Schock für Schwache: Tafel schließt monatelang und stürzt Regensburger Arme in Not

Der Schock sitzt tief: Die Regensburger Tafel, die nach eigenen Angaben wöchentlich 5000 Bedürftige versorgt, schließt mindestens bis Mitte September. Hintergrund sind Renovierungsarbeiten, aber auch Personalmangel und massive Querelen. Andere soziale Einrichtungen könnten den Ansturm der Bedürftigen nicht auffangen. Der Chef der Rengschburger Herzen macht den Verantwortlichen massive Vorwürfe. Regensburgs Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein indes stellt klar: Deutschland ist einer der ausgeprägtesten Sozialstaaten der Welt.
Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Zumindest bei jenen Menschen, die Kunden sind bei der Tafel und einen sogenannten Berechtigungsschein haben. „Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht“, heißt es ein einem Aushang an dem Gebäude in der Abensstraße 10 im Regensburger Stadtnorden. „Aber letztlich sehen wir hier die einzige Möglichkeit: Die Tafel Regensburg bleibt ab sofort bis 12.09.2025 geschlossen. Es erfolgt daher keine Abholung.“ Nach eigenen Angaben versorgt die Tafel wöchentlich bis zu 5000 Menschen, die sich nicht ohne weiteres im Supermarkt eindecken können. Die Situation ist bayernweit einzigartig: Keine andere Tafel schließt so lange.
Die Ursachen für die lange Schließung werden in dem Schreiben relativ lapidar abgehandelt: „Die Gründe hierfür liegen in der Nicht-Verfügbarkeit von Verantwortlichen, Personalmangel, krankheitsbedingten Ausfällen, Urlaubszeit und auch in den noch andauernden Restarbeiten der Dacherneuerung.“ Eine Adresse, wohin sich die Bedürftigen wenden können, ist nicht angegeben. Die Schließung gilt seit dieser Woche.
Jedes Mosaiksteinchen in unserem engen sozialen Netz fehlt, wenn es ausfällt“, so Freudenstein weiter. „Aber es ist mir wichtig zu sagen: Die Grundversorgung armer Menschen übernimmt in Deutschland der Staat.
Astrid Freudenstein, Sozialbürgermeisterin (CSU)
Astrid Freudenstein, Regensburgs Sozialbürgermeisterin, lobt die Arbeit der sozialen Gruppen in der Stadt, die sich mit großem Einsatz um Bedürftige kümmern. Sie sagt aber auch: „Deutschland ist ein starker Sozialstaat, meines Erachtens der stärkste der Welt“, betont sie. Sie weist darauf hin, dass alle Abnehmer der Tafel auch finanzielle Leistungen vom Sozialstaat erhalten. Dazu zählen Bürgergeld, Wohngeld, Arbeitslosengeld oder Grundsicherung. In Regensburg zahlt das Sozialamt monatlich mehr als zwei Millionen Euro an rund 2600 Empfänger aus, so Freudenstein. Hinzu kommen Leistungen für etwa 1100 Asylbewerber. Vom Jobcenter der Stadt erhalten rund 7000 Menschen Unterstützung.
„Keine Grundversorgung“
Freudenstein sieht in den freiwilligen Initiativen wie Tafel, Strohhalm oder Herzen eine wichtige Ergänzung, jedoch keine Grundversorgung. „Das können sie auch nicht“, sagt sie. Die Stärke dieser Initiativen liege darin, dass sie im Gegensatz zur öffentlichen Hand sehr unbürokratisch arbeiten können und viel Herzblut in ihre Arbeit stecken. „Jedes Mosaiksteinchen in unserem engen sozialen Netz fehlt, wenn es ausfällt“, so Freudenstein weiter. „Aber es ist mir wichtig zu sagen: Die Grundversorgung armer Menschen übernimmt in Deutschland der Staat.“
Einen Kommentar zur Tafel-Schließung lesen Sie hier: Alle müssen jetzt helfen
Eine ehemalige Tafel-Mitarbeiterin, selbst angehende Juristin, schildert im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern eine fatale Situation. Die Anträge auf Aufnahme zur Tafel – die Bescheide sind immer jeweils sechs Monate gültig – würden schon Aktenordner füllen. „Die Tafel ist ein sehr schöner Ort, wir tun Gutes. Aber die Zusammenarbeit mit der Vorsitzenden ist untragbar, sowohl für die Ehrenamtlichen, als auch für die Kunden“, sagt die frühere Mitarbeiterin.
Auf dem Aushang am Tafel-Gebäude gibt es keinerlei Hinweis darauf, wohin sich die Bedürftigen während der Tafel-Schließung wenden können. Lediglich eine Adresse für Lieferanten von Lebensmitteln ist genannt. Marion Listl von Foodsharing e.V. sagt, ihre Organisation könne die Menschen nicht versorgen. „Die müssten alle eine Schulung und ein Aufnahmeverfahren durchlaufen.“ Foodsharing sei keine soziale Organisation, sondern rette Lebensmittel vor der Mülltonne. „Wenn Lebensmittel übrig sind, kann man sich bei uns melden.“ Die Hintergründe der Tafel-Schließung kenne sie nicht.
Kritik an Tafel-Vorstand
„Regensburg hat ein Problem“, sagt Arno Birkenfelder, Chef der Rengschburger Herzen. Er stellt sich entschieden gegen diese Entscheidung und fragt: „Wer versorgt jetzt die von der Vorstandschaft der Tafel wöchentlich auf 5000 genannten Bedürftigen?“ Mit Nachdruck erklärt Birkenfelder: „Wenn es die derzeitige Vorstandschaft der Tafel nicht auf die Reihe bekommt, die Menschen zu versorgen, die es am dringendsten brauchen, dann sind sie fehl am Platz.“
Georg Forster ist Schriftführer bei der Tafel. Er versteht die Aufregung nicht. „Wir haben schon immer in den Sommerferien geschlossen, weil auch viele unserer Kunden und Helfer verreist sind.“ Dass sich der Zeitraum so ausgeweitet habe, liege daran, dass das Gesundheitsamt Reparaturen am Dach und den Rolltoren angemahnt hatte, die sich verzögert haben. „Wir konnten im Schneideraum derzeit nicht mal mehr portionieren“, sagt Forster. Vorwürfe gegen die Vorsitzende der Tafel hält Forster übrigens für „erstunken und erlogen“. Die Regensburger Tafel sei gemeinnützig. „Und wir bestehen jede Steuerprüfung mit Bravour.“