Handschlag und Konfrontation: So verlief der Kandidatenabend beim Bayerwald-Echo in Cham

Zu Beginn der Veranstaltung „Ratsch mit den Kandidaten“ ist die Atmosphäre im Obergeschoss der Redaktion etwas angespannt. Grünen-Kandidat Sascha Kretz und AfD-Kandidatin Christl Fischer ignorieren sich. Christian Schindler (Freie Wähler) ist freundlich zu allen. Bei der Begrüßung durch Redaktionsleiter Martin Hennings im Erdgeschoss und dem anschließenden Gruppenfoto mit allen sieben Landrats-Kandidaten wird es dann sichtbar, dass die benachbarten Mitbewerber auf Abstand zu Fischer gehen. Der Fotograf muss die Lücke erst mit einer Bitte schließen.
Die Stimmung ändert sich dann, als im Obergeschoss die ersten Besucher eintreffen. Ein älterer Herr ist gekommen und klappert geduldig alle Bewerber ab. Seine Begründung gegenüber Christian Schindler (Freie Wähler): „Ich will einfach sehen, wie der künftige Landrat des Landkreises Cham aussehen könnte.“ Schindler grinst: „Da sind sie bei mir vielleicht schon richtig.“
Abend zwischen Anspannung und Gelassenheit
Der Kandidat der Freien Wähler hat seinen Parteikollegen MdL Julian Preidl mitgebracht und den Schorndorfer Bürgermeister-Kandidaten Martin Bauer. Er hat Glück und darf gleich mehrfach Schaulaufen zu seinem Lieblingsthema Nahverkehr. Was die Windkraft betrifft, wünscht er sich mehr Transparenz in der Diskussion.
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Schindler kann auch deutlich: Die Abschaffung der Erbschaftssteuer findet er kontraproduktiv und seinen Parteichef Hubert Aiwanger polarisierend. Er ist gegen Atomkraft und für erneuerbare Energie.














Am Tisch der AfD läuft es von Anfang an etwas angespannter. Kandidatin Christl Fischer trifft dort den ganzen Abend bevorzugt auf Leute, die sie im Netz aufgrund von Kritik und Streitigkeiten blockiert hat. Später wird sie sagen, sie habe sich teilweise gefühlt wie in einem linksgrünen Kindergarten. Dass sich der Herr neben ihr in schöner Regelmäßigkeit vorstellt mit „Hallo, ich bin Thomas Tauer, der Rechtsanwalt der AfD“, trägt nicht sonderlich zur Entspannung bei. Dazu hat sie den Chamer Stadtratskandidaten Marco Schwarzbach mitgebracht.
Ich sag’s halt, wie es ist.Christl Fischer, Landratskandidatin der AfD
Die meisten Besucher nutzen die Gelegenheit, Fischer zu konfrontieren. Oft geht es um die Ausdrucksweise. „Sobald man Kritik äußert, hat man entweder zu nah an der Wand geschaukelt oder die Eltern waren Geschwister. Soll das dann der neue Ton im Kreistag werden?“, fragt einer. „Ich sag’s halt, wie es ist“, sagt Fischer und verweist auf die Angriffe gegen ihre Person. Schwarzbach springt ihr bei: „Wie man in den Wald hineinschreit...“

Immer wieder greift auch Rechtsanwalt Tauer ein. „Sind sie der Aufpasser? Sie sind doch gar nicht Kandidat“, geht einer der Besucher in die Offensive. Tauer beruft sich auf das Angebot der MZ, zwei Personen mitzubringen. Es gibt stellenweise auch lange Gespräche. Ein Vertreter des Bundes Naturschutz will Fischers Position zu den erneuerbaren Energien abklopfen und verwickelt die Kandidatin in eine Diskussion zum Thema Atomkraft. „Das war einfach nicht ihr Thema“, sagt er im Weggehen.
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Am Stehtisch der Grünen geht es den ganzen Abend gelassen her. Kandidat Sascha Gretz hat seine beiden Kreistags-Kollegen Andrea Leitermann und Michael Doblinger mitgebracht. An diesem Tisch geht es auch viel um erneuerbare Energien und Windkraft. Diskutiert wird auch über den Stellenwert von Tierschutz und die Frage, ob sich ein künftiger grüner Landrat für eine Kastrationspflicht für Katzen einsetzen würde. Würde er. Günter Schmauder vom VCD konfrontiert die Kandidaten mit seinem Leibthema: ÖPNV. Bei Sascha Kretz rennt er damit offene Türen ein. Bis flächendeckend autonome Fahrzeuge eingesetzt werden können, will Kretz den Rufbus ausbauen. Und die „Wohin du willst“-App überarbeiten.
Ende der Wehrpflicht – Beginn des Pflegenotstands?
Im Untergeschoss, wo ein Quartett an Landratskandidaten ihre Stehtische besetzen und Parteifahnen aufgestellt haben, ist es zwar kühl, weil die Heizung es gegen die offenen Türen nicht schafft, doch tut das der offenen Begegnung der Kandidaten keinen Abbruch. CSU-Kandidat Michael Multerer schüttelt die Hand von Linken-Kontrahent Christian Oberthür, FDP-Mann Alfred Stuiber flachst mit Steve Brachwitz von den Sozialdemokraten.

