Drogen, Sex-Partys und die Bibel: Im letzten Wort gab es in Regensburg ein unfreiwilliges Geständnis

Prozess mit skurrilem Ende: Verurteilter Bombenbastler aus Burglengenfeld (Kreis Schwandorf) dealt laut Anklage in Obertraubling (Kreis Regensburg) – für gut 50 Gramm Koks und Crystal drohen ihm über zehn Jahre Gefängnis und sogar Sicherungsverwahrung. Er kann das nicht verstehen und macht seinem Frust auch Luft.
Zehneinhalb Jahre Gefängnis und danach Sicherungsverwahrung drohen einem 36-Jährigen – für knapp 50 Gramm Koks und Crystal Meth. An dem Fall, der das Landgericht in Regensburg seit Wochen mit mehreren Extra-Terminen beschäftigt, ist wenig gewöhnlich: Der Mann im Sog von Drogen und Sex-Partys hat viel Hass auf Polizisten in sich und ein Faible für Waffen und Bomben. Er gestand erst, widerrief dann alles, manipulierte im Prozess sogar Zeugen und räumte nach seltsamen Bibelzitaten im letzten Wort etwas ein, wofür er wohl nie verurteilt worden wäre.
Etwas fahrig wirkt der hagere Mann mit dunklem Zopf neben Strafverteidigerin Prabhlin Sidhu. Langatmige Erklärungen ist die fünfte Strafkammer am Regensburger Landgericht, die seit Anfang Juni seinen Fall verhandelt, gewohnt. „Ziemlich blöde Umstände“ hätten ihn in Einzelhaft gebracht, bittet er um Verständnis, dass er etwas durcheinander wäre. Dann zeigt er zwei Fotos, die aus seiner Sicht vieles erklären – insbesondere, was ihm 2021 in Amberg eine Verurteilung zu fünf Jahren und acht Monaten Haft einbrachte.
Flucht nach Mallorca macht bundesweit Schlagzeilen
2019 bastelte der Mann eine mit Quecksilber gefüllte Rohrbombe, um die Polizei in seiner früheren Heimatstadt Burglengenfeld in die Luft zu sprengen – so wollte er Rache für eine aus seiner Sicht völlig überzogene Kontrolle nehmen. Weil ein Helfer jedoch kalte Füße bekam und den Sprengsatz in einem Baugebiet ablegte, flog alles auf. Er selbst war da längst nach Mallorca geflüchtet, wo ihn Beamte der Guardia Civil festnahmen, er ausgeliefert und hier auch vor Gericht gestellt wurde. Trotz Entzugstherapie geriet er wieder an Drogen und landete Anfang Dezember in U-Haft.
Die Bombengeschichte sieht er heute als „größten Fehler in meinem Leben“, erklärt er zu Prozessende nun. „Ich finde es gerecht, wenn ich bestraft werde“, sagt er und schiebt nach, dass Kinder- oder Frauenschänder aber auf Bewährung rauskämen. Sein Leben dagegen wäre „komplett ruiniert“, wenn dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt werde. „Das macht mich sprachlos – man stellt mich da hin, als ob ich ein Monster wäre“, moniert er weiter und beharrt darauf, nie bewaffnet mit Betäubungsmitteln gehandelt zu haben. Er brauche keine Waffen, um Konflikte zu lösen.
Zehneinhalb Jahre: Das ist halt Irrsinn. Da sind Leute mit einem Mord schon mit weniger rausgekommen.Der Angeklagte zeigte sich erschüttert vom Antrag der Staatsanwalts
Dass er Zeugen im Prozess zu Falschaussagen überredet hat, räumt der 36-Jährige im letzten Wort erneut ein. „Ich hab mir nicht anders zu helfen gewusst.“ Nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen nahe Angehörige, die ihn wohl unterstützten, ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits. Aufgeflogen war alles, nachdem er sein Geständnis widerrief, sogar seine Anwältin der Lüge bezichtigte, und eine der jungen Frauen, mit der er das sichergestellte Kokain bei einer Sex-Party nehmen wollte, auspackte. Sie sei von Leuten bedrängt worden, falsch auszusagen, sagte sie, und legte zum Beweis Chats vor. Die Steilvorlage der zweiten Gespielin, die ihren Ex als wahren Besitzer der beim Angeklagten gefundenen Drogen benannte, griff er auf und nannte zum ebenfalls angeklagten Waffenbesitz die Namen.
Richtig skurril wird es dann aber, als der Angeklagte im letzten Wort aus der Bibel zitiert. Erbarmungslose Widersacher „reden wider mich mit falscher Zunge“ und „ihr Name soll schon im zweiten Glied getilgt werden“, „ihr Andenken soll ausgerottet werden auf Erden“. Als Drohung solle das allerdings nicht verstanden werden, erklärt er auf Frage des Vorsitzenden Richters Zenger. Zehneinhalb Jahre aber wären „Irrsinn“. Und: „Wenn man richtet, soll man es fair machen.“
Unfreiwilliges Geständnis in seinem letzten Wort
Eine weitere Pause fordert der 36-Jährige dann, um sich wieder zu sammeln. Und gesteht auf Nachfrage plötzlich auch eine Bedrohung aus der Anklage. „Ja“, er habe einem säumigen Schuldner, dessen Name aber unbekannt ist, das Foto einer später bei ihm gefundenen (nicht funktionsfähigen) Rohrbombe geschickt, um diesem so Angst zu machen. Denn, so der Wortlaut im Chat: „Ich kann 2 Sachen gut c verkaufen und bomben bauen“. Das „c“ steht im Milieujargon für Kokain.
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Strafverteidigerin Prabhlin Sidhu, der es mit der Mandant alles andere als einfach macht, hatte kurz zuvor vier Jahre und drei Monate Gesamtstrafe wegen Drogenhandels sowie Freispruch hinsichtlich der Bedrohung mit der Rohrbombe beantragt. Eine Sicherungsverwahrung oder auch der Vorbehalt einer nachträglichen Anordnung, wie sie die Anklage hilfsweise beantragt hatte, seien überzogen. „Es fehlt an der besonders Gefährlichkeit, die von einem Angeklagten ausgehen muss“, betonte Sidhu.
Das Urteil in dem Fall will das Landgericht in Regensburg nun am 10. August verkünden.