Bayernhafen-Chef im Interview: „Die Binnenschifffahrt wird wichtig bleiben“

Von Lorenz Nix · 22. November 2025 um 19:00

Bayernhafen mit Hauptsitz in Regensburg und Standorten unter anderem in Regensburg, wird 100 Jahre alt: Im Interview spricht Geschäftsführer Joachim Zimmermann über veränderte Güterstrukturen, den neuen Standort Plattling und erklärt, warum die Binnenschifffahrt auch in Zukunft noch wichtig sein wird.

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Herr Zimmermann, Bayernhafen feiert heuer sein 100-jähriges Bestehen. Wie hat sich die Bedeutung der bayerischen Binnenhäfen in den vergangenen zehn Jahrzehnten verändert?

Joachim Zimmermann: Im Grunde genommen gar nicht. Vor 100 Jahren wurde die richtige Entscheidung getroffen, die damaligen staatseigenen Häfen unter das Dach der Landeshafenverwaltung, heute Bayernhafen, zu stellen. Damals hat man erkannt: Eine funktionierende Infrastruktur ist die Basis einer funktionierenden Wirtschaft. Natürlich haben sich die industriellen Strukturen seitdem verändert, aber diese Grundfunktion der Bayernhäfen ist dieselbe geblieben.

Sie sprechen es an: Unter anderem die Güter, die der Bayernhafen umschlägt, sind andere. Wie zeigt sich das?

Zimmermann: Der technologische Fortschritt spiegelt sich auch in den Güterstrukturen wider. Wenn man sich zum Beispiel Brennstoffe ansieht: Früher war das hauptsächlich Kohle, später Heizöl, künftig wohl E-Fuels oder Wasserstoff. Auch im Maschinenbau hat sich viel verändert. Aber es gibt auch Konstanten, zum Beispiel im Bereich Getreide. Das wird heute und wurde vor 100 Jahren schon umgeschlagen.

Die Bayernhäfen sind aber längst keine reinen Umschlagplätze mehr. Zahlreiche Unternehmen haben in den Hafengebieten Standorte oder teilweise auch ihren Hauptsitz. Wie wichtig sind die Bayernhafen-Standorte daher für die Arbeitsplätze in den jeweiligen Regionen?

Zimmermann: Die Hafengebiete haben enormen Einfluss. Zwar gilt Logistik oft als flächenintensiv mit wenig Jobs, bei der Hafenlogistik ist das aber anders. Wir als Bayernhafen beschäftigen über 200 eigene Mitarbeiter. Aber täglich fahren fast 16 000 Menschen zur Arbeit in einen unserer Häfen. Die Arbeitsplätze zeigen eine große Bandbreite mit allen Qualifizierungsstufen – von klassischer Berufsausbildung bis zum Akademiker, aber auch für Angelernte. Und an jedem Arbeitsplatz hängen auch noch einmal zwei Jobs in der Region.

Autokrise zeigt sich in Bayernhafen-Umschlagszahlen

Das bedeutet aber auch, dass die Bayernhafen-Standorte es zu spüren bekommen, wenn die Wirtschaft schwächelt. Aktuell ist zum Beispiel oft von einer Krise in der Autoindustrie die Rede. Wie zeigt sich das in den Umschlagszahlen?

Zimmermann: Wir spüren Veränderungen sehr früh. Dort, wo wir stärker von der Autoindustrie abhängen, sind die Containerzahlen deutlich rückläufiger als an anderen Standorten. Manchmal können wir das kompensieren, manchmal nicht. Bereits 2024 hatten wir teilweise Rückgänge von zehn bis fünfzehn Prozent. Im Bundesdurchschnitt sind wir da aber noch vergleichsweise stabil. Andere Regionen in Deutschland kämpfen mehr.

Machen Sie sich Sorgen um den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Zimmermann: Ja, natürlich. Die zunehmende Bürokratie und viele Auflagen machen es der Wirtschaft schwer, wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch die Infrastruktur ist ein Problem. Wir können tolle Häfen haben, aber wenn Straßen, Schienen oder Wasserwege nicht funktionieren, bringt das wenig. Wir hatten gehofft, dass durch das Sondervermögen Infrastruktur endlich Schwung kommt in die Instandhaltung. Man kann aber jetzt durchaus den Eindruck gewinnen, dass es nicht wirklich zusätzliches Geld gibt, sondern die Mittel nur verschoben werden, um die Kernhaushalte zu entlasten. Und das alles geht auch noch sehr, sehr langsam. Da muss dringend etwas passieren.