An Stuibers Stehtisch steht gleich nach dem Start der offenen Talkrunde eine Bürgerin, die sich freut, hier auch die Kleinstparteien zu sehen. Sie scheint Sympathie für die FDP zu hegen , erinnert an große Liberale wie Gerhart Baum und eine Frage aus der Sendung „Wer wird Millionär?“, welche Partei am längsten in Regierungsverantwortung war – eben die FDP. Stuiber dankt fürs Komplement und hat wenig später die Gesundheit als Thema am Tisch. Bernhard Burger sucht das Gespräch. Der Sana-Mitarbeiter und Betriebsrat will wissen, wie der FDP-Kandidat die Zukunft der Pflege- und Gesundheitsberufe sieht. Ein schwieriges Thema, entgegnet Stuiber, wie es auch später CSU-Landratskandidat Michael Multerer an seinem Tisch Burger entgegnet. Stuiber und Burger kommen auf den Nenner, dass das Ende des Wehrdienstes eine Ursache des heutigen Schlamassels im Pflegebereich sei. Mehr Geld für Pflegekräfte, um sie im Job zu halten, sei sicher eine Möglichkeit, meint Stuiber.
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Ein Tisch weiter bei der Linken, wo sich Kandidat Christian Oberthür Verstärkung mit Cindy Jahnke und Marian Janka mitgebracht hat, geht es auch um die AfD und deren Basis. Das sei die Frustration über Politik und das fehlende Grundvertrauen in die Institutionen. „Die Menschen gehen dahin, wo am lautesten geschrien wird“, so der Tenor. Man müsse die Leute abholen. Auch Frauenthemen stehen in der Debatte – gerade im „reichen“ Landkreis könne es nicht sein, dass zu wenig Schutzräume für gepeinigte Frauen da seien und die Finanzierung ein Problem darstelle.

Nebenan bei der SPD und Steve Brachwitz wirbt man für das Hinterfragen von Haushaltsposten, „auch, wenn es den Landrat ärgert!“ Man habe hier die höchsten Müllgebühren – warum das so sei, müsse doch erklärt werden. Die Bürger hätten es schwer, weil alles teurer werde.
Auch zur Schwierigkeit, Menschen für Politik zu begeistern, gibt es eine Ursachenforschung: „Wir müssen früher anfangen, Leute dafür zu begeistern“, findet Rundings SPD-Bürgermeister Franz Kopp, der mit Renate Hecht den Kandidaten unterstützt. Die Politik sei extrem verfahren, meint ein Besucher: „Keiner weiß, wo es hingeht.“ Lokal sei hier noch alles okay, doch ob es solche Dinge wie die Windräder brauche, sei doch fraglich, findet er. Er lästert über das gescheiterte BSW – „ich bekäme ja schon von den Schützen 160 Unterschriften.“
Arnschwang steht gut da.Michael Multerer, Bürgermeister in Arnschwang und Landratskandidat der CSU
Bei CSU-Kandidat Michael Multerer wirbt eine Besucherin dafür, über den Tellerrand zu schauen, wie gut etwa Inklusion in Schulen in anderen Ländern funktioniere. Sie wirbt für mehr – Multerer sieht aber wenig Chancen, hier auf kommunaler Ebene etwas zu bewegen. Neben der Gesundheit landet wenig später ein weiteres interessantes Thema bei dem CSU-Kandidaten: Energiegewinnung aus Fließgewässern wie dem Regen hat der Gast im Sinn und dafür lange gewartet, bis Platz am CSU-Tisch ist. Eine Frage wird oft gestellt: Warum wollen Sie Landrat werden? Multerer antwortet, er suche eine neue Herausforderung. Raus aus der Komfortzone: „Arnschwang steht gut da.“ Die nächsten Jahre in seiner Gemeinde werden ruhig, ist er sich sicher. Und er will etwas Neues.

MZ-Podiumsdiskussion in der Rodinger Stadthalle am 4. Februar: Nach dem Aufgalopp beim Ratsch mit den Kandidaten wird es am Mittwoch, 4. Februar, ernst für die Bewerber ums Amt des Chamer Landrats. In der Stadthalle Roding stellen sie sich den Fragen der MZ-Redaktion. Die Podiumsdiskussion beginnt um 19 Uhr. Erstmals stellen sich dann die Kandidaten einer öffentlichen Diskussion. Bayerwald-Echo und Kötztinger Umschau haben alle sieben Bewerber eingeladen, sechs haben zugesagt: Michael Multerer (CSU), Christian Schindler (Freie Wähler), Steve Brachwitz (SPD), Christian Oberthür (Linke), Sascha Kretz (Grüne) und Alfred Stuiber (FDP). Einzig Christl Fischer von der AfD hat ihre Zusage zurückgezogen, aus terminlichen Gründen, wie sie schreibt. Deshalb werden sich „nur“ sechs Bewerber den Fragen der Redaktion stellen.
Die Podiumsdiskussion am Mittwoch, 4. Februar, in der Stadthalle Roding beginnt um 19 Uhr. Wer dabei sein will, der sollte sich möglichst rasch anmelden. Bitte nennen Sie dabei Namen und Ort, eine Telefon- oder Handynummer und die Zahl der Plätze, die Sie brauchen. Für eine Anmeldung reicht eine Mail an: echo@mittelbayerische.de.