Große Hilfe oder „Mogelpackung“? Das bringt der Industriestrompreis Firmen in der Region

Von Lorenz Nix · 3. Dezember 2025 um 05:00

Die Bundesregierung hat einen Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen beschlossen. Kritik kommt ausgerechnet aus der Wirtschaft: Unter anderem der Chef der Schwandorfer Nabaltec AG sagt, was er von der Förderung hält.

Die erlösende Nachricht kam am 7. November: Anfang des Jahres hatte Kelheim Fibres Insolvenz angemeldet, nun – fast zehn Monate später – sollte der Münchner Finanzinvestor LEO III Fonds den angeschlagenen Viskosefaserspezialisten retten. „Mit der geplanten Transaktion wird ein bedeutender Schritt zur nachhaltigen Sicherung und Weiterentwicklung des Standorts Kelheim vollzogen“, hieß es in einer Mitteilung. Zwei Wochen später folgte der Schock: Die Übernahme ist geplatzt – offenbar weil einige Großkunden, ihre Bestellungen für 2026 nicht zugesichert haben. Nun bereitet sich das Werk darauf vor, seine Anlagen im neuen Jahr nicht wieder hochzufahren.

In Schieflage geraten war das Unternehmen unter anderem wegen der massiv gestiegenen Energiekosten. Die waren infolge des Kriegs in der Ukraine in ganz Deutschland explodiert. Mittlerweile sind die Preise zwar etwas zurückgegangen, zahlreiche Firmen in der Region kämpfen damit aber weiterhin.

Nur ein Bruchteil der Kosten wird übernommen, kritisiert der Vorstandsvorsitzende der Schwandorfer Nabaltec AG, Johannes Heckmann. - Foto: Philipp Breu

„Die Energiekosten und hier insbesondere die Strompreise sind für die Unternehmen in unserem Bezirk derzeit einer der zentralen Standortnachteile“, sagt Richard Röck, Energie-Experte bei der für die Oberpfalz und den Kreis Kelheim zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg. Hier gegenzusteuern, ist eine der wichtigsten Forderungen der Wirtschaft. Mitte November hat die Bundesregierung einen Industriestrompreis beschlossen, der energieintensiven Unternehmen etwas Last nehmen soll – doch prompt regte sich Kritik.

Die Energiekosten und hier insbesondere die Strompreise sind für die Unternehmen in unserem Bezirk derzeit einer der zentralen Standortnachteile.Richard Röck, Energie-Experte der IHK Regensburg

Grundsätzlich sei ein solches Instrument wichtig, sagt Johannes Heckmann, Vorstandsvorsitzender der Schwandorfer Nabaltec AG. Das Chemieunternehmen gehört zu einer der energieintensivsten Branchen Deutschlands. Heckmann selbst ist Vorstandsmitglied im bayerischen Landesverband des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Der fordert ihm zufolge seit Jahren einen Industriestrompreis von vier Cent je Kilowattstunde. In einer Studie nennt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft für das Jahr 2024 einen durchschnittlichen Preis von 14 Cent für Industriekunden. Zum Vergleich: In den USA und China zahlen Firmen demnach nur etwa acht Cent.

Industriestrompreis: Enge Vorgaben der EU

Enthalten sind jeweils auch Zusatzkosten wie Netzentgelte und Steuern. Der nun vom Bund geplante Industriestrompreis bezieht sich hingegen nur auf den Börsenstrompreis. Dieser wird im Rahmen der Förderung auf fünf Cent je Kilowattstunde begrenzt. Heckmann stellt ein Rechenbeispiel auf: Bei einem Preis von 7,5 Cent je Kilowattstunde liege dieser um 2,5 Cent über dem Referenzpreis. Von der Differenz übernimmt der Staat aber nur die Hälfte, also 1,25 Cent – der Grund sind enge EU-Vorgaben. Die sorgen auch dafür, dass nur 50 Prozent des Jahresverbrauchs eines Unternehmens förderfähig sind. Bei einem Bedarf von 50 000 Megawattstunden gibt es den Nachlass also nur für 25 000 Megawattstunden. „Die Einsparung läge also bei 312 500 Euro“, sagt Heckmann.