Herausfordernde Zeiten gab es in den vergangenen 100 Jahren sicher mehrere. Was waren besonders gravierende Einschnitte?

Zimmermann: Allen voran der Zweite Weltkrieg. Danach war der damals größte bayerische Hafen in Ludwigshafen in der Pfalz nicht mehr Teil dieses Unternehmens. Der Wandel zum Wirtschaftswunder kam dann aber verhältnismäßig schnell, was nur mit neuer Infrastruktur gelang: Regensburg bekam den Osthafen, Nürnberg und Bamberg wurden komplett neu gebaut. Später kam dann der Main-Donau-Kanal – plötzlich lagen niederländische Schiffe in Regensburg und ungarische in Nürnberg. Die Finanzkrise 2008 hat im Stahlsektor zu massiven Einbrüchen geführt – von denen man sich bis heute nicht vollständig erholt hat. Krisen und Umbrüche hat es schon immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben.

Bayernhafen-Chef: Niedrigwasser als „altbekanntes Problem“

Welche Zukunft hat die Binnenschifffahrt noch?

Zimmermann: Die Binnenschifffahrt transportiert große Mengen über weite Distanzen. Der Wegfall von Kohle war deshalb einschneidend. Aber man darf die Binnenschifffahrt wie auch die Häfen nicht nur an der Tonnage messen, sondern auch an der Wertigkeit der Güter. Mit dem Schiff werden auch besonders große oder schwere Güter transportiert, zum Beispiel Transformatoren und Industrieanlagen. Deshalb sind die Binnenhäfen für den Maschinen- und Anlagenbau in Bayern standortsichernd. Die Binnenschifffahrt stellt sich auch auf neue Güter ein. Beim Thema Kreislaufwirtschaft zum Beispiel gibt es große Potenziale. Niedrigwasser ist natürlich ein altbekanntes Problem. Zu unserem Leidwesen hat man sich nicht für einen vernünftigen Donauausbau entschieden. Dennoch wird die Binnenschifffahrt wichtig bleiben.

In Plattling entsteht aber Ihr erster Standort ohne direkte Anbindung an eine Wasserstraße...

Zimmermann: Seit Bayernhafen vor 100 Jahren gegründet wurde, war der Bahnverkehr immer wichtig. Der neue Standort, der auf dem Gebiet von Plattling und Stephansposching liegt, ist durch den Gleisanschluss und die Verladeinfrastruktur ideal dafür geeignet, mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu bringen. Für uns ist der neue Standort eine logische Erweiterung, aber auf keinen Fall eine Abkehr von der Wasserstraße.

Die Logistik steht aber auch oft in der Kritik – Stichworte Flächenverbrauch und hohes Verkehrsaufkommen. Fehlt Ihrer Meinung nach gesellschaftliche Wertschätzung?

Zimmermann: In Krisen wie Corona wurde kurz sichtbar, wie wichtig die Logistik ist. Da hat man die Lkw-Fahrer beklatscht, die das Toilettenpapier zum Supermarkt gebracht haben. Sobald aber alles wieder normal läuft, hat man das ganz schnell vergessen. Natürlich wünschen wir uns mehr Akzeptanz, die Branche muss aber auch selbst aktiv werden. Wir machen zum Beispiel Hafenfeste oder Tage der offenen Tür, bei denen die Menschen hinter die Kulissen blicken können. Und zum Thema Flächenverbrauch: Beispielsweise in Regensburg sind unsere knapp 200 Hektar seit Jahrzehnten Hafengebiet. Wir optimieren innerhalb dieses Bestands und investieren langfristig in Infrastruktur und Ansiedlungsflächen, statt ständig neue Flächen zu erschließen. Auch Plattling-Stephansposching ist ein tolles Beispiel: Aus dem 52 Hektar großen Areal der ehemaligen Papierfabrik machen wir einen modernen Logistik- und Industriepark. So schaffen wir neue Ansiedlungsmöglichkeiten für Firmen und das ohne zusätzlichen Flächenverbrauch. Besser kann man die Fläche an diesem Standort nicht nutzen.