Wichtige Weichen gestellt: So soll der Regensburger Tafel der Neustart gelingen

Nach dem Skandal um die ehemalige Vorsitzende steht die Regensburger Tafel wieder in den Startlöchern: Am Montag will der Verein zum ersten Mal seit rund drei Monaten Lebensmittel an Bedürftige ausgeben. Im Hintergrund läuft indes die Aufarbeitung der Vorfälle – dabei wurde eine wichtige Entscheidung schon getroffen.
In Georg Forsters Stimme liegt Erleichterung: „Es geht wieder vorwärts.“ Der Tafel-Schriftführer ist einer von fünf verbliebenen Vorstandsmitgliedern der Tafel, die seit der Verhaftung der Ex-Chefin Ende Juli fieberhaft daran gearbeitet haben, den Verein wieder auf Vordermann zu bringen. Der ehemaligen Vorsitzenden wird vorgeworfen, Gelder veruntreut zu haben. Es soll um 200.000 Euro gehen. Das hat sie inzwischen gestanden, weshalb sie auf freiem Fuß ist.
„Die Bude war voll“: Aussprache bei der Regensburger Tafel
Die vergangenen Wochen seien ein Kraftakt gewesen. Zum einen ging es für den Verein um die Bewältigung der Vergangenheit – zum anderen darum, möglichst bald wieder aufzusperren. Die Tafel hat seit Anfang Juni geschlossen. Der absolute Großteil der Ehrenamtlichen erfuhr von den Vorgängen im Verein aus der Zeitung. Es prasselten Fragen auf den Vorstand ein – deshalb lud dessen verbliebener Rest am 20. August zu einem Gesprächstreffen.
Zwischen 70 und 80 Leute seien gekommen, sagt Forster. „Die Bude war voll.“ Natürlich habe es viele Fragen gegeben – aus seiner Sicht sei von dem Treffen allerdings ein Signal des Aufbruchs ausgegangen. „Die Motivation ist da.“
Ex-Chefin eröffnet Wege für die Tafel: Kommt ein Notvorstand?
Die zentrale Frage bleibt: Wie geht es jetzt weiter? Die Tafel verfolge nach wie vor zwei Stoßrichtungen, sagt Forster. Zum einen gehe es darum, möglichst bald wieder zu öffnen. Das wird funktionieren, betont der Tafel-Schriftführer. „Wir sind operativ in der Lage, wieder aufzusperren.“ Das Team sei zwar ein wenig geschrumpft, das liege allerdings daran, dass die Verträge einiger Bundesfreiwilligendienstleistender ausgelaufen seien und man im Moment keine Menschen aufnimmt, die Sozialstunden ableisten müssen. „Wir wollen schauen, dass wir das in Ruhe wieder in die Spur bringen“, sagt Forster. Ehrenamtliche seien bislang nicht abgesprungen – im Gegenteil: Zwei neue Helfer hätten sich gemeldet. „Die Leute sind bei der Tafel, weil sie helfen wollen.“
Damit zur zweiten Stoßrichtung: Der Verein braucht einen neuen Vorsitzenden. Die ehemalige Chefin sei zwar mit einem Schreiben zurückgetreten, es habe allerdings Zweifel daran gegeben, dass dieser Brief ausreicht. Nun hat sich die zwischenzeitlich verhaftete Regensburgerin mit einem zweiten Schreiben an den Verein gewandt, sagt Forster. Darin habe sie erklärt, sich nie wieder für die Tafel zu engagieren – dabei gilt für sie ohnehin ein Kontaktverbot. „Das zweite Schreiben hat uns einen Weg eröffnet“, sagt der Schriftführer. Zwischenzeitlich habe der Verein beim Registergericht einen Notvorstand beantragt. Dieser soll dann begrenzte Befugnisse haben, bis die Mitgliederversammlung einen neuen Chef wählen kann. Der Notvorstand könne eine solche Versammlung einberufen und einen Strafrechtler beauftragen. „Wir haben ja keine Akteneinsicht“, sagt Forster. Das könne nur ein Anwalt beantragen. „Wir wissen nichts aus erster Hand.“ Darüber hinaus könne man mithilfe eines Rechtsbeistands versuchen, die Unterlagen und technischen Geräte, die seit einer Razzia Anfang Juni bei der Staatsanwaltschaft liegen, wiederzubekommen. Zudem könne ein Notvorstand Spendenquittungen ausstellen.
