Stimm-Gutachter sicher: Notruf nach Pfingstmord in Mintraching war nur vorgespielt

Die Verteidiger vom angeklagten Neffen des Opfers wehren sich gegen ein Gutachten, das eine mögliche Täterschaft des Mannes an seiner Stimme und Sprache am Telefon erkennen will. Wie das Regensburger Schwurgericht, das seit Anfang Oktober den Indizienprozess im Fall Mintraching führt, damit umgehen will, ist offen.
Laut Ermittlern wollte der Mann, der wegen des Pfingstmordes in Mintraching vor Gericht steht, dass das Opfer von anderen gefunden wird. Der Plan ging aber nicht auf und er musste selbst den Notruf wählen. Genau dieses Telefonat war nun eins von mehreren bestimmenden Themen im Prozess: Denn es lässt Rückschlüsse darauf zu, dass der Anrufer gar nicht so überrascht war, wie er einst tat, sagt ein Gutachter.
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Das Ergebnis der Analyse des Gesprächs aus der Tatnacht am 27. Mai 2023 fiel eindeutig aus: Prof. Dr. Dietmar Heubrock kam zum Schluss, dass Stimme und Sprache des 51-Jährigen nicht zu einem für ihn völlig überraschenden Fund des ermordeten Onkels passen. Er agierte „sehr ruhig, überlegt und ausführlich“, was völlig untypisch für Menschen „in Hochstresssituationen“ wie diesen wäre, so das Ergebnis.
Professor forscht seit vielen Jahren zu dem Thema
Seit Jahren forscht der kürzlich in Ruhestand gegangene Professor der Uni Bremen dazu. Er führte Feldexperimente mit IS-Anschlagsszenarien und umfangreiche Stimmanalysen von Geiselnahmen als Belege dafür an. Daher wisse er: Alle Menschen reagieren in Hochstresssituationen gleich – weil die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol nicht beeinflussbare physiologische Reaktionen im Körper auslöse, die auch einfach und gut erkennbar seien.
So sei belegt, „dass sich unter Stress die Sprache und Stimme verändert“. Besagte Botenstoffe sorgten dafür, dass sich die Grundfrequenz verändere, also alles monotoner klinge, lauter und schneller als sonst sowie in abgehackten Sätzen gesprochen werde. „Das lässt sich wie eine Folie auf den Notruf legen“, so Heubrock. Darin verwende der Angeklagte lange Sätze mit vielen Details und Beschreibungen. Von Aufregung oder Überraschung keine Spur.
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Verglichen zu Mitschnitten aus der Telefonüberwachung, die die Kripo ihm lieferte, passten Stimme und Sprache „nicht zur dargestellten Situation“, lautete Heubrocks Bilanz. Und es sei „durchaus möglich, dass er die Tat begangen haben kann“, erklärte der Rechtspsychologe weiter. Andere Reaktionen kenne man aus seiner Erfahrung heraus „nur von Psychopathen“.
Verteidigung: Rückschlüsse auf Handlungen „unseriös“
Der Verwertung des Gutachtens widersprachen die Strafverteidiger Johannes Büttner und Philip Roth aus Regensburg vehement. Aus zwei mitgeschnittenen Telefonaten des 51-Jährigen auf der Anklagebank solche Rückschlüsse zu ziehen, ohne je mit ihm geredet zu haben oder ihn überhaupt zu kennen, wäre aus ihrer Sicht unseriös. Stimmlage oder Phonetik ließen „nach gesicherter Forschung“ auf emotionale Zustände schließen, jedoch nicht auf Handlungen.
Ob und welche Rückschlüsse am Ende das Schwurgericht daraus zieht, wird sich zeigen. Der Prozess gegen den Neffen des an Pfingsten 2023 ermordeten Seniors wird am Montag fortgesetzt. Dann muss sich der Chef der Regensburger Mordermittler weiteren Fragen stellen, nachdem seine Aussage aus Zeitgründen abgebrochen worden war. Am Nachmittag könnten zudem Herzspezialist Dr. Israel und einen Rechtsmediziner erneut angehört werden.