Tafel-Schock trifft die Ärmsten: Bedürftige überrennen Rengschburger Herzen

Von Philip Hell, Marion Koller · 31. Juli 2025 um 07:00

Nach der Verhaftung der ehemaligen Vorsitzenden wird eine Frage immer drängender: Wie geht es mit der Regensburger Tafel weiter? Menschen, denen am Ende des Monats kaum Geld bleibt, stehen plötzlich ohne Lebensmittel da. Hilfsorganisationen wie die Rengschburger Herzen springen in die Bresche. Für die Ex-Chefin der Regensburger Tafel haben die Ermittlungen indes weitere Konsequenzen.

Video ansehen

Bedürftige und Mitarbeiter der Regensburger Tafel stehen unter Schock. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. „Das ist der Supergau“, sagt eine Ehrenamtliche. „Wer spendet jetzt noch?“ Am Dienstag hat die Staatsanwaltschaft bekanntgegeben, dass die Tafel-Chefin in U-Haft sitzt. Ihr wird Veruntreuung vorgeworfen. Die Rengschburger Herzen, eine weitere Sozialorganisation, müssen seit der Tafel-Schließung im Juni einen Riesenandrang bewältigen. „Wir haben so viele Leute, die außerplanmäßig aufschlagen. Die kommen weinend und verzweifelt, weil sie auf die Zusatzversorgung angewiesen sind“, sagt Leiter Arno Birkenfelder.

Gisela H. hat ihre Lebensmittel jahrelang bei der Tafel geholt. „Ich war immer zufrieden“, sagt sie. „Die Tafel hat mir sehr geholfen.“ Mit ihrer Rente von 1200 Euro kann die Seniorin keine großen Sprünge machen. 670 Euro überweist sie allein für die Miete.

Als die 76-Jährige am Telefon von den schweren Vorwürfen gegen die Vorsitzende erfährt, ruft sie aus: „Das hätte ich nie von ihr gedacht!“ Gisela H. erinnert sich gern an ein kleines Fest mit Ehrenamtlichen und Sponsoren, zu dem die Tafel-Chefin auch sie eingeladen hat. Leberkäs und Kartoffelsalat wurden serviert.

Ex-Chefin der Regensburger Tafel sitzt in U-Haft: Hoffen auf einen Neuanfang

Die Rentnerin ist froh, dass sie zu den Rengschburger Herzen wechseln konnte. Dort erhält sie Lebensmittel, aber kaum Gemüse. „Das macht schon viel aus. Dann muss ich mir was Frisches selber kaufen. Alles ist so teuer geworden“, sagt die Witwe, die vier Kinder aufgezogen und jahrzehntelang als Reinigungsfrau gearbeitet hat. Sie hofft, dass bei der Tafel ein Neuanfang mit einem der anderen Vorstände gelingen wird.

Seit 6. Juni ist die Tafel geschlossen. Es gab eine Hausdurchsuchung. Am Dienstag teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg, Thomas Rauscher, mit, dass die Behörden der Tafel-Vorsitzenden vorwerfen, Vermögenswerte in Höhe von rund 69 000 Euro durch mehrere Handlungen veruntreut zu haben. Es geht um 352 Fälle. Das Amtsgericht bejaht die Haftgründe der Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Für die Tafel-Chefin gilt die Unschuldsvermutung.

Eine 73-jährige Tafelkundin und Helferin hat sich montags immer darum gekümmert, dass sich die Abholer korrekt in die Warteschlange einreihen und nicht vordrängen. Die Inhaftierung der Tafel-Chefin macht sie fassungslos. „Veruntreuung? Das kann ich mir bei ihr überhaupt nicht vorstellen. Sie ist sehr gewissenhaft.“ Der Ton aber sei zuweilen scharf gewesen.

Die 73-jährige Rentnerin, die mehr als 40 Jahre als Erzieherin und in der Industrieproduktion gearbeitet hat, lebt heute von 1100 Euro. Ihr bleibe kein Cent übrig. „Deshalb brauche ich die Tafel. Mir gehen die Wurst, der Käse, die Milch, alles ab, was ich dort bekommen habe.“

Chaos in der Regensburger Tafel: Arme wechseln zu den Rengschburger Herzen

Zahlreiche Arme wechseln zu den Rengschburger Herzen, die aber nur alle 14 Tage Lebensmittel ausgeben, weil sie auch Obdachlose im Bahnhofsbereich mit Sandwiches versorgen. Leiter Arno Birkenfelder sagt, seit Mitte Juni sei der Druck gestiegen. „Wir kriegen jeden Tag zahlreiche Hilfegesuche und sind total überlastet.“ Sozialbürgermeisterin Dr. Astrid Freudenstein (CSU) berief am Freitag die zweite Videokonferenz mit Ämtern und Sozialorganisationen der Stadt ein. Das Ergebnis: Es gebe einen Anstieg der Hilfesuchenden bei der Bahnhofsmission, der Caritas und den Rengschburger Herzen. Aber das sei für alle machbar. Im Sommer seien ohnehin viele Bedürftige nicht da. Arno Birkenfelder widerspricht: „Die Menschen sind nicht im Urlaub.“ Die „Herzen“ spürten kein Sommerloch. Freudensteins zweite Videokonferenz hat Birkenfelder nicht besucht, weil er bei der ersten nicht zu Wort gekommen sei.

Wie es mit der Tafel weitergeht, ist unklar. Vor der Mitteilung der Staatsanwaltschaft hieß es aus dem Vorstand, am 15. September werde wiedereröffnet. Eine 62-jährige Ehrenamtliche sorgt sich vor allem um die Bedürftigen. Sie fragt sich aber auch, ob es überhaupt weitergeht. Immerhin 2600 Regensburger beziehen Leistungen vom Sozialamt und rund 7000 vom Jobcenter, hieß es vor kurzem.

Wie geht es mit der Regensburger Tafel weiter? Dachverband will helfen

Die Vorsitzende der Tafel, die derzeit in U-Haft sitzt, war auch stellvertretende Vorsitzende der Tafel Deutschland. Ein Sprecher des Dachverbands teilt am Mittwoch auf Anfrage der Mediengruppe Bayern mit, dass das Amt der Regensburgerin bereits seit 1. Juli ruht – das war knapp drei Wochen vor ihrer Verhaftung. Die Tafel Regensburg sei ein eigenständiger Verein, betont der Sprecher der Tafel Deutschland. Dennoch sei es dem Dachverband ein explizites Anliegen, dass die Vorwürfe gegen die Regensburger Vorsitzende vollständig aufgeklärt werden – wenngleich die Unschuldsvermutung gilt. Man kooperiere mit den Ermittlungsbehörden und ergreife intern notwendige und präventive Maßnahmen. „Weiterleitungen finanzieller Mittel von Tafel Deutschland an die Tafel Regensburg finden aktuell nicht statt“, betont der Sprecher.

Gemeinsam mit dem Landesverband Tafel Bayern wolle der Dachverband den Regensburger Verein dabei unterstützen, wieder handlungsfähig zu werden. Ziel sei es, eine zügige Wiederaufnahme des Betriebs zu ermöglichen. Das sei im Sinne der Kunden – und der Helfer.