafel-Vorsitzende ein Geständnis abgelegt hat, begrüßt Georg Forster. Er hofft vor allem, dass das einiges beschleunigt, und „wir uns wieder der wichtigen Arbeit widmen können“. Die Tafel sei „die Geschädigte, nicht nur wegen des Geldes, sondern auch in puncto Ruf“. Womöglich verloren gegangenes Vertrauen nun wieder herzustellen, „ist ganz essenziell“. Auch dafür werde alle Kraft benötigt, sagt er.