Die Hälfte dieses Betrags müssen die Firmen aber „in neue oder modernisierte Anlagen investieren, die das Stromsystem entlasten oder klimafreundlicher machen“, erklärt IHK-Experte Röck. Bei vielen Unternehmen stößt das auf Kritik. Der Glas- und Verpackungshersteller Gerresheimer, der im Landkreis Schwandorf – in Pfreimd und Wackersdorf – Werke betreibt, kritisiert in diesem Zusammenhang auch die zeitliche Befristung der Förderung. Man brauche „langfristige Lösungen für dauerhaft niedrigere Energiekosten“, sagt eine Sprecherin. Laut Röck ist der geplante Nachlass der Bundesregierung „auf die Jahre 2026 bis 2028 befristet und wird jeweils im Folgejahr ausgezahlt“.

Eine zeitlich befristete Teilentlastung, die zudem nur unter hohen Investitionsbedingungen gewährt wird, ist nicht nachhaltig.Sprecherin der Gerresheimer AG

„Eine zeitlich befristete Teilentlastung, die zudem nur unter hohen Investitionsbedingungen gewährt wird, ist nicht nachhaltig“, kritisiert Gerresheimer. Man betrachte bei den eigenen Investitionsentscheidungen „einen deutlich längeren Zeithorizont“.

Grundsätzlich versuche das Unternehmen, die hohen Energiekosten „durch den Einsatz moderner, energieeffizienter Technologie zu reduzieren“, sagt die Sprecherin. Man werde die tatsächliche Ausgestaltung des Industriestrompreises abwarten und dann entscheiden, ob die Inanspruchnahme „für uns langfristig sinnvoll und zielführend ist“. Ein Sprecher des Halbleiterkonzerns Infineon, der ein großes Werk in Regensburg betreibt, erklärt, man habe die Pläne „mit Interesse zur Kenntnis genommen“. Weitere Schritte werde man „sorgfältig prüfen“.

Schwandorfer Nabaltec AG will Förderung prüfen

Ähnlich äußert sich auch die Nabaltec AG. „Wir werden uns die Möglichkeiten auf jeden Fall einmal ansehen“, sagt Heckmann. Grundsätzlich lässt der Vorstandsvorsitzende aber kein gutes Haar an den Plänen. „Für Unternehmen wird am Ende nur ein Bruchteil der Kosten übernommen“, kritisiert er. Extrakosten wie Netzentgelte – diese seien bereits heute teilweise höher als der Börsenpreis – seien schließlich nicht Teil der Förderung. „Auf den Punkt gebracht ist es eine ,Mogelpackung‘ und ein gutes Marketingargument für die Bundesregierung“, sagt der Nabaltec-Chef über den Industriestrompreis.

Ob Kelheim Fibres ein früherer Industriestrompreis geholfen hätte? Fraglich. Man wolle sich nicht zur wirtschaftlichen Situation einzelner Unternehmen äußern, sagt Röck. Aber: „Ein Industriestrompreis, der erst ab 2026 greift, kann rückwirkende Schäden naturgemäß nicht mehr heilen.“ Für Betriebe, die bereits in ein Insolvenzverfahren mussten, komme eine solche Entlastung zu spät.

Zusatz-Info: Welche Firmen bekommen überhaupt den Industriestrompreis?

Berichten zufolge wird sich bei der Ausgestaltung des Industriestrompreises an einer EU-Liste orientiert. Bundesweit rechne man mit etwa 2000 Unternehmen, sagt Richard Röck, Energie-Experte der IHK Regensburg. Von den 85 000 Firmen der Kammer in der Oberpfalz und im Kreis Kelheim werden ihm zufolge deshalb wohl „deutlich unter einem Prozent“ profitieren. „Viele Firmen, die faktisch hohe Stromkosten tragen, fallen damit durch das Raster“, so Röck. Die Förderung ersetze deshalb „keine strukturelle Reform der Energiepolitik“.