Auch wegen Gaza-Krieg: Graffiti-Flut in der Regensburger Altstadt

Ein Hakenkreuz, Todesdrohungen – und immer wieder Gaza: An den Wänden der Regensburger Altstadt sind gefühlt mehr Graffitis als bislang. Täuscht das? Polizei, Stadt und Betroffene sagen eindeutig: nein!
Eine kleine Runde durch die Altstadt am Morgen. Die Nordseite der Neupfarrkirche ist übersät mit Graffitis. Eines davon: „Free me“ – wobei dort bis vor Kurzem „Free Gaza“ stand. Wenige Schritte weiter: An einer Hauswand in der Gesandtenstraße prangt ein fast mannshoher roter Schriftzug. Dort steht: „Krieg dem Krieg“, jemand hat mit Schwarz ein Fragezeichen ergänzt. Wieder ein paar Meter weiter: der Naturmarkt in der Glockengasse. Jemand hat an die Hausfront an der Gesandtenstraße „Free Gaza“ geschrieben. Kurz danach ergänzte ein Unbekannter „From Hamas“. Einmal umdrehen, Blick auf die Staatliche Bibliothek: Hier hat jemand etwas unbeholfen Hammer und Sichel hingeschmiert – wieder jemand anderes hat allem Anschein nach ein Fragezeichen ergänzt. Zweimal um die Ecke, steht man an einem Lokal am Bismarckplatz. Dort prangte „Death to the IDF“ an der Wand, bis es übermalt wurde. Eine Todesdrohung an das israelische Militär. Nun steht an der Stelle „Death to the Ideas“.
Seit Überfall von Hamas auf Israel: Straftaten steigen in Regensburg rasant an

Bildet man sich das nur ein? Werden die Graffitis mehr? Die Antwort der Polizei lautet in Kurzform: ja. Die Langform: „Im Ergebnis ist eine Steigerung von Graffitis mit politischem Inhalt allgemein und auch im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt seit 2023 zu erkennen“, sagt Sprecherin Melanie Bäumler. Das untermauert auch der Blick auf die Zahlen. 2023, also in dem Jahr, in dem die Terror-Organisation Hamas Israel überfallen hat, wurde genau ein Delikt mit Bezug auf den Krieg in Nahost festgestellt. 2024 waren es insgesamt zwölf solche Delikte. Im laufenden Jahr registrierten die Behörden bislang sechs Straftaten mit Bezug zum Krieg im Nahen Osten.
Besonders augenfällig: Die Aufklärungsquote in Bezug auf politische Kriminalität im Gesamten ist extrem niedrig. 2023 konnte die Polizei ein Viertel aller Fälle klären, 2024 waren es nur noch acht Prozent. Gerade bei Graffitis stünden die Beamten häufig vor Rätseln, sagt Sprecherin Bäumler. „Die Aufklärung dieser Taten gestaltet sich mangels ausreichender Ermittlungsansätze schwierig. Das Hinweisaufkommen bei den Zeugenaufrufen in der Presse tendiert gegen Null.“
Wegen Graffiti-Flut in Regensburg: Stadt experimentiert mit Spezialfarbe

Auch Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra sagt: „Allgemein lässt sich feststellen, dass die Schmierereien im Bereich der Innenstadt gestiegen sind.“ In letzter Zeit habe man Graffitis von der Steinernen Brücke, dem Bruckmandl und der Hochwasserschutzmauer entfernen müssen. „Aktuell sind auf den Wänden beidseits der Donau im Bereich der Eisernen Brücke Schmierereien zu sehen.“ In roter Schrift wird dort zur Revolution aufgerufen. Eine Aufforderung, die verhallen dürfte – dafür die Stadt aber einiges kosten wird. „Bis zu einer fünfstelligen Summe pro Jahr musste die Stadt Regensburg für die Beseitigung von Schmierereien in der Vergangenheit aufwenden“, sagt Sprecherin von Roenne-Styra.
Was kann man gegen die Graffiti-Flut tun? Die Stadt habe mit speziellen Schutzanstrichen experimentiert, sagt Sprecherin von Roenne-Styra. Man habe die Versuche nicht weiter verfolgt, vor allem aus optischen Gründen und wegen der hohen Kosten. Aber: „Bei Brückenbauwerken wird in einigen Bereichen ein Schutzanstrich angebracht.“ Das erleichtere das Entfernen und schone die Bausubstanz – aber: Der Schutzanstrich muss immer wieder neu aufgebracht werden, wenn die Brücke beschmiert wird.
Immer wieder tauchen Graffitis auf – Betroffener: „Das ist unser Steuergeld!“

Die allermeisten Schmierereien dürften sich allerdings nicht auf städtischem Grund befinden. Also: Wie geht es Betroffenen mit der steigenden Zahl von Graffitis? Es gehe nun schon seit ein paar Monaten so, sagt Dr. Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek in der Gesandtenstraße. Kaum lässt er ein Graffiti entfernen, prangt wenig später ein nächstes an der Wand. „Aber das ist überall in der Stadt so. Ich glaube nicht, dass die Leute wissen, was sie da genau beschmieren.“ Er stelle natürlich immer Anzeige gegen Unbekannt, bislang sei allerdings nichts herausgekommen. Über mehrere Ecken habe er gehört, dass durchaus bekannt sei, wer die Graffitis anbringt – ein Name sei ihm allerdings nicht verraten worden. Das ärgert Lübbers. „Das ist doch keine Lappalie. Das ist unser Steuergeld!“
Auch Verena Groth, Betreiberin des Naturmarkts gegenüber, nimmt das Graffiti an ihrer Hauswand nicht persönlich. „Toll ist es natürlich nicht“, sagt die Unternehmerin. Die Schmiererei an ihrer Mauer wurde wenig später von einem anderen Sprayer ergänzt. „Das macht es doch nicht besser“, sagt Groth, ohne sich auf den Inhalt des Graffitis zu beziehen. Ganz grundsätzlich beobachtet sie, dass die Schmierereien zunehmen. „Die Hemmschwelle sinkt scheinbar.“ Es seien Orte in der Altstadt betroffen, die Sprayer bislang gemieden haben – wie eben die Gesandtenstraße. „Bei uns war bislang nie was.“
Auch Regensburger Kaufhof-Brache sorgt für Vandalismus
Für Thomas Koschnitzke, Pfarrer in der Kirchengemeinde Neupfarr- und Dreieinigkeitskirche, hat die Graffiti-Flut vor allem mit der Jahreszeit zu tun. Die langen Sommernächte animierten mitunter Sprayer zu Taten – für die Kirche kann das durchaus teuer werden. Im vergangenen Sommer ließ er einen „Free Gaza“-Schriftzug entfernen. Kostenpunkt: 5000 Euro. „Das zahlt keine Versicherung.“ Er überlege nun, am Ende dieses Sommers einmal alles übermalen zu lassen. Eine weitere Ursache des Problems ist laut Koschnitzke auch die Kaufhof-Brache. Wenn er durch die Straßen gehe, komme er nicht umhin, eine Feststellung zu treffen: „Es herrscht eine gewisse Verrohung.“