Nach Skandal: Regensburger Tafel wieder offen – wichtige Personalie geklärt

96 Tage nach einer Razzia in den Räumen der Regensburger Tafel hat der Verein am Montag erstmals wieder Lebensmittel ausgegeben und sorgte damit für Erleichterung bei den Bedürftigen – zugleich haben die Ehrenamtlichen eine weitere wichtige Weiche gestellt, nachdem die ehemalige Chefin der Regensburger Tafel zugegeben hatte, 200.000 Euro veruntreut zu haben.
11.25 Uhr. Fünf Minuten noch. Dann sperrt die Tafel wieder auf. Ganz vorne in einer Schlange von etwa 20 Kundinnen stehen zwei Frauen. Namen wollen sie nicht nennen. „Datenschutz“, sagen sie. Wie sie den Sommer überstanden haben? „Man isst schon ungesünder.“ Sie habe sich mit Vorräten über Wasser gehalten. „Nudeln, Saucen, sowas. Es reicht schon, man verhungert nicht.“ Die Frau deutet auf die Auslage mit Salatköpfen. Drei Minuten noch. „Das Gemüse geht halt ab.“ Ihre Bekannte wirft ein: „Und das Obst.“ Beides sei furchtbar teuer geworden.
Eines ist ihr wichtig: „Die Ehrenamtlichen hier machen einen hervorragenden Job. Das müssen Sie schreiben!“ Und der Tafel-Skandal? Den haben sie in der Zeitung verfolgt. „Da reden wir nicht drüber“, sagt eine der Frauen. Nur so viel: „Sich bei Leuten zu bereichern, die hilfsbedürftig sind, ist weit unter der Gürtellinie.“ Eine Minute. Eine Tafel-Mitarbeiterin kommt heraus und macht die Absperrung auf. Die beiden Damen eilen hinein und inspizieren die Kartoffeln.
Die Regensburger Tafel hat nun einen Notvorstand
Szenenwechsel. Der Ausgaberaum der Tafel. Die ersten Kundinnen kommen herein. Ein kurzer Ratsch mit den Ehrenamtlichen. Wie geht es? Was haben Sie denn da? Oh, ein neues Gesicht! Die Helfer eilen hin und her. Die vollgefüllten Kühlschränke surren. Georg Forster steht am Rand und beobachtet das geschäftige Treiben. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. In der Krise war der Schriftführer so etwas wie das Gesicht der Tafel. „Das ist super. Das ist unser Ziel: Lebensmittel retten und sie den Bedürftigen geben. Dafür sind wir hier.“ Die erste Ausgabe seit knapp 100 Tagen ist nicht der einzige Grund für Forsters gute Laune – die Tafel hat nämlich einen Notvorstand. Und das nur eine Woche nach einem entsprechenden Antrag beim Amtsgericht Regensburg. „Sensationell“, sagt Forster.

Der Notvorstand solle nun zu einer Mitgliederversammlung einladen, auf der dann ein neuer Vorstand gewählt werden soll. Zudem kann er Spendenquittungen unterschreiben und einen Anwalt engagieren. Der Name des Notvorstands? „Jürgen Rother“, sagt Forster. „Ein Ehrenamtlicher, der sich weit mehr engagiert, als üblich.“
Notvorstand über Tafel-Skandal in Regensburg: „Das wollen wir nicht mehr“
Besagter Jürgen Rother steht einen Raum weiter. Hier werden die Lebensmittel für die Ausgabe vorbereitet. In schwarzen, roten und grünen Plastikkisten lagern Radieserl, Salat oder Brombeeren. Ein Tafelhelfer wuchtet eine Kiste mit Karotten von einem der Türme herunter und trägt sie in den Verkaufsraum. Rother kann gerade noch aus dem Weg springen. Er trägt eine orangefarbene Jacke mit dem Emblem der Tafel. Normalerweise ist er Fahrer – nun auch noch Notvorstand. Herzlichen Glückwunsch! Oder? Rother muss lachen. „Ich sage es ganz offen: Ich habe mich nicht darum gerissen. Aber es ist jetzt notwendig.“ Der Regensburger ist seit 2021 bei der Tafel.

Er habe nur eine eingeschränkte Befugnis, betont Neu-Notvorstand Rother. „Ich kann nicht alles entscheiden. Das wollte ich auch nicht. Für mich ist entscheidend, dass der Laden weiterläuft.“ Rother blickt zu Forster hinüber. „Dafür brauche ich die gesamte Vorstandschaft. Was jemand anrichten kann, wenn er alleine entscheidet, haben wir ja gesehen. Das wollen wir nicht mehr.“ Man müsse Zug um Zug aufarbeiten, was bei der Tafel passiert ist.
Dass so ein Skandal im Verein möglich ist, damit habe er nicht gerechnet, sagt Rother. „Wenn man dann von der Untersuchungshaft hört, wird einem schon anders. Oder das Geständnis. Das hat mich schon schockiert.“ Die Stimmung im Verein sei wieder auf dem Wege der Besserung – das sei einer der Gründe, warum er sich als Notvorstand zur Verfügung gestellt hat. „Wir können doch nicht aufhören.“ Das Wichtigste, betont auch Rother: „Dass der Betrieb läuft. Das war ein ziemlicher Kraftakt. Die Leute sind da und die Leute brauchen uns.“
Tafel in Regensburg geschlossen: Kundinnen wichen auf Supermarkt aus
Vor der Tafel hat der Andrang indes nachgelassen. Drei ältere Damen stehen mit Einkaufstrolleys an der Absperrung. Im Sommer seien sie in den Supermarkt gegangen, erzählt eine von ihnen. Toll sei das alles freilich nicht gewesen. „Gewisse Sachen kann man sich dann halt nicht kaufen“, sagt sie und deutet auf die grünen Salatköpfe jenseits der Absperrung. Ob sie sich freut, dass die Tafel wieder auf hat? Die Frau grinst verschmitzt. „Wir wissen ja noch nicht, was es gibt.“ Aber im Ernst, sagt sie: „Der Mensch ist ein Tier, das überlebt alles.“