Stadtbahn soll Lebensqualität in die öden Asphalt-Wüsten von Regensburg bringen

Von Rainer Wendl · 5. April 2023 um 19:00

„Ich mag schöne Städte, ich lebe sehr gern und genieße sehr gern.“ Gleich zu Beginn seines Vortrags über die Stadtbahn im Degginger machte Raum- und Umweltplaner Stephan Besier am Dienstagabend deutlich, dass er sich mit diesen seinen Vorlieben in Regensburg gut aufgehoben fühlt.

Der 48-Jährige war auf Einladung des Architekturkreises gekommen, um über die„Wiedergewinnung des Stadtraums“durch die Stadtbahn zu referieren. Künftig wird er öfter in Regensburg sein, denn er ist für die gestalterische Begleitung der hiesigen Stadtbahn-Planung engagiert.

Besier arbeitete schon in vielen Städten an der städtebaulichen Integration von Trambahnen. Gelingt sie, steigt auch die Lebensqualität, lautet sein Credo. Trotz des eingangs erwähnten Lobs sieht er in Regensburg massig Bedarf für die Aufwertung des Stadtraums, denn: „Man hat die Altstadt als Schatzkästchen – aber etwas außerhalb ist man schon in Amerika. In der Nordgaustraße kann man nur mit dem Auto sein.“

Regensburg: „Brutale Ausfallstraßen“ wie in Amerika

Solche „brutalen Ausfallstraßen“ gelte es zu „zivilisieren“. Die Stadtbahn ist dafür in Besiers Augen ein bestens geeignetes Instrument – sofern für sie nicht nur Gleise auf die bestehende Asphalt-Wüste gelegt werden, sondern mit gestalterischem Anspruch geplant wird.

Als einfaches, aber zugleich überaus wirkungsvolles Element zeigte der Referent immer wieder Fotos von Rasengleisen. Allein dieses Grün habe einen positiven Effekt, der „mit Busspuren nicht möglich“ sei.

Doch bei der Stadtraum-Reparatur durch Stadtbahnen geht um weitaus mehr als Rasengleise. Um dies zu untermauern, wandte sich Besier dem gelobten Land aller Stadtbahn-Fans zu: Frankreich. Hier feiert die zuvor nahezu ausgerottete Tram seit etwa 30 Jahren ein furioses Comeback, zahlreiche Städte – mitunter auch deutlich kleinere als Regensburg – haben neue Stadtbahnen und sind glücklich damit.

Regensburg: „Die Stadtbahn ist eine riesige Chance“

Weil sie sich etwas Entscheidendes getraut haben: Besier bezeichnete es als den „radikalen Rückbau von großen Verkehrsflächen“ und präsentierte Bilder von einstigen Mega-Kreuzungen, die nun Plätze mit Aufenthaltsqualität sind. „Die Stadtbahn ist eine riesige Chance, die Stadt zu verändern und Impulse zu setzen“, schloss er seinen 45-minütigen Vortrag. Der Bau an sich sei natürlich eine Belastung, aber schon bald danach weiche der Widerstand der Begeisterung.

Die anwesenden, geschlossen in der ersten Reihe sitzenden Vertreter des Regensburger Widerstands konnte er damit erwartungsgemäß nicht überzeugen. Er habe jetzt zwar viele schöne Bilder gesehen, meinte etwa Christian Pöschl von der Initiative „Gleisfrei Regensburg“, aber: „Für Regensburg war das eine Themaverfehlung. Die Räume sind hier einfach zu eng.“

Auch Rita Dietl aus der Wöhrdstraße nannte die „vielen Engstellen“ als Grund dafür, „dass ich es mir nicht vorstellen kann“.Und Gerlinde Hirtreiter aus derSandgasse meinte, dass sie vor ihrer Haustür nicht 40 Autos weniger gegen 400 Züge pro Tagtauschen wolle.

Stadtbahn-Vortrag in Regensburg: Wieder einmal waren kaum Stadträte dabei

Besier entgegnete, dass sich die meisten Befürchtungen nicht bewahrheiteten, weil es immer gestalterische Lösungen gebe. Dies gelte auch für Engstellen. „Wo es eng ist wie auf dem Weg zur Uni rauf muss man sich schlank machen als Stadtbahn – wo Platz ist, kann man sich inszenieren.“

Toni Plommer von der Initiative „Pro Bahn“ gab zu bedenken:„Wer grundsätzlich dagegen ist, kann auch keine Fantasie für Lösungen entwickeln.“Walter Weber vom Bündnis für einen höherwertigen ÖPNV argumentierte ganz ähnlich. Wer Hinderungsgründe suche, finde auch welche.

So nahm die Diskussion den gewohnten Verlauf, denn Veranstaltungen zum Thema Stadtbahn gleichen mittlerweile Familientreffen mit wohlbekannten Befürwortern und Gegnern. Das Angenehme daran: Beide Lager tauschen sich sachlich aus.Das Irritierende: Stadträte sind kaum dabei.

Am Dienstag waren es zwei von 50, nämlich Michael Achmann (Grüne) und Thomas Thurow (Brücke). „Man muss sich doch ein Bild machen“, meinte dieser vor dem Vortrag. Danach war er auf Besiers Linie: „Es ist ein großes Anliegen, Bürgern den öffentlichen Raum zurückzugeben.“

Stephan Besier