Regensburger Tafel-Insider packen aus: Herrschte ein System aus Macht und Misstrauen?

Von Philip Hell · 13. August 2025 um 05:00

Die Regensburger Tafel wird von einem Skandal erschüttert: Die Ex-Vorsitzende hat eingeräumt, rund 200.000 Euro veruntreut zu haben. Wie konnte es so weit kommen? Ehemalige und derzeitige Mitarbeiter schildern ein System aus Misstrauen, Manipulation und Macht. Darunter auch die Person, die den Fall wohl ins Rollen brachte.

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Die Person möchte anonym bleiben. Schon bei ihrem ersten Einsatz habe die damalige Chefin herumgebrüllt. Warum sie noch einmal kam? „Weil ich etwas Gutes tun wollte.“ Ihr Arbeitsalltag sei von strikten Regelvorstellungen der Chefin geprägt gewesen: Wer unpassend angezogen war, sei mitunter heimgeschickt worden. Wer sich in der ersten halben Stunde einen Kaffee holte, habe als faul gegolten. Wer an der Tischkante lehnte, sei zusammengestaucht worden. „Die Stimmung war angespannt.“ Aber: „Ich mochte mein Team, ich habe gerne mit ihnen zusammengearbeitet.“

Tafel in Regensburg: Macht durch Abhängigkeit?

Sie habe an ihrer damaligen Chefin zwei Seiten wahrgenommen, sagt die Person. Es habe Momente gegeben, in denen sie Nähe zuließ. In denen sie vor ausgewählten Mitarbeitern weinte. In denen sie ihnen intimste Dinge anvertraut habe. „Sie hat die Menschen manipuliert.“ Sie habe Intrigen gesponnen, indem sie Freiwilligen angeblich Privates von anderen Ehrenamtlichen erzählte. Heute ist sich die Person, die bei der Tafel gearbeitet hat, sicher: „Vieles war schlicht und einfach erfunden.“ Wollte die Chefin durch Macht Abhängigkeiten schaffen? So sieht das zumindest die Person, mit der die MZ gesprochen hat, inzwischen. Die Tafel sei dafür ein idealer Nährboden gewesen: „Die Kunden waren von ihr abhängig, weil es Essen gab. Die Mitarbeiter waren von ihr abhängig, weil die Tafel oft ihr ganzes soziales Umfeld war.“ Inzwischen ist die Person davon überzeugt: „Auch ich bin auf sie hereingefallen.“

Dabei seien ihr schnell Zweifel am Verhalten der Vorsitzenden gekommen. Die Chefin habe den Kunden Lebensmittel vorenthalten. Und das, obwohl die Kühlhäuser „voll bis zur Decke“ gewesen seien – einer der Räume sei für die Chefin reserviert gewesen, schildert die Person. Wutausbrüche seien den Schilderungen zufolge an der Tagesordnung gewesen – auch Kunden gegenüber. Dazu seien zahlreiche Anrufe der Chefin gekommen. „Ständig hat mein Handy geläutet. Irgendwann wollte ich nicht mehr hingehen. Ich hatte Angst, etwas falsch gemacht zu haben.“ Und gleichzeitig habe die Vorsitzende „zuckersüß“ sein können, so erinnert sich die Person. Zum Beispiel, wenn Politiker oder Journalisten vor Ort waren. „Sie war lieb, bis die Tür wieder zuging. Dann waren wir wieder ihre Deppen.“

Griff die Tafel-Chefin in die Kasse?

Irgendwann, so erinnert sich die Person, sei ihr aufgefallen, das etwas nicht stimmt – abgesehen vom Fehlverhalten auf zwischenmenschlicher Ebene. Ihr seien Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Spenden aufgefallen. Darüber hinaus sei die Chefin an den Ausgabetagen an die Kasse gegangen, um Scheine zu entnehmen. „Damit die Kunden sie nicht klauen, hat sie gesagt.“ Außerdem habe der Lebensstil der Chefin für Verwunderung gesorgt. Teure Autos, extravagante Urlaube – aber niemand wusste so recht, wo das Geld dafür herkam. Sie sei misstrauisch geworden, sagt die Person. Sie habe genauer hingeschaut, versucht, Beweise zu finden. Letztlich blieb nicht viel mehr als ein Bauchgefühl. Sie habe lange überlegt und sei schließlich zur Polizei, um eine Verdachtsanzeige aufzugeben.

