Entscheidungsjahr 2024: Ist Regensburg „zu satt“ für eine Stadtbahn?

Von Rainer Wendl · 3. Januar 2024 um 10:00

In diesem Jahr wird sich das Schicksal der Regensburger Stadtbahn entscheiden. Zum Start gibt es eine Analyse zum planerischen und atmosphärischen Stand des Projekts.

Masterplan, Kosten-Nutzen-Rechnung, Bürger-Votum – so lauten die entscheidenden drei Begrifflichkeiten, auf die das Regensburger Stadtbahn-Projekt 2024 zusteuern wird. Geht es weiter mit dem Mega-Vorhaben, das den öffentlichen Nahverkehr in dieser Stadt im Idealfall auf ein ganz neues Level heben könnte – oder wird es abgestellt im Betriebshof der (zu) großen Visionen?

Das abgelaufene Jahr hat hierzu noch keine eindeutige Prognose geliefert. Dafür eine ganze Reihe an sehr wichtigen Erkenntnissen. Mit jedem neuen beplanten Streckenabschnitt wurde klarer: Die Stadtbahn würde nicht nur den Verkehr revolutionieren, es würde entlang der Routen vor allem auch ein radikaler Stadtumbau erfolgen. Die Planung ist hoch kompliziert und an manchen Stellen nur schwer lösbar, die Umsetzung wäre langwierig und oft auch mit Zumutungen verbunden, extrem kostspielig ist alles zusammen sowieso.

Die meisten wissen nichts

Die Befürworter halten seit jeher dagegen, dass die Baukosten mit bis zu 90 Prozent bezuschusst werden könnten. Der Löwenanteil davon komme aus einem Bundes-Topf zur Förderung des Schienenverkehrs, gefüllt vom Steuergeld der Bürger. Die Regensburger könnten zugreifen und dieses zweckgebundene Geld für ihre Stadt nutzen – oder für ein Stadtbahn-Projekt irgendwo anders in der Republik mitbezahlen.

Mit dieser Förderung, so die Fans des Projekts, bekomme die Ostbayern-Metropole nicht nur einen leistungs- und zukunftsfähigen ÖPNV, sondern als Dreingabe den erwähnten Stadtumbau quasi geschenkt. Sie versprechen sich die Wandlung von öden, verkehrsumtosten Asphaltwüsten zu Plätzen mit Aufenthaltsqualität und Großstadt-Flair, gerne an einem Rasengleis gelegen. Die entsprechenden schönen Bilder, oft aus französischen Städten mit nagelneuer Stadtbahn, liefern sie als Appetitanreger dazu.

Die Gegner, organisiert in der Initiative Gleisfrei Regensburg, tun solche Visionen als substanzlose Träumereien ab. Sie scheinen deutlich in der Überzahl zu sein, sind aber vielleicht einfach nur lauter. Ihr mantrahaft wiederholtes Totschlag-Argument lautet schlicht „Regensburg ist nicht geeignet für eine Stadtbahn“, ganz so, als gäbe es die ganzen prächtig funktionierenden und bestens angenommenen neuen Bahnen in den erwähnten französischen Städten nicht, die oft eine ähnliche bauliche Struktur wie Regensburg und mitunter sogar deutlich weniger Einwohner haben.

Die mit Abstand größte Gruppe – das ist das Bestürzende – ist jedoch die der nach wie vor komplett Ahnungslosen. Und das, obwohl das Thema ungemein wichtig ist und sämtliche Informationen dazu offen und transparent über die verschiedensten Kanäle jederzeit abrufbar wären. Diese behäbige Ignoranz müsste eigentlich das Zeug dazu haben, die Stadtbahn-Planer in den Wahnsinn zu treiben. Erst recht dann, wenn ihre ehrlichen, mit großem Aufwand durchgeführten Informationsversuche hochnäsig als „Werbeveranstaltungen“ abgetan werden.

Es wäre also verständlich, wenn die Stadtbahn-Planer dies als Unverschämtheit wahrnehmen würden. Unter vier Augen analysiert einer von ihnen aber ganz kühl: „Die Leute sind zu satt.“ Damit könnte er genau richtig liegen. Denn den meisten Regensburgern geht es ja blendend, und so soll es freilich auch bleiben.

