Stadtbahn-Debatte an OTH Regensburg: Ist das Campusfest wichtiger als die Verkehrswende?

Von Rainer Wendl · 13. Dezember 2023 um 19:00

Junge Leute sind bedingungslos für die Klima-, Energie- und Verkehrswende und somit automatisch für die Regensburger Stadtbahn? Mitnichten, wie ein Infoabend an der OTH verdeutlicht. Ist das Campusfest für sie möglicherweise wichtiger als die Verkehrswende?

Die junge Dame war schwer genervt, ihr Ärger war noch zwei Reihen weiter im riesigen Hörsaal S054 der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) zu vernehmen. „Dann sollen sie halt drei Busse mehr fahren lassen“, sagte sie mit eindringlichem Ton zu ihrem Sitznachbarn. Als dieser entgegnete, dass die Einführung eines höherwertigen ÖPNV-Systems das Ziel sei, raunzte sie voller Überzeugung zurück: „Regensburg braucht keinen höherwertigen ÖPNV.“

Diese kleine Episode spielte sich am Dienstag zu Beginn eines Informationsabends zum Thema Stadtbahn ab. Sie mag ein Indiz dafür sein, dass selbst an einer Hochschule der eherne Grundsatz, wonach vor dem Bilden einer Meinung stets die Sammlung von Wissen und dessen reflektierte Einordnung stehen sollte, nicht mehr flächendeckend in Mode ist. Denn eigentlich müsste sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass die stetig steigende Menge der Fahrgäste zu Campus und Klinikum nicht mit „drei Bussen mehr“ zu bewältigen ist.

Dabei wären am Dienstag reichlich Informationen geliefert worden, vor allem zur geplanten Querung des gemeinsamen Campus von OTH und Uni durch die Stadtbahn. Mit Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Planungsreferent Florian Plajer, Stadtbahnamt-Chef Thomas Feig, den ÖPNV-Strategen Sandra Schönherr und Frank Steinwede vom Stadtwerk Mobilität, Streckenplanerin Dagmar Nickel und dem Machbarkeitsstudien-Autor Romain Molitor waren die maßgeblichen Wissensträger zum Thema komplett anwesend, mehr Kompetenz geht nicht.

Die Stadtbahn und der Campus: Nabelschau statt Metaebene

Doch obwohl die Veranstaltung ausdrücklich als „Informationsabend“ deklariert war, wollten die rund 250 Teilnehmer – so viele waren im Hörsaal und online insgesamt dabei – lieber diskutieren. Hier zeigte sich immerhin, dass der durchschnittliche Kenntnisstand deutlich höher ist als bei der eingangs erwähnten Dame. Es wurden kundige und konstruktive Fragen gestellt, etwa danach, ob die Stadtbahn nicht alternativ auf Höhe der Seybothstraße queren oder generell über die Trasse Friedenstraße/Universitätsstraße geführt werden könnte. Auch der an einer Technischen Hochschule geradezu zwingende Einwand, ob die Neueinführung eines schienengebundenes Systems ab dem Jahr 2030 folgende noch zeitgemäß sei, kam zur Sprache.

Das Hauptanliegen der Studenten – das stellte sich zumindest am Dienstag so dar – ist allerdings ein ganz anderes: Sie fürchten eine Durchschneidung des Campus durch die Stadtbahn-Schienen und sehen als Folge die Durchführbarkeit des Campusfests in Gefahr. Auf das Argument der Campus-Trennung waren die Experten noch vorbereitet. So hatte Frank Steinwede Bilder von Hochschulen in Augsburg, Bielefeld, Bremen und Darmstadt im Gepäck, auf deren Gelände in den letzten 20 Jahren nachträglich die Einbindung eines Straßenbahnbetriebs gelungen ist.

Die Campusfest-Thematik aber erwischte die prominenten Referenten auf dem falschen Fuß. Die Oberbürgermeisterin zum Beispiel hatte darauf gebaut, die jungen Zuhörer per Molière-Zitat („Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun") und dem Hinweis auf die notwendige Klima- und Verkehrswende fürs Stadtbahn-Projekt gewinnen zu können. Doch dieser versuchte Transfer auf die Metaebene scheiterte an der Nabelschau ums Campusfest. Dieses sei, reklamierte ein Student mit heiligem Ernst, eines von Regensburgs kulturellen Highlights – und müsste wegen der Stadtbahn wegfallen.

Regensburgs OB zur Stadtbahn : „Alles ist lösbar“

Nachdem sich die überraschten Experten wieder gefangen hatten, konnten sie dieser düsteren Prognose entschieden widersprechen. So sei es zum Beispiel problemlos möglich, die Stadtbahn an diesem einen Mittwoch im Jahr eben nicht über das Gelände fahren zu lassen. Maltz-Schwarzfischer meinte: „Das Uni-Gelände ist riesengroß, da wird sich schon ein Platz für das Fest finden. Alles ist lösbar.“

Es blieb dennoch der Eindruck zurück, dass Referenten und Teilnehmer an diesem Infoabend gründlich aneinander vorbeigeredet haben. Eine Zuhörerin deutlich älteren Semesters äußerte zum Schluss sogar den Vorwurf, dass es sich um eine „Werbeveranstaltung“ gehandelt habe.

Die Stadtbahn-Gegner von der Initiative Gleisfrei Regensburg versuchten diesen Effekt definitiv zu erzielen; sie hatten fleißig Info-Flyer mit abtrennbarem Mitgliedsantrag verteilt. Zumindest ein Sitznachbar der meinungsstarken jungen Dame vom Textanfang hat ihn auch ausgefüllt.

Das Stadtoberhaupt versucht Überzeugungsarbeit zu leisten.