Kontroverse um Regensburger Stadtbahn: „Da planen doch keine Hanswurschtn“

Von Rainer Wendl · 27. April 2023 um 16:41

Beim dritten Dialogforum zur Stadtbahn hatten die für das Projekt sprechenden Experten am Mittwochabend im Jahnstadion wieder einmal einen schweren Stand.

„Warum fragen Sie mich dann, wenn Sie eh schon alles wissen?“Stephan Besier, Stadtbahn-Planer aus Leipzig, schien im Zwiegespräch mit einer Stadtbahn-Skeptikerin kurzzeitig die Geduld zu verlieren. Sie ließ einfach keines seiner Argumente gelten, mit der er ihr den Umstieg auf das neue Mobilitätssystem schmackhaft machen wollte.

Solche als Workshops getarnte „Nahkampf-Situationen“ gehörten zum Konzept zum dritten Stadtbahn-Dialogforum, das am Mittwochabend im Jahnstadion stattfand. Etwa 180 Interessierte waren vor Ort dabei, weitere 80 online.

Die sonst dominierenden Vorträge wurden dieses Mal eher kurz gehalten. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer ließ in ihrer Begrüßungsrede die seit dem letzten Planungsdialog im November vergangene Zeit Revue passieren und meinte: „Wir sind seither ein gutes Stück vorangekommen in der Planung, zum Beispiel in der Landshuter Straße.“

Planungsreferentin Christine Schimpfermann ergänzte dies um zwei Prüfungsergebnisse, die den Planungsfortschritt deutlich beschleunigen können und vor massiven Mehrkosten bewahren: „Eiserne Brücke und Galgenbergbrücke halten.“

Dann waren die drei Fachreferenten des Abends dran. Oswald Utz, Behindertenbeauftragter der Stadt München, sprach zum Thema Barrierefreiheit und hatte damit den vergleichsweise angenehmsten Job.

Seine Kernthese „Stadtbahnen sind für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Riesen-Chance, in den öffentlichen Raum zu treten“ erntete keinen Widerspruch. Besier und Sandra Schönherr, der Betriebsleiterin vom Stadtwerk Mobilität (SMO), ging es da ganz anders.

Kritiker haben keine Lust aufs Umsteigen

Ihre Themen lauteten „Umsteigen leicht gemacht: Gute Beispiele für Umsteigeanlagen“ sowie „Mobilität der Zukunft: Ein optimales Angebot für ganz Regensburg“ überlappten zum Teil und wurden in den Workshops kontrovers diskutiert. So stellte Bezier fest, dass er weniger über Umsteigeanlagen als über die Bereitschaft zum grundsätzlichen Umstieg auf die Stadtbahn reden musste.

Schönherr wiederum nannte ein konkretes Szenario, das vielen Zuhörern einfach nicht einleuchten wollte: Es ging um den Weg von der Pommernstraße zum Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, der quasi seit Menschengedenken durchgehend mit der Linie 1 zurückzulegen ist. Im künftigen Mischbetrieb aus Stadtbahn und Bus müsse man laut Schönherr zweimal umsteigen, sei aber dennoch schneller.

Auch die von der SMO-Betriebsleiterin skizzierte Perspektive, dass die Stadtbahn als Rückgrat des öffentlichen Verkehrs Kapazitäten für das Bussystem frei mache und völlig neue Möglichkeiten – beispielsweise eine durchgehende Linie vom Norden über die Frankenstraße und die Pfaffensteiner Brücke in den Westen – eröffne, fanden viele Zuhörer nicht verlockend. Sie wollen lieber wie gehabt mit dem Einser über die Altstadt in den Westen fahren. So gesehen stieß Schönherrs vorab formulierter Appell „Wir müssen Mobilität anders denken als in den letzten zehn, 20, 50 Jahren“ auf zahlreiche taube Ohren.

Es waren aber auch Bürger anwesend, die diese fehlende Bereitschaft fürs Neue nervte. „Da planen doch keine Hanswurschtn. Die sind bestens ausgebildet und wollen es optimal machen“, brach es aus einem Teilnehmer heraus. Er erntete dafür viel Applaus, jedoch auch deutlich vernehmbares Grummeln.

Schöne Bilder wirken nicht

Beim Leipziger Besier dürfte der Abend Eindruck hinterlassen haben. „Wenn es erst einmal da ist, sind insbesondere die, die es sich vorher nicht vorstellen konnten, begeistert“, sagte er zu Beginn über seine Erfahrungen, die er bei Stadtbahn-Planungen in anderen Städten gemacht hat. Er zeigte dazu viele schöne Bilder, vornehmlich aus Straßburg.

Weil das Publikum aber weniger die dortigen Lösungen als vielmehr die speziellen hiesigen Problemstellen wie beispielsweise in Burgweinting besprechen wollte, meinte er am Ende: „Eins zu eins ist es nie vergleichbar. Aber lernen kann man auch in Regensburg.“

KOMMENTAR: Ein ewiges Remis

Weil die Veranstaltung im Fußballstadion stattfand, wurde Christine Schimpfermann am Ende nach ihrer Meinung zum Ausgang des „Spiels“ befragt. „1:1“, lautete die Einschätzung der Planungsreferentin. Ganz genau, es war ein Unentschieden. Wieder mal. Wie eigentlich immer, wenn es um die Stadtbahn geht. Vorträge, Diskussion, Händeschütteln, fertig, bis zum nächsten Mal.

So ist der Ablauf der Veranstaltungen und so wird es auch noch lange weitergehen – glauben zumindest die Projektverantwortlichen. Sie betonen stets, dass es sich nach wie vor um ein frühes Planungsstadium handelt und der allergrößte Teil des Wegs noch in der Zukunft liegt.

Doch was ist, wenn die Gegner diesen Weg einfach abkürzen? Wenn sie zum Jahresende, wenn die Masterplanung vorliegt, mit Unterstützung von Teilen der Politik das scheinbar ewige Remis in eine schnelle Entscheidung, also einen Bürgerentscheid, zwingen?

Dann könnte den Stadtbahn-Befürwortern die Zeit davongelaufen sein. Denn während die Gegner schon jetzt ihre Argumente laut, selbstbewusst und mitunter auch aggressiv unters Volk bringen, üben sich die Befürworter aus Verwaltung, Politik und Bürgerschaft weiterhin in allzu betulicher Sachlichkeit. Ob sie damit die mehrheitlich immer noch unterinformierten bis wurschtigen Regensburger überzeugen oder gar begeistern können? Wohl kaum.