Die Züge zwischen Regensburg und Nürnberg fahren wieder – War die Vollsperre der richtige Weg?

Jetzt können die Bahn-Pendler zwischen Regensburg und Nürnberg endgültig aufatmen: Im zweiten Anlauf hat alles geklappt, seit dem frühen Samstagmorgen fahren die Züge. Damit ist eine der meistbefahrenen Bahnstrecken in Bayern nun endlich wieder frei, rund drei Wochen später als ursprünglich geplant. Dafür gibt es aus finanzieller Sicht gute Nachrichten. Doch war es richtig, die Strecke monatelang komplett zu sperren? Die Meinungen gehen auseinander.
Es scheint, als würde der Neustart nun einigermaßen reibungslos funktionieren – von teils wenigen Minuten Verspätung einmal abgesehen. Wie ein Bahnsprecher mitteilt, bestanden am Sonntagvormittag abschnittsweise geringe Tempolimits. Dadurch konnte sich die Fahrzeit einzelner Züge um ein paar Minuten verlängern.
In der vergangenen Woche wies die Bahn darauf hin, dass in den ersten Wochen des Regelbetriebs noch mit einzelnen Störungen zu rechnen sei, weil manche Mängel erst im Realbetrieb entdeckt werden könnten. Eine andere Meldung der Bahn überrascht dagegen: Das ursprünglich 1,4 Milliarden teure Mammutprojekt soll um einen dreistelligen Millionenbetrag günstiger sein als angenommen. „Das ist eine gute Nachricht“, freut sich Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der DB InfraGO, laut einer Pressemitteilung.
Mehr dazu: Erste Korridorsanierung in Bayern zwischen Regensburg und Nürnberg ist geschafft: Eine Bilanz
Gleichzeitig bedauere man ausdrücklich, dass sich die Inbetriebnahme verzögert hat. „Gerade bei Zeitplänen müssen wir künftig noch verlässlicher werden. Daran arbeiten wir mit aller Konsequenz“, so Nagl. Dass eine solche Verzögerung nicht mehr vorkommt, hofft auch der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU). „Ich hoffe, dass die Deutsche Bahn die gewonnenen Erkenntnisse für die kommenden Korridorsanierungen nutzt“, wird Bernreiter zitiert.
In Bayern sind insgesamt noch sechs weitere Korridorsanierungen geplant. Wie die Deutsche Bahn weiter mitteilt, konnte zwischen Regensburg und Nürnberg sogar mehr als die ursprünglich geplante Infrastruktur erneuert werden. Denn während der Bauphase wurden weitere Sanierungspotenziale erkannt, die dann in den Bauablauf integriert wurden.
Wir waren keine großen Freunde der Komplett-Sperre. Ein halbes Jahr war zu lang.Jörg Schäfer, Sprecher Fahrgastverband „Pro Bahn“
Trotz der positiven Bilanz der Bahn bleibt die Frage: War es der richtige Weg, die Bahnstrecke komplett zu sperren? Jörg Schäfer, ein Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, ist nicht überzeugt. „Wir waren keine großen Freunde der Komplett-Sperre. Ein halbes Jahr war zu lang“, sagt er. Schäfer fürchtet, dass nicht alle Bahn-Pendler in die Züge zurückkehren werden. „Viele haben in der Zwischenzeit andere gute Lösungen gefunden, etwa Fahrgemeinschaften oder Homeoffice.“ Er glaubt, dass einige dabei bleiben werden.
Aus Schäfers Sicht wäre zumindest ein eingleisiger Bahnbetrieb möglich gewesen – oder eine abschnittsweise Sanierung. „Dann hätte es zeitlich kürzere Sperren gegeben. Das wäre besser gewesen“, so Schäfer. Ein Lob hat der Fahrgast-Vertreter aber für den Schienenersatzverkehr parat. „Das war relativ gut gelöst. Ich bin ein paar Mal mit dem Nonstop-Bus zwischen Regensburg und Nürnberg gefahren. Das hat gut geklappt.“
Zwei Bürgermeister sehen Vollsperre positiv
Zumindest in Beratzhausen (Landkreis Regensburg) war das zunächst anders, schildert Bürgermeister Matthias Beer (CSU). „Direkt am Anfang hat fast gar nichts geklappt. Dazu kamen leider verschiedene kuriose Unfälle“, sagt Beer. Nach ein paar Wochen sei der SEV dann halbwegs reibungslos gelaufen, mit ein paar Ausnahmen. Trotz des teilweise „steinigen Weges“ zeigt sich Beer überglücklich mit dem Endergebnis. Der Haltepunkt in Beratzhausen ist nun nämlich barrierefrei. „Ein echter Meilenstein in unserer Ortsentwicklung“, lobt er.
Auch die Maßnahme an sich sieht Beer überwiegend positiv. „Ablauf, Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Firmen und die Kommunikation liefen nahezu perfekt.“ Die Verzögerung sei aber natürlich ärgerlich gewesen. Insgesamt sei die Komplettsperre aber die richtige Entscheidung gewesen. „Lieber fünf Monate richtig krachen als fünf Jahre Dauerbaustelle.“
Auch Peter Meier (CSU), Bürgermeister von Deining, nennt die Vollsperre die absolut richtige Entscheidung. „So konnte in relativ kurzer Zeit viel geschaffen werden. Bei einer Teilsperrung wäre die Beeinträchtigung um ein Vielfaches höher gewesen.“ In Deining war außerdem ein großer Bahndamm zu sanieren. „Das hat reibungslos geklappt“, freut sich Meier. Auch der Schienenersatzverkehr sei in Deining gut organisiert gewesen.
Im Bereich Regensburg war das ab Mitte Juli allerdings anders. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Bahnstrecke fertig sein sollen. Gleichzeitig startete schon die nächste Sanierung zwischen Obertraubling und Passau. Die Folge: Am Regensburger Hauptbahnhof gab es des Öfteren Verwirrung, welcher Bus eigentlich wohin fährt und in der Stadt häuften sich Irrfahrten: Busse standen plötzlich in Wohnstraßen, viel zu engen Altstadtgassenoder sogar beim Dom.
Doch auch wenn die lilafarbenen Ersatzbusse nun andernorts zum Einsatz kommen und die Bahnstrecken-Sanierung abgeschlossen ist: Ein paar Restarbeiten wird es noch geben, teilt die Bahn mit. Dazu gehören etwa der Abbau der Baustellen-Flächen und der Abriss von Gebäuden. Ebenso wird in einigen Gemeinden noch das Bahnhofsumfeld neu gestaltet. Diese Arbeiten sollen aber keinen Einfluss auf den Zugbetrieb haben. Außerdem ist bereits der Bau von drei Überholgleisen in Planung, unter anderem in Parsberg. Diese sollen die Kapazität der Strecke erhöhen, weil schnellere Züge dann die Möglichkeit haben, langsamere zu überholen.
Zahlen zum Projekt
• Kosten: Laut Mitteilung dürften die Kosten um einen dreistelligen Millionenbetrag günstiger sein als geplant. Die finalen Kosten stehen noch aus.
• Bau: Es wurden über 100 Kilometer Gleise, 74 Weichen, 20 Bahnhöfe sowie zwei Bahndämme modernisiert. Insgesamt waren 2000 Arbeiter im Einsatz.
• SEV: Im Ersatzverkehr waren 90 Busse im Einsatz. Die Pünktlichkeitsquote lag laut Bahn bei 96 Prozent.