„Wir suchen nach Kandidaten“: Regensburger Tafel will sich neu aufstellen
Letztlich liegt die Entscheidung darüber, wer Notvorstand wird, beim Registergericht. Man habe allerdings einen Vorschlag aus den eigenen Reihen eingereicht, sagt Forster und betont: „Es ist ein laufendes Verfahren. Aber: Wir suchen nach Kandidaten.“ Zugleich soll die Satzung der Tafel grundsätzlich überarbeitet werden, damit etwas Ähnliches nicht wieder vorkommen kann, betont Forster.
Auch ohne Notvorstand sei man aber handlungsfähig, sagt der Tafel-Schriftführer. Man habe einen neuen Computer angeschafft und könne Rechnungen bezahlen. „Wenn es nötig wäre, könnten wir sogar ein neues Auto kaufen.“ In den vergangenen Wochen seien Tafel-Helfer damit beschäftigt gewesen, Supermärkte und andere Lebensmittelspender wieder zu akquirieren. Das sei allerdings nach jeder Sommerpause üblich, betont Forster. Er persönlich rechne schon damit, dass am Montag genug Lebensmittel vorhanden seien.
Freudenstein: Rückblick auf Tafel-Schließung im Herbst
Sozialbürgermeisterin Dr. Astrid Freudenstein (CSU) verweist auf Anfrage auf zwei Videokonferenzen, in denen verschiedene Akteure des sozialen Netzes zusammengekommen sind. Aus Sicht der Verwaltung seien die Effekte dieser virtuellen Treffen positiv einzuschätzen. „Das Gesprächsformat soll im späten Herbst, dann in Präsenz, wiederholt werden und auf den Sommer und die Schließung zurückblicken, um diese auch zu bewerten“, sagt Freudenstein.
Während der Tafel-Schließung habe der Allgemeine Sozialdienst der Stadt keine erhöhte Anzahl an Anfragen festgestellt. „Von freien Trägern, beispielsweise der Bahnhofsmission, wurde zurückgemeldet, dass sich die Zahlen ihrer Besucher erhöht hätten.“ Das hatte auch Arno Birkenfelder, Chef der Rengschburger Herzen, mehrfach betont.
Freudenstein über Tafel-Neustart: „Ich bin zuversichtlich“
Freudenstein betont, ebenfalls mit Tafel-Schriftführer Forster in Kontakt zu stehen. „Der verbliebene Vorstand ist offenbar gut in der Lage, das operative Geschäft fortzuführen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Tafel-Team den Neustart gut organisiert.“ Der Verein bleibe freilich eigenständig und „ein wichtiger Baustein in der Hilfelandschaft von Regensburg.“ Die Stadt stehe beim Neustart jederzeit beratend zur Seite, falls das gewünscht sei.
Der Tafel-Skandal im Rückblick
• Razzia: Anfang Juni durchsuchten die Ermittler die Räume der Tafel in der Abensstraße. Dabei wurden zahlreiche Unterlagen und technische Geräte beschlagnahmt. Seither hat die Tafel geschlossen. In Regensburg entbrannte eine Debatte über das, was der Sozialstaat leisten kann.
• Verhaftung: Ende Juli wurde publik, dass die ehemalige Chefin der Tafel verhaftet wurde. Zunächst sprachen die Behörden von rund 69 000 Euro, die sie veruntreut haben soll. Nach knapp zwei Wochen in Haft machte die ehemalige Vereins-Chefin dann reinen Tisch.
• Freilassung: Sie räumte ein, rund 200 000 Euro veruntreut zu haben. Daraufhin kam sie auf freien Fuß, muss sich allerdings an Auflagen halten – sie darf unteranderem keinen Kontakt zur Tafel aufnehmen. Die Ermittlungen laufen indes weiter, wann es zum Prozess kommt, ist derzeit noch unklar.