Lange geschah nichts – bis zur Hausdurchsuchung im Juni. „Da wusste ich: Sie müssen etwas finden“, sagt die Person. Als die Ex-Chefin verhaftet wurde, habe sie zunächst Mitleid empfunden. „Letztendlich ist das auch ein Mensch, eine Existenz. Es war kein Glücksgefühl.“ Während die Quelle mit der MZ spricht, wird öffentlich, dass die Tafel-Chefin gestanden hat – und auf freien Fuß kommt. Die Person muss sich kurz sammeln. „Natürlich habe ich Angst, sie in der Stadt zu treffen. Aber ich würde es wieder so machen.“ Immer wieder betont die Person, dass sie keinen Rachefeldzug führt. „Mir geht es um Gerechtigkeit.“

Regensburger Staatsanwaltschaft: Anzeige kam aus Tafel-Umfeld

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Rauscher, bestätigt auf Anfrage, dass die Ermittlungen durch die Anzeige von jemandem, der bei der Tafel gearbeitet hat, ins Laufen gekommen seien. „Diese Person vermutete aufgrund verschiedener vermeintlicher Unregelmäßigkeiten Veruntreuungen durch die Beschuldigte.“

Die MZ hat mit ehemaligen und derzeitigen Mitarbeitern der Tafel gesprochen. Sie schildern ihre Zeit beim Verein ähnlich, wie jene Person, die die Anzeige gestellt hat. Es fällt in den Gesprächen unter anderem der Begriff „Cholerikerin“. Die ehemalige Chefin habe Menschen gegeneinander ausgespielt. So die Sicht der Freiwiligen, die mit der MZ gesprochen haben. Es sei ein System der Macht durch Manipulation gewesen. Anfangs habe die Chefin Vertrauen aufgebaut, habe sich von ihrer besten Seite gezeigt. „Das hat sich schnell gewandelt“, erinnert sich eine Quelle. Es seien Lügen erzählt worden. Generell sei das Verhalten der Chefin mit der Zeit immer schlimmer geworden. Die Ehrenamtlichen sprechen etwa von Regeln, die in ihren Augen unsinnig gewesen seien: Kinder hätten nicht in die Tafel gedurft, bis vor Kurzem galt noch Maskenpflicht. Unregelmäßigkeiten in Sachen Geld seien aber nicht aufgefallen. Nur eben der Lebensstil der Chefin, der viele verwundert habe. „Natürlich fragt man sich jetzt: Habe ich etwas übersehen?“ Andererseits gehe man ja nicht davon aus, dass so etwas ausgerechnet im Umfeld der Tafel passiere.

Zugleich habe die Chefin auch viel Gutes für die Tafel getan, beispielsweise viele Spenden eingetrieben. Und, das betonen die Freiwilligen mit Nachdruck, sei die Arbeit an sich schön gewesen – dem Verhalten der Chefin zum Trotz. „Irgendwann stumpft man ab.“ Die Stimmung sei herzlich gewesen, gerade wenn die Vorsitzende nicht da war.

Schriftführer bewertet Geschehen in der Tafel anders

Die Ehrenamtlichen sagen unisono, sie hätten von den Vorgängen im Verein nur aus den Medien erfahren. Die Zeit bei der Tafel möchten sie nicht missen. „Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt.“ Und auch das betonen die Freiwilligen: „Die Tafel ist ein toller Verein. Er leistet Großes.“ Einer der Ehrenamtlichen fügt an: „Ich hoffe, dass der Verein es schafft.“

Es gibt auch Stimmen, die das Geschehen in der Tafel anders bewerten. Georg Forster etwa. Der Schriftführer sprach bei einem Pressetermin in der Tafel in der vergangenen Woche davon, dass es im Verein keine Missstimmung gab. Man habe tolle Feste miteinander gefeiert.

Die Anwälte der Ex-Tafel-Chefin wollten sich nicht äußern.