Ob sie in zehn, 15Jahren noch länger als heute schon im Stau stehen, ist heute nicht ihr Problem. Zumal es bis dahin eh ein schickes E-Auto sein wird, das wenigstens keine schlechte Luft mehr erzeugt. Warum sich also eingehend mit einer teuren und schwierigen Planung befassen, an deren Umsetzung man sowieso nicht richtig glaubt? Wo man doch insgeheim auch künftig lieber mit Tempo 50 auf zwei Spuren statt mit 30 auf nur noch einer Spur in der Landshuter Straße Auto fahren würde?

Derlei Besitzstandswahrertum ist sogar in der jungen Generation anzutreffen. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer staunte bei einer Info-Veranstaltung im Dezember an der OTH nicht schlecht, als die Studenten ihr Plädoyer für die Klima-, Energie- und Verkehrswende eher gelangweilt zur Kenntnis nahmen, beim Aspekt „Campusfest“ aber steil gingen. Dieses könne nicht mehr gefeiert werden, wenn die Stadtbahn über das Hochschulgelände rolle, so die Befürchtung. Das Gegenargument, wonach für das ungleich größere Bürgerfest drei Tage lang der gesamte innerstädtische Verkehr problemlos umorganisiert wird, kam nur bedingt an.

Dass Unkenntnis kein Hindernis für eine ablehnende Haltung zur Stadtbahn darstellt, ist auch in privaten Gesprächen zu erleben. Mit der Künstlerin, die vorschlägt, das Geld für eine Stadtbahn zu sparen und lieber für ein paar Euro Farbe zum Markieren von Busspuren zu kaufen. Oder mit dem Physik-Professor, der im Herbst zum allerersten Mal etwas von einer Trasse zur Uni hört und dann behauptet, dass der Galgenberg sowieso zu steil für eine Stadtbahn sei (obwohl das Gegenteil längst bewiesen wurde).

Solchen Zeitgenossen, die ihre vorgefassten Meinungen partout nicht mit Informationen in Gefahr bringen wollen, rief ein Stadtbahn-Befürworter bei einem Dialogforum im Frühling fast schon verzweifelt zu: „Da planen doch keine Hanswurschtn!“

Aber das ist exakt der Punkt: Nicht selten geben die Kritiker des Projekts relativ unverhohlen zu verstehen, dass sie die Stadtbahn-Planer für inkompetent und ihre Arbeit für unbrauchbar halten. Die Facebook-Seite von Gleisfrei Regensburg strotzt nur so von diesbezüglicher Häme. Die Initiative kommt zudem nicht ganz an dem Vorwurf vorbei, bisweilen ein eher taktisches Verhältnis zur Wahrheit zu haben.

So ist beispielsweise auf ihrem Internet-Auftritt seit vielen Monaten die Stellungnahme eines bekannten Regensburgers zu lesen, der eine Trassenführung über den Weißgerbergraben kritisiert. Eine solche Strecke war nie geplant, ist nicht geplant und wird nie geplant werden – die Gleisfrei-Spitzen wissen dies natürlich, lassen den Text aber unkommentiert so stehen. Aus dem Kalkül heraus, dass dies von Unwissenden vielleicht mal gelesen wird und bei ihnen zu der Schlussfolgerung führt, welch unfassbarer Blödsinn diese Stadtbahn doch ist?

Kein Schwung aus der Politik

Die Planer selbst müssen derweil stets hauteng bei den Fakten bleiben, das ist ihr Anspruch und vor allem ihre Pflicht. Eine kesse Lippe ist da nicht angebracht. Allzu technokratische Sachlichkeit hilft jedoch nicht dabei, für Überzeugung oder gar Begeisterung bei den noch unentschiedenen Bürgern zu sorgen.

Hier müssten die Befürworter aus Reihen der Politik einspringen und mit Leidenschaft für das Projekt werben. Bis auf wenige Ausnahmen passiert das aber nicht. Die mit Abstand wahrnehmbarste politische Stimme in der Stadtbahn-Diskussion ist die der CSU, die sich längst von dem Vorhaben ihrer Koalitionspartner verabschiedet hat und ohne Hemmungen dagegen opponiert.

Fühlt die größte Stadtratsfraktion damit den Puls der Bürger oder sind die Regensburger mehrheitlich doch dazu bereit, sich auf einen Paradigmenwechsel in Sachen Verkehr inklusive grundlegendem Stadtumbau einzulassen? Die Antwort wird es 2024 geben.

Die Gegner sind laut, optisch präsent – und in der Überzahl?